Fussball, ornithologisch betrachtet

Fussballer haben Spatzenhirne? In Wirklichkeit bespielen die Kicker bloss die weltgrösste Bühne für alle, die es nötig haben, der Welt endlich zeigen zu können, wie gross ihr eigener Vogel ist.

Derzeit besonders beliebt bei gewissen Sportexperten: Gummi-Doppeladler (hier mit Roger Köppel).

Eulen nach Athen getragen: Fussballer sind dumm. Gemeinhin erwartet man von Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit dem beliebtesten Ballspiel der Welt verdienen, wenig bis gar kein Köpfchen. Mit ein Grund dafür, dass Fussballer vogelfrei sind.

Zum Erfolgsrezept des erfolgreichsten Spiels der Welt – bei der letzten WM haben 3,2 Milliarden an privaten Geräten zugeschaut, das ist fast jeder zweite überhaupt existierende Mensch – gehört, dass der Zuschauer alles besser weiss. Jeder einzelne, immer.

Vogel zeigen

Weil alle Zuschauerinnen und Zuschauer auch die Experten sind, sind die Stadien gut besucht. Auf der ganzen Welt. Fussball-Fantum verleiht auf mehrere Arten Flügel. Freund und Feind stehen von Anfang an fest, was zum Ausleben aufgestauter Gefühle (von Fangesängen bis zu Fluchen wie ein Rohrspatz) animiert.

Die eigene Mannschaft muss durchaus auch Federn lassen, wenn sie schlecht spielt. Im Stadion findet sich immer ein Grund, jemandem den Vogel zu zeigen, nicht zuletzt dem Schiedsrichter. Katharsis-Garantie.

So kommt es, dass entgegen dem Klischee nicht einmal dumme Fussballer den grössten Vogel haben. Das ist rein mathematisch unmöglich: Auf dem Platz stehen 22 Mann, im Stadion sind es Zehntausende, vor den TV-Geräten sitzen Abermillionen. Ein gigantisches Gegacker.

Die Schweizer Top-Spieler Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri hätten nach ihrem nationalistischen Doppeladler noch den Triple-Albatros oder den fünffachen Bartgeier aufführen können: So bescheuert wie das, was danach von den Rängen gekräht wurde, hätten es die beiden nicht hingekriegt.

«Nur mit einem Wort …»

Den Anfang machte Sascha Ruefer auf SRF. Der enervierte sich über die Geste, fand dann aber: «Egal, lassen wir uns darauf nicht ein». Aber Ruefer kann es selbst nicht lassen. Es vergehen sieben Sekunden, dann sagt er: «Macht Xhaka den Adler, das gibts ja nicht!» Das Spiel läuft längst weiter, Xhakas Ausgleich fiel in der 52. Minute.

Ruefer in der 54. Minute: «Ich kann es nur mit einem Wort zusammenfassen: dumm und dämlich.»

Mit diesen ersten öffentlichen Äusserungen ist schon viel gesagt über das Niveau der Doppeladler-Debatte (Ausnahmen bestätigen die Regel). Ruefer setzte die Latte tief an. Das hielt schräge Vögel der Polit- und Medienexpertenprominenz nicht davon ab, ihn noch zu unterbieten.

Es piept wohl

Nationalrätin Natalie Rickli behauptete allen Ernstes, sie könne sich «nicht wirklich freuen» über den Schweizer Sieg. «Die beiden Goals sind nicht für die Schweiz gefallen, sondern für den Kosovo», schrieb sie.

Während die Hühner noch bis nach Pristina lachten über so viel Unsinn – dort wusste niemand von einer Teilnahme an der WM 2018 –, hatte der Jubel der euphorisierten Spieler nun angeblich staatspolitische, ja gar lebensbedrohliche Folgen.

Offiziell ist der Fall längst abgehakt: Die Geste war nicht politisch, sie stellte keine Beleidigung des Publikums dar. Die Fifa stellte eine Verletzung des Fair Plays fest, sprach Bussen aus. That’s it.

