Google will sehen, was wir sehen

In die Hosentasche haben wir Computer schon gelassen, nun will Google noch näher an den Menschen ran: mit einer Brille mit Bildschirm und integrierter Kamera. Andere haben bereits weiter gedacht.

Google co-rounder Sergey Brin wears Google Glass glasses at an announcement for the Breakthrough Prize in Life Sciences at Genentech Hall on UCSF�s Mission Bay campus in San Francisco, Wednesday, Feb. 20, 2013. Google is giving more people a chance to pay (Bild: Jeff Chiu)

In die Hosentasche haben wir Computer schon gelassen, nun will Google noch näher an den Menschen ran: mit einer Brille mit Bildschirm und integrierter Kamera. Andere haben bereits weiter gedacht.

Ein Chip hinter dem Ohr zeichnet alles auf, was die Augen sehen. Die Augen werden zu Kameras, die das eigene Leben als Dok-Film festhalten. Jederzeit kann man Szenen aus der Vergangenheit nochmals abspielen, direkt auf der eigenen Netzhaut oder auf einem beliebigen Bildschirm.

Diese Erfindung steht im Zentrum von Charlie Brookers Dystopie «The Entire History of You», dem dritten Teil der Mini-Serie «Black Mirror». Der Zuschauer erfährt nicht, wie weit in der Zukunft Brooker das Geschehen angesiedelt hat. Dass er nicht jahrzehnteweit in die Zukunft denkt, lässt sich aber daran ablesen, dass ansonsten alles sehr vertraut aussieht; so wie wir die Welt heute kennen.

Bestätigt wurde Brooker wenige Monate, nachdem der Film erstmals ausgestrahlt worden war. Google machte vor einem Jahr sein «Project Glass» publik: eine Brille mit integrierter Kamera, die alles sieht, was der Träger sieht und ihn direkt vor dem rechten Auge mit Informationen versorgt.

Vergangene Woche nun hat Google die Brille in einem Video vorgestellt und ersten Testern zur Verfügung gestellt (der bislang beste Bericht stammt vom Technologiejournalist Joshua Topolsky auf «The Verge»). Bis Ende Jahr soll die Brille in den freien Verkauf kommen, für rund 1500 Dollar.

Kombiniert man das, was man nun als Google Glass bereits sehen kann mit früheren Aussagen der Google-Gründer und dem jüngst zu Google gestossenen Futuristen Raymond Kurzweil, dass das Gehirn dereinst direkt mit dem Internet verbunden sein wird, so scheint Brookers Vision tatsächlich nur noch eine Frage der Zeit. Mit dem Unterschied freilich, dass Google das böse Ende von «The Entire History of You» in seinem Skript nicht vorgesehen hat.

Reise zum Mittelpunkt des Menschen

Die Idee von Google Glass besteht darin, den Menschen noch unmittelbarer als zurzeit mit dem Smartphone mit Informationen zu versorgen und mit seiner Umwelt kommunizieren zu lassen. Die technischen Hilfsmittel setzen damit ihre Reise zum Mittelpunkt des Menschen konsequent fort: Vom Schreibtisch auf den Schoss, in die Hosentasche, mitten ins Gesicht. Von da aus geht es dann nur noch nach innen weiter.

Auch Apple, das mit dem iPhone den Entwicklungsschritt hin zum Computer in der Hosentasche, ausgelöst hat, wird den nächsten Schritt machen wollen und müssen. Anders als Google wird Apple auf dem Weg ins Gesicht des Konsumenten aber möglicherweise einen Zwischenhalt einlegen. Gerüchteweise – Apple gibt traditionell nie bekannt, welche Produkte in Entwicklung sind – arbeitet Apple an einer Uhr mit Smartphone-Funktionalität.

Warum Apple anderes plant

Auch wenn es sich vorerst nur um ein Gerücht handelt: Das Vorgehen würde zu Apple passen, genauso wie die Brille zu Google passt. Google hat es sich zur Aufgabe gemacht, an vorderster Front die Grenzen der technischen Möglichkeiten auszuweiten (etwa auch mit seinen komplett computergesteuerten Autos). Apple dagegen ist bekannt dafür, Produkte genau dann zu lancieren, wenn der Massenmarkt bereit dafür ist.

Apples Annahme dürfte also sein, dass für viele Menschen eine technisch hochgerüstete Brille (noch?) zu futuristisch-beängstigend ist (wie auch Nick Bilton in der New York Times schreibt). Und dass der Weg näher an den Menschen über das Handgelenk funktionieren könnte, wo der Mensch seit Jahrzehnten ohne Bedenken Technik an seinen Körper lässt.

Der Wert des Gesehenen

Früher oder später wird aber auch Apple auf Augenhöhe mit den Konsumenten gehen wollen, um zu sehen, was sie sehen. Mit dem Blick des Menschen kommt eine mächtige neue Dimension an Information hinzu, die das Gerät verarbeiten kann. Die Brille weiss nicht nur wie ein Smartphone, wo auf der Welt sie sich befindet, sondern was sich unmittelbar vor ihr abspielt.

Google legt mit Glass sein Augenmerk vorerst auf den Moment. Die Brille zeigt Informationen in Echtzeit an, wenn sie relevant sind (siehe Beispiele im Video oben).

Der Fluch des Gesehenen

Brooker denkt einen Schritt weiter. Wenn jeder Moment erfasst wird, kann er auch gespeichert werden. «The Entire History of You» lotet sehr geschickt aus, was es mit einem Menschen macht, wenn die Vergangenheit nie ruht, sondern als Videobeweis jederzeit abrufbereit hinter dem Ohr liegt. Am Ende reisst sich der Protagonist den Chip mit einer Zange aus der Haut.

