Grossbaustelle Schweizer Fernsehen

Mehr Hierarchie, weniger Kultur und ein Chef, der «unsichtbar» sei, wie Mitarbeiter sagen: Zum 60. Geburtstag ist beim Schweizer Fernsehen nicht allen zum Feiern zumute.

Muss das Schweizer Radio und Fernsehen für die neue Medienwelt umbauen und auf Kurs bringen: SRF-Direktor Ruedi Matter (Bild: Oscar Alessio)

Mehr Hierarchie, weniger Kultur und ein Chef, der «unsichtbar» sei, wie Mitarbeiter sagen: Zum 60. Geburtstag ist beim Schweizer Fernsehen nicht allen zum Feiern zumute.

Die Fernsehdirektorin Ingrid Deltenre führte in ihrer Amtszeit von 2004 bis 2010 einen netten Brauch im Fernsehstudio Leutschenbach ein: Jede Woche frühstückte sie mit Angestellten, die in jener Woche Geburtstag hatten – vom Kameramann bis zur Redaktionsleiterin.

Als Ruedi Matter am 1. Januar 2011 «Superdirektor» von Fernsehen und Radio wurde, führte er den Brauch des Geburtstagsfrühstücks nicht fort. Dafür führe er zehnmal pro Jahr Lunchgespräche mit Mitarbeitern durch und lade regelmässig eine Gruppe des Kaders zum Abendessen ein, sagt SRF-Sprecherin Andrea Wenger. Ruedi Matter ist eine andere Art von Chef.

Ruedi Matter sei «unnahbar» und «unsichtbar», sagen viele «Indianer» – so nennen sich die Mitarbeiter der unteren Chargen bei SRF. Der Direktor «bunkere» sich in seinem Büro ein, so eine oft gehörte Kritik, er sei wenig empfänglich, seine Herrschaftsmaxime heisse: «Auf keinen Fall Lämpe».

Das Zauberwort «Konvergenz»

Doch Ärger ist derzeit programmiert. Ruedi Matter, der vor seiner Funktion als «Superdirektor» als Radio-Chefredaktor amtierte, hat eine Herkules-Aufgabe übernommen. Er muss Radio und Fernsehen für die neue Medienwelt umbauen.

Und 60 Jahre nach der Geburt des Schweizer Fernsehens 1953 sieht die so aus: Die Zeit der «Strassenfeger», als die Schweizerinnen und Schweizer samstagabends auf dem Sofa sassen und sich von Kurt Felix oder später Beni Thurnheer unterhalten liessen, sind vorbei.

Heute schaut, simpel ausgedrückt, jeder etwas anderes und zu einer anderen Zeit. Das Angebot an Sendungen, Serien und Filmen ist riesig und im Internet und per Video-on-Demand jederzeit verfügbar.

Als Reaktion auf das veränderte Konsumverhalten fusionierten Fernsehen SF, Radio DRS und die Online-Redaktionen im Dezember 2012 zum Mediengiganten SRF mit rund 1600 Vollzeitstellen. Das Zauberwort hiess Konvergenz: Die drei Kanäle TV, Radio und Online sollten crossmedial verbunden werden.

(Beitrag SRF zur Konvergenz aus «100 Sekunden Wissen» vom 26.02.2009)

In der Realität wurde das Ganze weniger heiss gegessen als gekocht. Die meisten Redaktionen arbeiten wie bis anhin weiter, liefern aber zugleich an die stark gewachsene Online-Redaktion. Fusioniert haben lediglich die Sportredaktionen von Radio und Fernsehen sowie der «Kassensturz» und das Radio-Konsumentenschutz-Magazin «Espresso».

«Paradiesische Zustände»

Das habe hervorragend geklappt, sagt Simon Thiriet, der bis 2013 in der gemeinsamen Redaktion arbeitete und seit April dieses Jahres Kommunikationsveranwortlicher des Erziehungsdepartements Basel Stadt ist.

. «Wir konnten eine Geschichte im Internet ankünden und in ‘Kassensturz’ bringen – oder in ‘Espresso’ bringen und in ‘Kassensturz’ die Zuschauerreaktionen zeigen.»

Dass er neben Radiobeiträgen auch Online-Texte verfassen musste, störte den 32-Jährigen, der seine Karriere bei Lokalradios begann, nicht. «Im Vergleich zu den Privatradios herrschen bei SRF noch immer paradiesische Zustände.»

Wie derzeit bei vielen Medien wird auch bei SRF ein Generationengraben spürbar. Viele ältere Mitarbeiter empfinden die neue Ausgangslage so: Man wolle gleichbleibende Qualität für weniger Geld und dazu erst noch multimedial.