Ungeachtet dessen liess Roger Köppel seine rechte Sturmspitze weiter auf dem Thema herumpicken. In der neusten Ausgabe seiner Zeitschrift gibt es neun Seiten Doppeladler-Tiefflug, das Coverblatt nicht eingerechnet. Schon vergangene Woche beschrieb Köppel die Schweizer Fussballer als «Multikulti-Balkan-Söldner-Truppe» und unkte, der Trainer gefährde womöglich den Schweizer Fussball.

Diese Woche wird der Doppeladler zur Polit-Affäre hochgeschraubt, in welche die «Weltwoche» nun gar die Landesregierung verwickelt. Wenn Bundesräte lautstark die Spieler Xhaka und Shaqiri unterstützen, dann verletzen sie quasi die Neutralität – dabei hätten sie «dafür zu sorgen, dass zwischen Albanern und Serben nicht erneut ein Bürgerkrieg ausbricht».

Ja, wegen der Doppeladler-Saga seien gar Schweizer Armeeangehörige im Kosovo möglicherweise bedroht: «Es braucht nicht allzu viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass die Arbeit der Schweizer Kfor-Soldaten in Zukunft von den Serben noch misstrauischer betrachtet werden wird.»

Hahnenkampf

Es heisst, ein Mensch ohne Fantasie sei wie ein Vogel ohne Flügel. Es mag zwar nicht viel Fantasie brauchen, um sich derartige Szenarien vorzustellen – aber eine, die ziemlich weit im Abseits steht.

Die Sache mit dem Doppeladler ist aufgeblasen bis zum Gehtnichtmehr. Eine leere Medien- und Politgeschichte, eine nationalistische Gockel-Parade. Was auf dem Platz wirklich vor sich gegangen sein mag, danach kräht längst kein Hahn mehr.

Womit wir wieder beim Fussball wären. Der Sportart, bei der alle Experten sind und der Welt dabei mitunter unfreiwillig zeigen, was sie für einen Vogel haben. Wer den grössten Schnabel hat, glaubt oft zu gewinnen. Die schweigende Mehrheit hat das Spiel genossen und freut sich längst auf den nächsten Match.

Quak.

Konversation

  1. Man könnte weiter darüber philosophieren. Man wird es auch, mindestens bis zur nächsten Weltmeisterschaft. Man könnte weiter ausholen, sich Gedanken machen. Ja, es gehört sogar zur modernen Gesellschaft, und zur Zukunftsgestaltung. Hier ist der Platz dazu, oder in jeder anderen online news, Zeitung oder Zeitschrift. Wenn darüber nicht mehr geschrieben, geredet, oder diskutiert wird, ist es zu spät. Nein, es braucht den Austausch über solche aktuellen gesellschaftlichen Themen. Wir müssen nicht so weit gehen, und uns fragen, was den 30 Jährigen Krieg ausgelöst hat, was den ersten Weltkrieg. Entscheidend ist, dass frei und demokratisch über Themen diskutiert wird. So, wie bei uns, nicht so wie in Russland, oder in der Türkei, wo eine offene Diskussion fast nicht mehr möglich ist. Mag die Glosse gut oder schlecht sein, sie ist notwendig.

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  2. Gut geschrieben, Herr Brönnimann! Für die SVP war dieser Vorfall ein willkommener Steilpass, um ein weiteres Mal auf Migranten einzupreschen. Den Doppeladler von Xhaka und Shaqiri hat man besser verstanden, nachdem bekannt wurde, wie die Beiden im Vorfeld gemobbt wurden. Und den Serben hat man mit dem ganzen Rummel genüge getan. Wenn in diesem Zusammenhang jemandem Dummheit vorgeworfen werden kann, dann sicher Natalie Rickli mit ihrer Aussage. Die Quintessenz dieser Geschichte, wie sie richtig schreiben: ein Sturm im Wasserglas!

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  3. Wundert mich schon etwas, dass die TagesWoche hier zum wiederholten Male (siehe auch Twitter-Konten der Redakteure) den albanischen Nationalismus verteidigt. Nicht dass der serbische besser wäre, aber die Sichtweise der TagesWoche-Redakteure ist doch etwas kurzsichtig. Sie verstehen nicht, dass es hier um nationalistische Provokation und Gegenprovokation geht und sie gemeinsame Sache mit der einen Seite machen.

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