«Ich will für immer 15 sein!»

Was heisst Identität? Glück? Zukunft? – Welch erstaunliche Antworten Jugendliche aus dem Jugendzentrum Dreirosen darauf haben, zeigt Theaterpädagogin Eva Rottmann in ihrer audio-visuellen Performance.

Wer begafft hier wen? Ausblick aus dem Jugendzentrum Dreirosen auf die Jugendlichen, die sich selbst performen – und gleichzeitig unsere Vorurteile spiegeln. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Was heisst Identität? Glück? Zukunft? – Welch erstaunliche Antworten Jugendliche aus dem Jugendzentrum Dreirosen darauf haben, zeigt Theaterpädagogin Eva Rottmann in ihrer audio-visuellen Performance.

Dreissig Leute und ein paar mitgenommene Heranwachsende treten zögernd ins Jugendzentrum Dreirosen (JuAr Basel) ein. Normalerweise ist Erwachsenen hier der Zutritt versagt. Weshalb ist diese Audio-visuelle Performance an allen drei Vorstellungen restlos ausverkauft? Ist es Neugierde, endlich einmal hinter die geschlossenen Türen zu blicken? Ist es voyeuristische Lust, einer Reality-Show unter Theaterpädagogischem Deckmantel beizuwohnen? Oder ist es einfach Interesse an einer Lebenswelt, der man sonst kaum begegnen kann?

Mit Kopfhörern bestückt sitzen wir im leeren, hell beleuchteten Jugendzentrum. Es gibt rote Hocker, zwei Billardtische, ein paar Sessel. Wo sind die Jugendlichen? Wo ist die Bühne, wo der Zuschauerraum? Wer begafft hier eigentlich wen?

Die Darsteller tröpfeln herein. Die Tonspur zitiert aus «Peter Pan», beschreibt das wunderbare Nimmerland. Die Jugendlichen begrüssen fast jeden einzelnen von uns. Mit Faustschlag. Und winken uns bald zu den hinteren Räumen, machen Selfies mit uns. Eine Stimme im Kopfhörer sagt: «S’Jugi isch mis zweite Deheim!»

Wo hört die Realität auf, wo beginnt die Inszenierung?

Zentral ist das Wohnzimmer mit alkoholfreier Bar, Discokugel und Sofalandschaft. Dazu je einen Computerraum, Tanzraum, Kraftraum und TV-Raum. Nach und nach erkunden wir dieses geheime «Nimmerland». Überall wimmelt es an diesem Performance-Abend. Die Mädchen zeigen, wie sie tanzen üben. Die Jungs, wie sie ihre Muskeln stählen. Oder am Mac Fotos bearbeiten. Sie scheinen hier allen nur erdenklichen Hobbys nachgehen zu können. Eigentlich schön, wenn man so einen Ort hat. Woher nur kommt der schlechte Ruf dieser Jugendlichen? – «Mädchen auf der Jungs-Toilette: Ein Monat Hausverbot!» mahnt ein Schild vor der WC-Tür.

«Wenn ich e Wunsch frei hätt, würd ich mir glaub nüt wünsche, well ich würds lieber sälber schaffe.» – Drei Monate hat Theaterpädagogin Eva Rottmann im Jugi Dreirosen verbracht, hat die Jugendlichen befragt nach ihren Träumen, Ängsten, Wünschen. Eine Toncollage aus diesen Interviews läuft parallel zum bunten Treiben, dass sich chaotisch und charmant vor unseren Augen abspielt – und bei dem man nie weiss, wo die Realität aufhört und die Inszenierung beginnt.

Überhöhte Figuren ihrer selbst

«Ich vermiss mi Heimatland mega!», sagt die Kopfhörerstimme. Die Jugendlichen kommen aus Eritrea, Spanien, Kenia, Angola, Afghanistan, Südafrika. Die Stimmen schwirren durch den Kopfhörer, bohren sich tief ins Bewusstsein der Zuschauer. Schon nach fünf Minuten wundert man sich mehr über sich selbst, als über das, was man da sieht und hört. Welch Privileg, in seiner Heimat leben zu dürfen!

