In der Spalenvorstadt gibts bald Gipfeli und Sandwiches von gestern

In der Äss-Bar gibts Backwaren vom Vortag zum halben Preis. Davon profitieren Umwelt, Bäckereien und Konsumenten. Im Zürcher Niederdorf läuft der Laden wie geschmiert, am 13. Mai geht in der Spalenvorstadt eine Filiale auf.

Der Hobbyunternehmer und seine Geschäftsführerin: Raoul Stöckle und Rika Schneider.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

In der Äss-Bar gibts Backwaren vom Vortag zum halben Preis. Davon profitieren Umwelt, Bäckereien und Konsumenten. Im Zürcher Niederdorf läuft der Laden wie geschmiert, am 13. Mai geht in der Spalenvorstadt eine Filiale auf.

Das Schaufenster ist zugeklebt, drin sitzt eine Frau, die die Wände streicht. Bis vor Kurzem hat die Konditorei Streuli hier Wähen und Brot verkauft, jetzt ist das Lokal an der Spalenvorstadt 41 eine Baustelle. Eine ältere Frau an einem Gehstock spaziert langsam vorbei, schaut auf das Lokal: «Muss ich jetzt bis zum Sutter Beck uff dr Lyss gehen, um Brot zu kaufen?»

Muss sie nicht, am 13. Mai eröffnet hier die Äss-Bar. Gebacken wird aber nicht: Hier gibt es Brot, Wähen und Salat vom Vortag – und zwar zum halben Preis. Jeden Abend fährt der Äss-Bar-Bus von Bäckerei zu Bäckerei und holt die Ware ab, welche übrig geblieben ist.

Das ist eine Win-Win-Win-Situation. Davon profitieren die Kunden, sie zahlen nur etwa den halben Preis für das Gebäck, davon profitieren die Bäckereien, welche die Ware nicht entsorgen müssen, und davon profitiert die Umwelt: Je weniger Essen verschwendet wird, desto weniger Treibgase landen in der Atmosphäre.

Sogar Gipfeli gehen weg wie warme Weggli

Das Konzept kommt aus Zürich: Im November 2013 eröffnete im Niederdorf die erste Äss-Bar-Filiale. Und hatte riesigen Erfolg. Am Mittag stehen die Leute Schlange. «Sogar die Gipfeli laufen heiss», sagt Rika Schneider. Die ausgebildete Konditorin stand am Anfang im Niederdörfli hinter dem Tresen und sammelte am Abend die Backwaren ein. Mittlerweile ist sie Geschäftsführerin und hat Filialen in Städten wie Winterthur, St. Gallen oder Bern eröffnet. Die Äss-Bar entwickelt sich zu einer Kette, sie beschäftigt 45 Mitarbeiter und hat bereits eine Franchise-Filiale.

Und jetzt eben, kommt als siebter Standort Basel dazu. Die Spalenvorstadt ist perfekt, nahe bei der Uni und mitten in der Stadt. «Studenten und Schüler sind unsere Hauptkunden», sagt Schneider. Doch bei der Äss-Bar-Kundschaft handelt es sich nicht nur um Leute ohne Geld, das ist Schneider wichtig. «Zu uns kommen Banker, edle ältere Damen, Handwerker – alle.» Der Grund ist ein einfacher: «Wenn man bei uns einkauft, tut man etwas für die Umwelt, ohne grossen Aufwand.»

Ein Drittel der Lebensmittel in der Schweiz landen im Abfall – das sind etwa zwei Millionen Tonnen pro Jahr. Sie verursachen damit unnötigerweise Treibgase, die unsere Atmosphäre verschmutzen. Die Äss-Bar verhindert gemäss Firmeninformationen etwa 250 Tonnen Food-Waste pro Jahr. Gemäss Schätzungen des WWF liesse sich mit ähnlichen Initiativen ein Drittel der heutigen Lebensmittelverluste verhindern und damit in der Schweiz jährlich so viel CO2 einsparen, wie 500’000 Autos verursachen.

Kein Sozialunternehmen, sondern richtige Wirtschaft

Die Idee, Gebäck vom Vortag zu verkaufen, ist auch in Basel nicht neu. Seit 2015 macht der Backwaren-Outlet im Gundeli etwas Ähnliches. Doch es gibt ein paar wesentliche Unterschiede: Das Backwaren-Outlet ist ein sozialwirtschaftliches Unternehmen: Es beschäftigt Menschen, die sonst nicht so leicht einen Job finden würden. Die Bäckereien, die ihre nicht verkauften Waren abgeben, erhalten als Gegenleistung Unterstützung in Form von Arbeit, etwa, wenn sie kurzfristige Aushilfen brauchen oder Hilfe beim Marketing.

Anders bei der Äss-Bar. Die Bäcker, die ihr Gebäck vom Vortag der Äss-Bar geben, sind am Umsatz beteiligt. Schneider betont: «Wir sind kein soziales Projekt, sondern eine wirtschaftliche Firma.» Die Filialen sind selbsttragend, mit dem Geld, dass die Läden in Zürich oder Winterthur bereits reinholen, werden die neuen Filialen finanziert.



Rika Schneider reist von Stadt zu Stadt und bringt neue Äss-Bar-Filialen zum Laufen.