Konversation

  1. Google löscht nie etwas und hat durch Google Dienste und Android samt der oft aktivierten GPS Positionserkennung eine Unmenge von Daten über uns. Dem gläsernen Bürger haben wir freiwillig zugestimmt. Nicht alle, ich weiss – und ich erzähle nichts neues. Auch nicht, dass US Behörden Zugriff auf die Daten beantragen können. Das Problem am ganzen ist, dass all die Benutzer keine Ahnung über die Datensammlerei haben – es fehlt auch das technische Verständnis. Vielleicht wächst irgendwann ein Bewusstsein dafür. Aber die Unmengen von Suchanfragen sind schon geschehen. Es ist zu spät. Das schöne Android Phone, bei dem verschiedenste Apps Zugriff auf GPS oder SMS Daten haben. Die tollen Dienste wie Kalender oder Adressbuch, deren Daten bei Google für immer gespeichert werden. Die ganze Cloud Technologie, bei der persönliche Daten in einem fremden Datacenter gespeichert sind. Mehr und mehr Staaten, welche die Internetüberwachung forcieren. Das neue mehrere Milliardenschwere Datacenter des CIA, das realtime Entschlüsselung (ja, ich kann das auch fast nicht glauben, dass sowas möglich sein soll) verschlüsselter Daten und Speicherung des ganzen Internetverkehrs möglich machen soll (schenkt man gewissen Aussagen Glauben – aber wofür sonst soll ein Geheimdienst ein solch monströses Rechenzentrum bauen?). Wir laufen nicht Gefahr, langsam in eine Überwachung überall zu laufen. Wir sind mitten im Prozess. Die Akteure der Fichenaffäre – denen kämen die Freudentränen ob heutiger Zustände. Und das ist keine Paranoia – die Daten bleiben gespeichert.

    Und Nein, ich sehe Google nicht als was böses. Bezüglich Innovationen kann man gleichwertiges lange suchen. Um auf den Punkt zu kommen: nichts auf der Welt ist Gratis. Der Preis für all die Dienste ist das moderne Öl: die Daten der User.

    PS: Eine Suchmaschine ohne Profilierung wie google: http://www.duckduckgo.com

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  2. Ständig heisst es, wir bewegen uns Richtung 1984 oder Huxleys Pendant zu… Falls das so wäre, dann wäre Google den Grünschnäbeln von der Schönen neuen Welt um Längen voraus.

    Man nehme nur eines der jüngeren Anwendungen Googles – Google Now. Für die, die es nicht kennen: Im Prinzip wird hiermit jede von Google zugängliche Information (Android Kalender, YouTube, Gmail, Google Maps, Chrome Suchhistorie etc.) analysiert und aufbereitet. Wird beispielsweise ersichtlich, dass man Fan des FCBs ist, wird einem mitgeteilt, dass sie dann und dann spielen. Selbst der nächste Ticket-Shop kann ermittelt und auf Wunsch mit einem ÖV Fahrplan ausgestattet werden.

    Das alles klingt doch ziemlich erschreckend, oder? Nun, das ist, wie ich finde, Ansichtssache. Allem voran bei der „bösen alten Tante“ Google. Hier zwei Gründe wieso:
    für jeden Inhalt, welcher bei Google, euretwegen landet, gehört EUCH. Die Rechte, welche ihr davor bereits besessen habt, bleibt euer. Deswegen werden beispielsweise eure Bilder nicht einfach Mal so von Google an Dritte verkauft.
    Ausserdem werden eure Bilder bei der Google Suchmaschine nur ausgespuckt, weil ihr die zur Verfügung gestellt habt. Ihr nutzt schliesslich den Service von Google und Konsorten, damit sie euren Inhalt online zu stellen. Die Quintessenz – keine Kunden, kein Monopol.

    Jedes neue Medium wird verteufelt. Es startete mit Büchern, in den 50ern war es der Fernseher als solches, Comics in den 60ern, Trickfilme in den 70ern, Videospiele in den 90ern und heute ist es das. Egal wie dies gesehen wird, die moderne Technik macht nunmal enorme Fortschritte und dies ist ein fortlaufender Prozess. Somit ist jeder von uns, als Allgemeinheit ein förderer davon.

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  3. In den Artikel hat es nicht richtig reingepasst, trotzdem soll es nicht unerwähnt bleiben. Als Google Anfang 2012 mit einem ersten Video das «Project Glass» präsentiert hat, tauchte schnell ein Remix des Videos auf, ergänzt um das, was mit Google untrennbar verbunden ist, aber im Originalvideo irgendwie vergessen ging: Werbeeinblendungen.

    Der Remix:
    http://youtu.be/_mRF0rBXIeg

    Das Original:
    http://youtu.be/9c6W4CCU9M4

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  4. Das Verrückte ist ja, das dies nicht mehr Science Fiction, Utopie ist, sondern technisch bereits realisierbar. Und dass es dann genügend Menschen gibt, die das freiwillig mitmachen und solche, die das mitmachen dank ihrer Macht befehlen können.
    Ich stelle mir vor, da schaut jemand „ganz unschuldig“ in meine Wohnung, in mein Büro und irgendwo auf der Welt analysiert jemand, was sich da in meiner Privatzone, Intimsphäre abspielt, gesprochen wird…..Und das, gesendet über einen kleinen Chip auf der Brille des Beobachters.

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