Für viele Junge dagegen ist nicht nur Online-Journalismus eine Selbstverständlichkeit, sondern auch die Tatsache, dass ein Medienunternehmen kein stabiles Gebilde mehr ist, sondern eine Baustelle, auf der kein Stein auf dem anderen bleibt. Oder wie es SRF-Sprecherin Andrea Wenger formuliert: «SRF analysiert laufend, wo Kosten gesenkt, Effizienz gesteigert und Synergien genutzt werden können.»

Die Ära Matter ist die Ära des Sparens.

Die Ära Matter ist die Ära des Sparens. «Jeder Franken wird umgedreht», hört man aus den Redaktionen. Die Qualität tangieren die Massnahmen aber noch nicht, heisst es. Für die Recherche habe man noch immer genügend Zeit.

Bei den Sparmassnahmen, scheint es, wollte Ruedi Matter die Journalisten möglichst verschonen. 2013 startete das «Projekt 55» – mit dem Ziel 55 Millionen Franken in «strategisch relevante Programmprojekte» zu investieren.

Die Strategie von Matter und seinem Chef, SRG-Generaldirektor Roger de Weck, lautet, dem Abgang des Publikums ins Internet mit mehr Live-Sport und grossen Eigenproduktionen zu begegnen, die die Schweizer wieder vor die Flimmerkiste locken sollen.

Dazu gehören die erfolgreiche «Bestatter»-Krimiserie sowie eine Dramaserie nach US-Vorbild, die im kommenden Jahr produziert werden soll. Bislang habe man rund die Hälfte der 55 Millionen aufgetrieben, sagt SRF-Sprecherin Andrea Wenger. «P55 ist ein langfristiges Projekt.»

Harte Zeiten für Kameraleute

Abbau gab es in der Marketing- und Kommunikationsabteilung und bei den Human Resources. Dass dabei keine Leistungen beschnitten wurden, bezweifeln einige. «Das HR war früher eine Personalberatung, heute ist es einfach noch eine Personalverwaltung», sagt ein ehemaliger Fernsehjournalist.

Auch das Budget für die Technik wurde beschnitten. Immer mehr Journalisten sind selber mit einer Kamera unterwegs.

Viele Kameramänner würden nur noch mit Verträgen über 100 oder 140 Tage im Jahr eingestellt, um die Produktionsspitzen in der kalten Jahreszeit zu meistern, aber die Überkapazität im Sommerloch zu verhindern, wie Benjamin Tanner, Vizepräsident der Mediengewerkschaft SSM sagt. «Dafür müssen sie sich eine Nebenbeschäftigung suchen und diese mit den SRF-Terminen koordinieren, was nicht immer einfach ist.»

Altgediente Redaktoren nehmen einen Klimawandel wahr.

Trotz den Sparmassnahmen ist der Umbau bei SRF weniger dramatisch als in vielen Printverlagen, die Stimmung im Leutschenbach weniger düster. Doch gerade altgediente Redaktoren nehmen einen Klimawandel wahr. «Es ist kühler geworden – und hierarchischer», sagt einer. Das hat nicht nur mit der distanzierten Art des SRF-Direktors zu tun.

Das Kader wird aufgestockt

Während Matter in Technik und Verwaltung Stellen abgebaut hat, sind zahlreiche Kaderstellen entstanden. Über den Redaktionsleitern regieren neu Bereichsleiter. Zudem wurde eine Programmabteilung aufgebaut, welche neue Formate entwickelt. Früher geschah dies eher aus den Redaktionen heraus.

Journalisten, die in den traditionell flachen Hierarchien des Schweizer Fernsehens sozialisiert wurden, fühlen sich heute wie kleine Rädchen im Getriebe. «Früher riss man noch mehr Sachen an, heute hat man weniger das Gefühl, dass das geschätzt wird», sagt eine Mitarbeiterin, die im vergangenen Jahr eine andere Stelle angenommen hat.

Die Rede zur Konvergenz, die Ruedi Matter vor dem Umbau vor der Leutschenbach-Belegschaft hielt, interpretierten einige Journalisten so: «Wer nicht für uns und den Umbau ist, der ist gegen uns.»

Besonders in der Kulturabteilung kam es in den vergangenen drei Jahren zu zahlreichen Abgängen, die nur teilweise freiwillig waren. Unter anderem nahmen die Kulturchefin Regula Bochsler, der Filmspezialist Michel Bodmer, der «Tatort»-Chef Peter Studhalter sowie der Musik-Tanz-Theater-Chef Thomas Beck den Hut.

«Die Kultursparte ist immer ein Seismograf dafür, wie es um das ganze Unternehmen steht», sagt eine ehemalige Kulturjournalistin, «denn sie kostet und bringt wenig Quote.»

Kultur hat einen schweren Stand

Die Kulturjournalisten müssen schon seit der Amtszeit von Peter Schellenberg in den 1990-Jahren zusehen, wie ihre Sendungen im harten Konkurrenzkampf um Quoten einen schweren Stand haben. 2013 wurde das Filmmagazin «Box Office» eingestellt, der «Kulturplatz» wurde verkürzt. «Anstatt Kino und Literatur gibt es Casting-Shows und Kampf der Chöre», klagt eine ehemalige Kulturjournalistin.

