Flüchtling – was zum Teufel soll das genau sein?

Unser Kolumnist misstraut Worten und auch Menschen, die Lösungen für Konflikte in ein zwei Wörtern formulieren. Dafür bewahrt er sich eine respektvolle Faszination für Doppeldeutigkeiten und Metaphern.

(Bild: Nils Fisch)

Unser Kolumnist misstraut Worten und auch Menschen, die Lösungen für Konflikte in ein zwei Wörtern formulieren. Dafür bewahrt er sich eine respektvolle Faszination für Doppeldeutigkeiten und Metaphern.

Meine Gutmensch-Kolumne hat Wellen geschlagen. Dieser kurze Satz enthält mindestens ein doppeldeutiges Wort und eine Metapher. Als Wortkünstler bin ich sehr angetan von Metaphern, Doppeldeutigkeiten, Sinn und Sinnlosigkeit dieser Buchstabenhaufen.

«Flüchtlingsstrom» ist auch ein interessantes Konstrukt. Es hat etwas Meteorologisches oder Geografisches. Ein Strom. Ein Naturphänomen: Ein unkontrollierter Fluss, der sich seinen Weg bahnt, Dämme einreisst und – macht man ein Loch auf – von diesem sogartig angezogen wird. Dass es sich bei der Flüchtlingswelle (auch toll) um Millionen einzelner Individuen mit verschiedenen Hintergründen und ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen handelt, transportiert dieser Begriff «Strom» nicht.

«Völkerwanderung» wäre für mich ein treffenderes Wort für das, was da passiert. Aber auch das ist nur ein zusammengesetztes Wort, das der Tragweite und Komplexität der gegenwärtigen Phänomene nicht gerecht wird. Trotzdem würde ich die «Völkerwanderung» dem «Flüchtlingsstrom» als Bezeichnung vorziehen. Denn Ersteres verzichtet auf ein anderes trügerisches Wort, das der eigentliche Protagonist dieser Kolumne ist – der «Flüchtling»!

Flüchtling – ein Wort, das man sagt, ohne sich etwas dabei zu denken; bis man doch nachdenkt und den Gedanken nicht los wird, dass dieses Wort bedenklich ist.

Was zum Teufel soll denn das genau sein – ein Flüchtling? Ein Gnom? Eine exotische Tierart? Was zu essen? Flüchtling – ein Wort, das man sagt und schreibt, ohne sich gross etwas dabei zu denken; bis man dann doch mal nachdenkt und den Gedanken nicht los wird, dass dieses Wort bedenklich ist. Versteht mich nicht falsch. Ich verwende das Wort auch oft und mir ist bis jetzt keine knackige Alternative eingefallen.

Aber ich glaube, dass sich nicht einer der über 50 Millionen Menschen auf der Flucht in erster Linie als Flüchtling bezeichnen würde. Er oder sie (was ist eigentlich die weibliche Form von Flüchtling? Die Flüchtlingin? Fluchtfrau?) würde vielleicht eher sagen: Ich bin eine Lehrerin, die gerne Gedichte schreibt, Sneakers sammelt und ihre beste Freundin vermisst. Oder: Ich bin Arzt und Vater von drei Töchtern und grosser Inter-Mailand-Fan. Was er kaum sagen würde: Hallo, ich bin ein junger männlicher Flüchtling.

«Ankauern» im «concentration camp»

Das Wort Flüchtling ist ein fieses Sammelwort, das versucht eine Menschengruppe zu beschreiben, dabei scheitert und noch ein weiteres fatales Handicap hat – es ist negativ behaftet und wird so zum Unheil bringenden Stigma. So richtig bewusst wurde mir dies während meinen paar Tagen mit einer Gruppe freiwilliger Schweizer Helfer auf der griechischen Insel Lesbos. Dutzende Boote und Tausende Menschen sah ich an der griechischen Küste landen. Von Syrien über die Türkei nach Lesbos und somit nach Europa geflüchtet, waren die meisten erleichtert und froh, endlich «in Sicherheit» zu sein. Was viele scheinbar nicht wussten – die Odyssee hatte erst begonnen.

