Homeschooling boomt trotz manchen Vorbehalten

Immer mehr Eltern wollen ihre Kinder nicht zur Schule schicken, sondern zuhause selbst unterrichten. Und nehmen dafür einiges auf sich.

Unterricht fern vom Schulhaus? In Basel-Stadt ist das verboten.

Die Familie S. wohnt in Basel-Stadt und schickt ihre Kinder nicht zur Schule. Dafür muss sie jedes Jahr 4000 Franken Bussgeld bezahlen – 1000 Franken pro Kind und ebenso viel pro Elternteil.

Warum tun sich die Eltern das an? Es sei eine Lebenseinstellung, die dahinterstecke, sagt die Mutter. Ihre Kinder sollen nicht mit Zwang und nach fixem Programm lernen. «Die Schule bietet nicht die Möglichkeit, auf jeden Einzelnen einzugehen.»

Für den Präsident des Lehrerverbands Schweiz, Beat Zemp, ist das, was die Familie S. tut, ein «radikaler Weg». Homeschooling-Eltern suchten häufig die «totale Kontrolle über ihr Kind». Denn zuhause könnten die Eltern ihren eigenen Erziehungsstil leben, ohne von der Aussenwelt belangt zu werden. Zemp schätzt, dass «sich Leute vor allem aus religiösen oder ideologischen Gründen» für Homeschooling entscheiden. «Es können ehrbare Motive dahinterstecken, aber auch solche, die man durchaus hinterfragen kann.»

Der Verzicht auf Schule ist in der Schweiz ein Randphänomen. Eine Studie zählte in der Schweiz 2012 rund 500 schulpflichtige Kinder, die nicht zur Schule gingen.

Doch Homeschooling sei etwas, das immer mehr Eltern in Betracht ziehen würden, erklärt Martina Miedaner, die ihre Kinder ebenfalls nicht zur Schule schickt und die Eltern berät, die Homeschooling machen möchten. Sie spricht von einem «Phänomen, das immer mehr Leute beschäftigt».

https://tageswoche.ch/gesellschaft/diese-zwei-lehrer-schicken-ihre-kinder-nicht-zur-schule/

Elternverbände bestätigen den Trend

Ähnliches berichten zwei Schweizer Elternverbände. Pia Amacher von der Elternlobby Schweiz sagt, die Anfragen von Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken möchten, «nehmen derzeit extrem zu».

Willi Villiger vom Verein «Bildung zuhause» bestätigt den Trend. Sein Verein hilft explizit Eltern, die Homeschooling praktizieren wollen. Villiger spricht von einem «steten, jedoch keineswegs ungestümen Wachstum». Die Mitgliederzahl des Vereins habe sich innerhalb der letzten sechs Jahre von 200 auf etwa 600 Eltern verdreifacht.

Bewilligt wird Privatunterricht nur, wenn «besondere Gründe vorliegen, dass ein Unterrichtsbesuch nicht möglich ist».

Das Erziehungsdepartement (ED) Basel-Stadt kann die Entwicklung nicht bestätigen – wohl auch deshalb, weil der Kanton das Gesetz für Privatunterricht restriktiv handhabt und Eltern aus dem Kanton wegziehen, wenn sie ihre Kinder nicht zur Schule schicken wollen. In Basel-Stadt ist Homeschooling nämlich grundsätzlich verboten. Bewilligt wird Privatunterricht nur, wenn «besondere Gründe vorliegen, dass ein Unterrichtsbesuch nicht möglich ist».

In Baselland weniger restriktiv

Privatunterricht kann der Kanton zum Beispiel bei einem Kind mit chronischer Krankheit bewilligen. Möglich ist der Privatunterricht aber auch dann nur über ein Jahr hinweg. Eltern, die länger zu Hause unterrichten wollen, müssen über ein Lehrerdiplom verfügen.

2017 verzeichnete das ED fünf Gesuche für Privatunterricht, wovon keines bewilligt wurde. Die Zahl der Gesuche sei «immer etwa gleich hoch», sagt Departementssprecher Simon Thiriet.

Volksschulleiter Dieter Baur erklärt, warum der Kanton das Homeschooling restriktiv handhabt:

«Homeschooling kann als zeitlich befristete Lösung in Einzelfällen Sinn machen. Abgesehen davon bin ich aber ein Verfechter der Schulpflicht. In einer Schule erleben die Kinder einen wertvollen Austausch mit Gleichaltrigen. Schule besteht nicht nur aus Lernen und Hausaufgaben, sondern sie ist auch ein soziales Konstrukt. Zuletzt werden Kinder von ihren Eltern immer mit einer speziellen Optik beurteilt. Das ist zweifellos richtig und gut so, nur ist für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen auch der Kontakt zu anderen Bezugspersonen wie beispielsweise Lehrpersonen extrem wichtig.»

Für einmal liberaler zeigt sich bei diesem Thema der Nachbarkanton Baselland. Pia Amacher von der Elternlobby Schweiz kennt dort Familien, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, ohne dass sie dafür eine Busse bezahlen müssen.