Anders sieht es Andrea Wenger: «Box Office» werde zwar nicht mehr im TV ausgestrahlt, abgebaut worden sei die Filmberichterstattung aber nicht, sagt die SRF-Sprecherin. «Gleichzeitig wurden nämlich die Filmberichterstattung im Internet und in den vielbeachteten Nachrichtensendungen ausgebaut. Beides entspricht den heutigen Nutzungsgewohnheiten und damit einem Publikumsbedürfnis.»

Hoffnungen setzten viele Kulturjournalisten deshalb auf SRG-Direktor Roger de Weck, der 2011 sein Amt zeitgleich mit Ruedi Matter antrat. De Weck hatte einen ganz anderen Auftritt als Matter. Er besuchte die Redaktionen, verbrachte manchmal einen Tag mit den Journalisten, schüttelte Hände, war auch in der Öffentlichkeit präsent. Viele erhofften sich vom ehemaligen «Sternstunde»-Moderator einen Verbündeten der Kultur.

Doch Roger de Weck machte sich vielmehr daran, die chronisch defizitäre SRG in die schwarzen Zahlen zu bringen. Ruedi Matters Spar- und Umbauprogramme trägt er mit. Als die SRG-Angestellten 2012 über einen neuen Gesamtarbeitsvertrag verhandelten, zeigte sich de Weck, der stets linksliberale Positionen einnahm, eher als harter Arbeitgeber.

Kürzlich widmete ihm sogar die traditionell fernsehkritische «Weltwoche» eine Titelgeschichte. «Der talentierte Monsieur de Weck», lautete das Loblied auf den SRG-Direktor. Im Leutschenbach ist eine neue Epoche angebrochen.

Jeder Haushalt zahlt pauschal 400 Franken
Auch dank der Lobbyarbeit von SRG-Generaldirektor Roger de Weck stimmte das Parlament am 26. September für das neue Fernsehgesetz, welches das Schweizer Gebührensystem neu regelt. Anstatt dass Billag-Vertreter von Haus zu Haus gehen, zahlt nun jeder Haushalt pauschal 400 Franken Gebühren pro Jahr – ob er Radio und Fernsehen konsumiert oder nicht.
Zwar hat der Gewerbeverband das Referendum angekündigt, aber in der Volksabstimmung werden die Gebührengegner keine Chance haben. Auch die SVP-Medienpolitikerin Nathalie Rickli, die das Referendum unterstützt, räumt ein, dass die Abstimmung nicht leicht zu gewinnen sei: «Die Mitte-links-Parteien sowie die Romandie, das Tessin und Graubünden stehen praktisch vorbehaltlos zur SRG.»

Artikelgeschichte

Dieser Artikel wurde am 8. Oktober 2014 mit weiteren Stellungnahmen von SRF ergänzt respektive korrigiert (kursiv):

  1. Als Ruedi Matter am 1. Januar 2011 «Superdirektor» von Fernsehen und Radio wurde, führte er den Brauch des Geburtstagsfrühstücks nicht fort. Dafür führe er zehnmal pro Jahr Lunchgespräche mit Mitarbeitern durch und lade regelmässig eine Gruppe des Kaders zum Abendessen ein, sagt SRF-Sprecherin Andrea Wenger.
  1. Die Kulturjournalisten müssen schon seit der Amtszeit von Peter Schellenberg in den 1990-Jahren zusehen, wie ihre Sendungen im harten Konkurrenzkampf um Quoten einen schweren Stand haben. 2013 wurde das Filmmagazin «Box Office» eingestellt, der «Kulturplatz» wurde verkürzt. «Anstatt Kino und Literatur gibt es Casting-Shows und Kampf der Chöre», klagt eine ehemalige Kulturjournalistin.
    Anders sieht es Andrea Wenger: «Box Office» werde zwar nicht mehr im TV ausgestrahlt, abgebaut worden sei die Filmberichterstattung aber nicht, sagt die SRF-Sprecherin. «Gleichzeitig wurden nämlich die Filmberichterstattung im Internet und in den vielbeachteten Nachrichtensendungen ausgebaut. Beides entspricht den heutigen Nutzungsgewohnheiten und damit einem Publikumsbedürfnis.»

Konversation

  1. 400 CHF pro jahr… egal was man oder ob man sich überhaupt was anguckt.
    ganz zu schweigen von der qualität und der wahl des inhaltes. das hat mit demokratie nicht viel zu tun.
    das geld wäre bei der tageswoche besser angelegt.

    Danke Empfehlen (0 )
  2. ja es wird gefeiert und die feier
    bezahlt die Billag- danke liebe
    Billag, bekomme ich auch eine
    einladung für 60 jahre fernsehen?

    Danke Empfehlen (0 )

Nächster Artikel