Wir brachten Hunderte Kinder, Frauen und Männer ins Auffanglager Moria (ja genau, wie die Unterwelt in «Herr der Ringe»), ein überfülltes Höllenloch, das in der Fachsprache übrigens «concentration camp» heisst … Hier mussten Tausende Menschen zum Teil tagelang anstehen – beziehungsweise «ankauern» –, um ein für die Weiterreise unerlässliches Dokument zu besorgen.

Der Apotheker, zwei Studentinnen, der Bauer, die im Auffanglager anstanden – sie alle waren dabei ihre Identität zu verlieren. Von nun an waren sie Flüchtlinge.

Mit «ankauern» meine ich, dass die überforderten griechischen Polizisten, um den Überblick über die Menschenmasse zu behalten, alle Anstehenden in die Knie zwangen. Ich erinnere mich, wie ich daneben stand und beschämt auf die kauernden Menschen herunterblickte. Der Apotheker, der Musiker, zwei Studentinnen, der Bauer, Sportler, die junge Familie, eine Gruppe Hipster – einige von ihnen hatten wir persönlich kennengelernt –, sie alle waren gerade dabei, ihre Identität zu verlieren. Von nun an waren sie Flüchtlinge. Ein hartes Schicksal.

Denn ein Flüchtling muss im Freien schlafen, ein Flüchtling kann froh sein, wenn er etwas zu essen kriegt, ab und zu ertrinken ein paar Flüchtlingskinder im Meer – Schicksal. Flüchtlinge müssen im Zaun gehalten werden, in Lagern. Versuchen sie eine Grenze zu überqueren, dürfen sie niedergeknüppelt werden. Flüchtlinge sollten es nicht allzu schön haben, sie können froh sein, wenn sie in der Schweiz in einem unterirdischen Bunker leben dürfen. Das ist immer noch besser als im Krieg und wir mussten ja im Militär auch im Bunker schlafen.

Ein Flüchtling, der sich beschwert – eine absolute Frechheit! Und wozu braucht eigentlich so ein Flüchtling ein Smartphone, bitte? Oder einen Anwalt? Oder dieselben Rechte wie wir Schweizer? Und ist Euch auch schon einmal so eine Gruppe Flüchtlinge am Bahnhof begegnet? Schon furchteinflössend, oder? Jetzt beginnen immerhin einzelne dieser verweichlichten Flüchtlinge zurückzuflüchten. Nur recht so! Wenns ihnen nicht passt – tschüss!

Ein Wort besiegelt das Schicksal von Millionen Menschen. Sie verlieren ihre Identität und werden zu diesem abstrakten Ding.

Merken wir, was hier abgeht?! Diese Menschen flüchten vor Elend und Krieg – sie sind Opfer, auch wenn das ein weiteres zweischneidiges Wort ist. Wenn in Frankreich ein deutsches Flugzeug abstürzt, herrscht europaweit Trauer. Es gibt hashtags und Sondersendungen und die Solidarität ist riesig. Die Angehörigen und Überlebenden werden mit Mitleid und Liebe überschüttet. Wenn Tausende Menschen vor unseren Küsten ertrinken, passiert wenig bis nichts, ja, es gibt sogar Spott und Hohn, weil es eben keine Schweizer oder Deutsche oder Franzosen sind – sondern nur Flüchtlinge, und die sind irgendwie selbst schuld.

Ein Wort besiegelt das Schicksal von Millionen Menschen. Sie verlieren ihre Identität und werden zu diesem abstrakten Ding – zu einem Flüchtling. Immer wieder überlege ich mir Alternativen zu diesem Wort und immer wieder komme ich zum gleichen Schluss. Die momentane Weltlage und unsere politischen und gesellschaftlichen Challenges lassen sich nicht auf ein Wort reduzieren, auch nicht auf zwei oder drei. Sie erfordern unablässigen Dialog und viel Geduld und Offenheit. Deshalb misstraue ich Worten und auch Menschen oder Gruppen, die Lösungen für Konflikte in ein, zwei Wörtern formulieren und bewahre mir eine respektvolle Faszination für Doppeldeutigkeiten und Metaphern.

