Gewerbler wehren sich gegen die Vertreibung

Nicht nur auf dem Dreispitz-Areal wird das Kleingewerbe von «höherwertigen Nutzungen» verdrängt – auch in Basel Nord wirds eng für Unternehmer.

(Bild: Peter Sennhauser)

Nicht nur auf dem Dreispitz-Areal wird das Kleingewerbe von «höherwertigen Nutzungen» verdrängt – auch in Basel Nord wirds eng für Unternehmer.

Wie ein Fremdkörper steht die neue Überbauung VoltaWest im äus­seren St. Johann in der Landschaft, wenige Meter von Schrottplätzen, Lagerhallen und Lastwagen entfernt. Der markante Backsteinbau ist ein Vorbote der sogenannten Aufwertung, die noch nicht beendet ist und nun auch auf dem 60 000 Quadratmeter grossen Areal an der Lysbüchelstrasse vorangetrieben werden soll.

Mitten im Nirgendwo steht Jean-Marc Wallach. In sechster Generation führt er das Familienunternehmen Schmoll AG, eine Firma, die sich aufs Recycling von Eisen und Metallen spezialisiert hat. Wo Wallach und seine 40 Mitarbeitenden in acht Jahren arbeiten werden, weiss er noch nicht. Ab Juni 2013 bis 2021 laufen die Bau- und Mietrechtsverträge auf dem Areal Lysbüchel aus, auf dem rund 30 Gewerbe- und Industriebetriebe angesiedelt sind.

Ob die SBB Immobilien als Grund­eigentümerin dieser Parzelle die Ver­träge verlängern wird, ist fraglich. Sie liess gegenüber den Gewerbetreibenden durchblicken, dass sie das Areal nach Ablauf der Verträge einer «höherwer­tigen Nutzung» zuführen will – eine, die mehr Geld abwirft als die 400 Gewerbearbeitsplätze.

Gewerbeverband spürt Unruhe

Auf dem Lysbüchel-Areal sollen Wohnungen und Büros entstehen. Entsprechende Testplanungen sind im Gange. Treibende Kraft dahinter ist die Basler Verwaltung. Wallach und die rund 30 restlichen Patrons auf dem Lysbüchel-Areal fürchten, wie viele Gewerbler auf dem Dreispitz-Areal, verdrängt zu werden. Sie haben sich zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen. «Die Lage hier ist ideal, weil man nicht vom Wohnen ­gestört wird. Ein solches reines Industrieareal gibt es praktisch nicht mehr in der Stadt», sagt Wallach.

Die IG Lysbüchel fordert, in die ­laufenden Testplanungen miteinbezogen zu werden. «Bis jetzt sind die Planungen an uns vorbeigegangen. Aber je früher wir am Prozess teilnehmen, desto mehr Einfluss können wir auf die Areal­entwicklung nehmen.»

Die Situation auf dem Lysbüchel-Areal ist zum Politikum geworden. So hat CVP-Grossrat Lukas Engelberger vor Kurzem einen Vorstoss eingereicht. Er will wissen, ob die Regierung auch künftig bereit ist, den Handwerksbetrieben in Basel Nord Platz zu bieten. «Ich habe nicht das Gefühl, dass das Kleingewerbe erwünscht ist in Basel», sagt Wallach. «Vielmehr träumt man von einem Singapur mit vielen Wissenschaftlern.»

Laut Thomas Waltert, im Baudepartement für Basel Nord zuständig, ist der Planungsprozess noch nicht so weit ­fortgeschritten, «dass bereits konkrete Nutzungsabsichten vorliegen würden». Der Einbezug des Gewerbes sei aber selbstverständlich vorgesehen, sagt er.

Es ist eng geworden für das Gewerbe in der Stadt. Das bekommt auch der ­Gewerbeverband von seinen Mitgliedern zu hören. «Wir spüren eine Unruhe. Die Regierung legt den Fokus auf Wohnungen, vergisst aber dabei ihren anderen Schwerpunkt – nämlich attraktive Flächen für die Wirtschaft zu sichern, wie sie selbst in ihrem Wirtschaftsbericht festhält», sagt Elias Schäfer, Politikberater beim Verband und FDP-Grossrat.

Firmen wandern ab aufs Land

Zu ungemütlich ist es René Thom­men auf dem Lysbüchel-Areal geworden. Er ist Geschäftsführer der Im-Hof+Cie AG, einer Firma für Förderanlagen. Vor zwei Jahren war sein Unternehmen noch in Basel domiziliert, heute zahlt er seine Steuern auf dem Land. «Wir sahen keine langfristige Perspektive mehr auf dem Areal. Deshalb suchten wir nach Alternativen in der Stadt.» Die zwei­jährige Suche habe sich jedoch als derart schwierig erwiesen, dass man sich entschieden habe, nach Therwil zu ­ziehen. «Der Entscheid fiel uns schwer, ­zumal wir 128 Jahre lang ein Basler ­Unternehmen waren.»

Auch René Thommen hat den Eindruck, dass Basel-Stadt sich nicht sehr um das Gewerbe kümmert. «Gross­unternehmen scheinen der Regierung wichtiger zu sein als das lokale Ge­werbe», sagt er.

Das Lysbüchel-Areal verlassen will Jean-Marc Wallach unter keinen Umständen. Noch glaubt er an eine Zukunft auf der Parzelle, zeigt sich kämpferisch. Sollte es nicht so kommen, hat er bereits eine Alternative. Sein Unternehmen ist in Besitz von Reserveland. Nicht in der Stadt, in Birsfelden.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 22.03.13

Konversation

  1. Da tönen doch glatt einige sonst konsequent (neo-) liberal argumentierende Player gross, als wären sie die ursozis… Wie war das nochmals @Elias Schäfer mit dem Markt, der bestimmt? Wohl gemerkt: wir sprechen hier nicht von gefördertem, sozialem Wohnbau, sondern von der blossen Optimierung der Flächenrenditen. Mir selber war das schon seit der „Aufwertung“ der benachbarten Wohnparzellen ein Graus – die Herren Engelberger und Schäfer habe ich damals aber nie zum Thema argumentieren hören…

    Danke Empfehlen (0 )

Nächster Artikel