«Ich hau ungärn in e Mensch dry. Im Nochhinein duets mir immer leid.» – Die Gruppe ist nach draussen gestürmt. Zwei prügeln sich heftig, die anderen feuern an und filmen mit dem Handy, feiern anschliessend mit einem riesigen Joint. Jetzt stellen sie das dar, wofür sie gemeinhin gehalten werden, denkt man. Wofür WIR sie gemeinhin halten. Und doch spürt man zwischen diesen zappeligen jungen Menschen: hier wird Theater gemacht, nicht nur kollektive Selbstdarstellung gepflegt. Die Jugendlichen stellen überhöhte Figuren Ihrer selbst dar, aber es bleibt eine Erhöhung, und es bleibt eine Performance, die durch die eigene Tonspur im Kopfhörer sehr kunstvolle Doppelbödigkeit erzeugt.

«Jede Probe musste voll cool sein, damit die Jugendlichen wiederkommen»
Eva Rottmann, Theaterpädagogin 

«Schwizer sind schon mega gstresst. Im Kosovo isch das ganz anderscht.» – Wir bestaunen sie, aber eigentlich halten sie uns den Spiegel vor. Stress wegen dem Arbeitsplatz? – Diese Jugendlichen erkennen schon jetzt, dass Arbeit nicht automatisch zum Glück führt. Sondern dass es Beziehungen braucht. Beziehungen, die sie in diesem Jugendzentrum pflegen.

«Ich will schon mol e Familie ha. Vier Kinder würde mir länge!», schallt es aus dem Kopfhörer. Die meisten haben schwierige Familien- und Flüchtlingsgeschichten hinter sich und waren selbst schon früh auf sich allein gestellt. «Manche haben eine unglaubliche Kraft, mit solchen Familiengeschichten umzugehen!», sagt Theaterpädagogin Eva Rottmann anerkennend. Nach den Interviews hat sie vier Wochen intensiv mit den Jugendlichen geprobt.

«Am Anfang war es mir wichtig, dass sie viel Spass haben, es musste jede Probe voll cool sein, damit sie wiederkommen. Sonst sind die einfach gegangen», erzählt sie später. «Ich habe das nie persönlich genommen», erzählt sie. Und fügt hinzu: «Es ist derzeit eine Mode im Theater, Randgruppen auf die Bühne zu stellen. Aber ich habe mich schon gefragt: Ist das überhaupt richtig, was ich hier mache?»

Ein kleines Stück vom Glück

«Ich will würklich mini Jugendzit richtig gniesse, wil s’Läbe goht richtig schnäll verby!», schallt es aus den Kopfhörern, während die Jugendlichen sich auf einem Billard-Tisch zum wilden Tanz versammeln. Sie sind alle freiwillig hier, und schon das ist ein kleines Kunststück, wie Jugi-Co-Leiterin Yasmine El-Aghar nach der Aufführung sagte: «Es wird kein Zwang oder Druck aufgebaut wie in der Schule oder in der Lehre. Das Projekt ist schon deshalb ein Erfolg, weil die Jugendlichen dabei geblieben sind. Dies ist immer ein Zeichen, dass es ihren Bedürfnissen entspricht – es ist ihnen wichtig, sich ihrer Umwelt mitzuteilen zu können, ernst genommen zu werden und mit der Erwachsenenwelt zu interagieren.»

Und das tun sie wirklich. Sie kichern und lachen, aber sie beantworten geduldig die Fragen des staunenden Publikums nach der Aufführung. Vielleicht sind manche von ihnen dadurch ein Stückchen erwachsener geworden. Ganz sicher aber ist das Publikum nach dieser Performance ein Stückchen jünger, freier, lockerer. Und hat intime Einblicke bekommen in das Denken und Fühlen dieser Jugendlichen, die sich für ihr Leben eigentlich genau das gleiche wünschen wie wir alle: Ein kleines Stück vom Glück.

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