Konversation

  1. Danke für deine guten Gedanken!
    Um Hans Jürgen Eicher noch zu komplettieren: Die Integration, z.B. von Heimatvertriebenen aus Polen war desaströs und kaum besser. Die Willkommenskultur stand deutlich hinter: „ist kein Problem für mich, hab selbst genug zu tun“.

    Danke Empfehlen (0 )
  2. Die exotisce Tierart und die Fluchtfrau haben mich sehr amüsiert.
    Danke, dass Du uns auf die Wortgewalt der Sprache aufmerksam machst:
    Feinsinnig, herzhaft und lebensnah.

    Danke Empfehlen (0 )
  3. Der Begriff „Flüchtling“ ist wirklich unsinnig. „Heimatvertriebene“ wäre die bessere Bezeichnung, heute sind es zu einem grossen Teil syrische Heimatvertriebene. Die junge BRD musste nach Kriegsende 1945 12 Mio. Heimatvertriebene aus Polen, Tschechoslowakei etc. integrieren. _12 Mio._ Wahrscheinlich hatten auch diese Einheimischen „Aengste“. Die deutsche Integration ist gelungen, es gab keinerlei Rückweisungen oder Ausschaffungen. Offensichtlich gab es damals auch eine Willkommenkultur

    Danke Empfehlen (0 )
  4. Es gibt viele Leute, denen beim Wort „Flüchtling“ irgendwie immer „Hau ab!“ in den Sinn kommt. Dies bei genauerem Hinsehen sogar auch bei Mitbürgern mit divergenten Meinungen.
    Man findet natürlich bei der alten Merkel die Oberschuldige, die das ganze Desaster verursacht hat, obwohl wohl nur 5% dieser Flüchtlinge irgendwie schief sind. In einem anderen Alltag begnügt man sich soger mit einer Fehlerrate weit über 5%, besonders beim Computer und im Strassenverkehr. Dort wird sogar der tägliche Stau anstandslos zum Alltag ertragen fast ohne Murren und sicher ohne „Hau ab“-Ideen.

    Der Neid den Flüchtlingen gegenüber ihrem Smartphönchen ist eigentlich nur eine schlechte Überspielung dieser „Hau ab“-Idee.

    ..wäre ja noch schöner, wenn die bald auch noch das bessere Auto oder die bessere Wohnung haben, als man selber!

    Globalisierung hat einen Vorteil: Man kann Orangen, Kiwis und Bananen essen.
    Der Nachteil ist, dass auch der „Artikel Mensch“ zur internationalen „Handelsware“ wird. Man sieht sich plötzlich einer Konkurrenz gegenüber, die halt von weiter her kam als aus dem nächsten Dorf.
    Blöd, jetzt muss man sich auch noch mehr anstrengen!
    Halt Schluss mit Bequemlichkeit!
    Mist!!!!

    Danke Empfehlen (0 )
  5. Worte, wie Fussballer.Was sagen sie aus? Ist der Fussballer gross oder klein? Ist er …….
    Wie dumm sind wir, dass wir ein Wort nicht mehr verstehen, im Kontext, in welchem es auftritt!
    Der Westeuropäer hat ein gewisses Bildungsniveau! Was er nicht hat, ist Zeit!

    Das wäre doch mal ein Artikel wert! Zum Beispiel: Wie kann der durchschnittliche Westeuropäer arbeiten, erziehen, sich bilden, sich entspannen, dass er gesund bleibt, und dann noch nachhaltig Flüchtlinge betreuen?
    Kann er das?

    Wer macht es dann? Behörden? Richtig! Gibt es genug Geld? In GR nein! In DE ja! In der CH auch!