Konversation

  1. Weiter so… die Eltern sind so beschäftigt mit Arbeit,Probleme etc. das Sie garnicht bemerken, wie traurig und unwissend das heutige Schulsystem ist. Fragt die Kinder ob die ihrgend etwas mitnehmen aus dem schnellen unwichtigen Unterricht?!!! Die Kinder lernen nichts mehr. Damit das Niveau Europas und USAs angepasst ist. Die Kinder werden auf dem Primarschulhof mit Sexismus etc. konfrontiert. Die Eltern die aufgewacht aus dem System kommen, wünschen das Ihr Kind jemand später ist. Sucht die Bildungskonferenzen vom Herrn Bilderberger, der sich nichts mehr wünscht, als das wir noch mehr verblöden.

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  2. Bei einigen Hundert Kindern in der Schweiz von Boom zu sprechen ist etwas vermessen. Die Schule ist ein wichtiges Instrument und Kinder lernen da nicht nur Schulstoff, sondern auch sich einzuordnen, Respekt vor andern Erwachsenen und Lehrern, Sozialkompetenz und dass es andere Kinder gibt die völlig anders sind und denken. Zudem lernen sie mit Druck zurechtzukommen und Stress zu verarbeiten.
    Vor kurzem kam eine Doku auf SF über Homeschooling, die zeigte, dass viele der Jugendlichen später Probleme hatten in die „normale“ Schule zu gehen für eine Matura oder einen Beruf zu erlernen, weil halt doch einiges fehlt. Eltern können den Kindern zwar vieles beibringen, jedoch haben sie auch nur ein beschränktes Wissen, die Lehrer genauso und eben genau diese Vielfalt macht es aus. Die Eltern wie auch Lehrer haben eine gewisse Verantwortung dem Kind gegenüber, die sie wahrnehmen sollten.
    Sich später als Teenager dieses Wissen im Nachhinein anzueignen ist fast unmöglich und so reicht es dann halt oft nur für wenig anspruchsvolle Berufe mit wenig Perspektiven.

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  3. Unsere Kinder gehen auch nicht zur Schule, haben viele Freunde, sind nicht nur von Gleichaltrigen umgeben, sondern von Kleinstkindern bis Senioren, haben genug Zeit sich mit Themen und Hobbies zu beschäftigen, die sie wirklich interessieren und werden ihre Abschluesse machen wenn sie soweit sind. Dazu kommt das die Kinder eine unglaubliche intrinsische Motivation entwickeln Dinge zu lernen und herauszufinden ohne das es ihnen auferlegt wird. Für uns als Familie rundum nur Vorteile. Leider ist es so das die meisten Vorurteile von Menschen kommen, die nichts anderes als Schule kennen und auch nicht in Erwägung ziehen, weil sie selbst zur Schule gingen, ihre Kinder eventuell auch und Schule dadurch gar nicht erst in Frage stellen.

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    1. Es ist eine groteske Vorstellung, dass von Eltern abgehaltener Hausunterricht es wert wäre, in mehr als mit der Lupe zu suchenden Einzelfällen in Betracht gezogen zu werden. In BS sind die Schulen voll von Lehrern, die bereit sind, auf jeden einzelnen Schüler einzugehen. Es ist mindestens genauso möglich, alle möglichen schönen Interessen zu wecken. Nichts hindert Schulkinder zudem, mit einen breiten gesellschaftlichen Spektrum in Kontakt zu kommen. Und Eltern, die sich derlei Hausunterricht vornehmen, werden sich vermutlich an ihrem Vorhaben deutlich übernehmen. Oeffentliche Schulen sind eine gesellschaftliche Errungenschaft. Diese mit Verweisen auf Zwang und fixes Programm ganz infrage zu stellen ist leichtfertig und albern. Man muss sich sicher nicht mit den Lernberichtszauber und dem falsch verstandenen Leistungsdruck einfach so abfinden, aber sich ersatzweise ein Homeschooling-Idyll herbeizuphantasieren, ist sicher keine Lösung, im Gegenteil.

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  4. Ich habe gerade im TV (ARTE) gesehen, dass offenbar Kurzsichtigkeit damit zusammenhängen könnte, dass die Kinder zuwenig draussen sind. Es scheint per Dopamin im Auge dafür auch eine biologische Begründung zu geben. Bei zuwenig Tageslicht scheint der Augapfel in die Länge zu wachsen, was eben Kurzsichtigkeit zur Folge hat.
    So könnte eine entsprechende Schule tatsächlich bedeuten, dass die Kinder viel mehr draussen sein müssten und es viel weniger Hausaufgaben geben müsste. Auch die Klassenzimmer müssten viel heller sein.

    Eine überraschende biologische Begründung, doch an der Schule bei den jüngeren Kindern etwas Wesentliches zu ändern.

    Verrückt?

    Hier der Link:
    https://www.arte.tv/de/videos/070786-000-A/generation-kurzsichtig/

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  5. Die Schule ist ein wichtiges Element in den Sozialerfahrungen der Kinder! Was Eltern als Mangel erscheint können sie ja ruhig ergänzen! Wir leben nicht mehr in weit auseinander liegenden Dörfern auf dem Lande mit ihren eigenen Sprachdialekten! tsss

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