    Leider ist das ganze aber ein politischer Prozess in einer Demokratie! Übergeht man den, gibt es Probleme! Und dort stehen wir und die Flüchtlinge nun.

    Über da Wort Probleme könnte man millionen von Büchern schreiben! (gibt es schon, reicht aber immer noch nicht)!

    Danke Empfehlen (0 )
  6. „Von Not getriebener Mensch“

    Vielleicht hast du recht und ein Wort kann nicht zusammenfassen, was da geschieht, wer da fliehen muss und Schutz sucht.

    Dennoch habe ich mir den Kopf zerbrochen und bin auf oben genannte Umschreibung gekommen.
    Ich denke, dass die Bezeichnung „Mensch“ wenigstens ein klein wenig begreifbar macht, dass es kein Tier oder Dämon ist, das/der da flieht.
    Das Wichtigste scheint mir aber der Singular zu sein, welcher den Menschen in Europa zwingt, sich in den von Syrien etc. herkommenden Menschen hinein zu versetzen.

    Danke Empfehlen (0 )
  7. Ist es Zufall, Schicksal oder wie ist es zu erklären, dass aus Anlass der Spekulationen über die Herkunft der Täterschaft im Zusammenhang mit den massiven sexuellen Übergriffen in Köln über den Jahreswechsel, der hashtag #einearmlängeabstand, im Netz virale Verbreitung fand, nachdem Oberbürgermeister_In Henriette Reker, selber noch Opfer einer Messerattacke wurde im Oktober während Ihres Wahlkampfs. Die Politiker_in wurde dabei lebensgefährlich verletzt, das ihre Bezeichnung mit dem Trauma des Nationalsozialismus zusammenfällt mag sehr unglücklich kommuniziert worden sein, die Täterschaft der Messerattacke rechnete man laut Medienmitteilung dem Rechtsextremen Spektrum zu. Die Ironie hinter #einearmlängeabstand ist, dass die Politiker_in sich zuvor in Köln als Leiterin für Soziales, einen Namen bei der Aufnahme & Integration von Migrant_innen einen Namen gemacht hat. So kontingent ist heute die Realität, aber nichts entbehrt mehr der Ironie, wenn man bedenkt, wieviele auf dem Weg in die Festung Europa, an Ihren Grenzen, eingepfercht in Camions ums Leben gekommen sind, erstickt, mit #einerarmlängeabstand. Die Menschenrechtsaktivist_in mit somalischen Wurzeln Fatuma Musa Afrah hat aufgerufen, Flüchtlinge und Refugees, im Interesse Ihres Selbst-emanzipatorischen Prozess, als #Newcomer zu bezeichnen.

    Danke Empfehlen (0 )
  8. Die Bemühungen des werten Knackeboul, sich mit tiefgründigen und definitiv durchdachten Analysen an der aktuellen „Flüchtlingsdebatte“ (oder wie auch immer man es nun nennen mag/darf) zu beteiligen, sind zweifelsohne lobenswert. Doch was genau erreicht man mit originell-intellektueller Poesie bei Leuten rechts der politischen Mitte, wenn es darum geht, ihnen eine Durchsetzungsinitiative auszutreiben?

    Danke Empfehlen (0 )
    1. @ Frodo:
      Vergiss es!
      Es gibt nur eine Lösung: Den leuten die Initiative schubkarrenweise süss und schmackchaft machen.
      Sie sollen sämtliche tollen Vorteile kennenlernen und zu wissen bekommen!

      Hier begegnet sich plötzlich die Satire undr Wahrheit!

      Nach altem Paracelsus macht nicht der Stoff, sondern die Dosis das Gift!

      Vielleicht ist bei manchen (bequemlichen) Leuten auch die Wahlurne der letzte Abenteuerspielplatz: Anonym und deshalb spannend!

      … Das Abenteuer beginnt dann aber erst danach!
      …und es ist gefährlich!

      Danke Empfehlen (0 )
Alle Kommentare anzeigen (9)

Nächster Artikel