Rika Schneider reist von Stadt zu Stadt und bringt neue Äss-Bar-Filialen zum Laufen. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Profit wirft die Äss-Bar nicht ab, oder noch nicht. Das ist auch nicht das vorrangige Ziel. Eigentlich ist die Äss-Bar nämlich ein Hobby, «ein sehr teures Hobby», sagt Raoul Stöckle. Er ist Mitinhaber der Äss-Bar, zusammen mit drei Freunden. Zusammen haben sie die Idee entwickelt, Geld in die Hand genommen und das Projekt aufgebaut.

Eigentlich arbeitet Stöckle in einer Versicherung, um die Äss-Bar kümmert er sich in der Freizeit. «Wir alle arbeiten Vollzeit und verdienen einen Haufen Geld«, sagt Stöckle. «Wenn wir nichts damit machen, liegt es nur auf dem Bankkonto herum.» Er hofft, dass in Zukunft einmal so viel Geld herauskommt, dass ihre Anfangsinvestitionen gedeckt sind.

Rein theoretisch wäre es möglich, dass die Ladenkette einmal Profit erwirtschaftet. Doch dafür müssten die Inhaber die Fixkosten senken, beispielsweise die Löhne ihrer Angestellten runterschrauben. «Das wollen wir nicht», sagt Stöckle. «Uns ist wichtiger, dass wir Gutes tun.»

Die ältere Frau am Gehstock freut sich schon auf die Äss-Bar. «Ich komme sicher zur Eröffnung.»
––
13. Mai 10 bis 14 Uhr: Gratis-Eröffnungsapéro der Äss-Bar für alle.
Spalenvorstadt 41, Basel. Infos

Konversation

    1. @fopp
      die soziopolitische frage in diesem kontext wohl eher: sollen sich die unternehmungen bezüglich «foodwaste» künftig konkurrenzieren?
      Sie übernehmen die betonung darauf, dass die anbieter nicht etwa sozialwirtschaftlich funktionieren (siehe «outlet» beim bahnhof/gundeli – unterstützte dienstleistungen), sondern selbst die mittel eingebracht haben.

      provo: darf man sich neuerdings um die «essensreste» prügeln?
      aber doch hoffentlich nicht gleich alle mitesser ausdrücken, oder? 😉

      Zum Antworten anmelden Danke Empfehlen (0 ) Antworten
    2. Die „no food waste“ Bewegung bewirkt nun mal wirklich gar nichts. Die schlimmsten CO2 Produzenten sind die Kraftwerke und der Verkehr. Die Landwirtschaft trägt, von Transport und dem Betrieb der Produktionsmaschinen mal abgesehen, so gut wie gar nichts zum CO2 Ausstoss bei (http://www.wri.org/sites/default/files/world_ghg_flow_chart_2005.png)
      Wenn es um den CO2 Ausstoss oder den Welthunger gehen würde, stünden andere Dinge im Vordergrund, wie z.B. die Tatsache, dass Benzin oder Lebensmittel viel zu billig sind. Oder, dass Kernkraftwerke zu „verbieten“ reichlich hirnrissig ist (Anmerkung: Wenn irgendwo wiedermal ein AKW in die Luft fliegt, ist das lokal zwar eine Tragödie, global gesehen aber nicht so weiter schlimm. CO2 Ausstoss hingegen betrifft alle Lebewesen auf dem gesamten Planeten. Ja, der Atommüll, der 500’000 Jahre weiter strahlt und alle in groteske Aliens verwandelt. Lassen wir die 120. Generation nach uns entscheiden, was schlimmer war, globaler CO2 Ausstoss oder 4 geleckte Endlager). Ein vernünftiger Umgang mit Energie und Lebensmitteln könnte auf politischer Ebene erzwungen werden. Ein Sack Reis und Bohnen kostet nun mal wirklich nicht die Welt und eine Weltreise ist auch kein Menschenrecht; aber Saitan und Latte Macchiato sind einfach hipper, genau so wie ein Portrait vor Macchu Picchu. Es geht hier, ähnlich wie bei der generalisierten „no waste“ Bewegung, doch eher bloss um die geistige Selbstbefriedung selbstgerechter, kaufkräftiger Hipster in der comfort zone.

      Zum Antworten anmelden Danke Empfehlen (0 ) Antworten
    3. Leroy Jenkins: Gemäss Fodwaste.ch verursacht die Lebensmittelproduktion ein Drittel aller Umweltbelastungen und gemäss WWF bringen solche Aktionen sehr wohl etwas. Aber ich gehe mit Ihnen einig: Es reicht bestimmt nicht, ab und zu ein Gipfali von gestern zu essen, um die Emissionen genügend zu minimieren. Nur: Momentan hat unsere Gesellschaft keine Lust auf harte Konsumeinschränkungen oder PolitikerInnen, die solche fordern, das zeigen Wahlen und Abstimmungen. Aber ist es wirklich nichts wert, wenn die StädterInnen Gipfali von gestern heiss finden, selber Gemüse anbauen oder Gemüsekörbe bestellen?

      Zum Antworten anmelden Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  1. Ja, food waste ist eine wahrlich schlimme Sache. Da muss ich gleich auf meinem iPad einen Blogartikel darüber schreiben, während ich wiedermal mit EasyJet übers Wochenende nach Barcelona und meinen Quinoa mit kamobdschanischen vegan dumplings mit irgendwelchen obskuren weiteren Zutaten aus Indien schlemme. Dabei esse ich natürlich alles auf, denn die Menschheit hat bekanntlich seit der Entwicklung des Haber-Bosch Prozesses nun wirklich nicht genug zu essen.

    Zum Antworten anmelden Danke Empfehlen (0 ) Antworten
Alle Kommentare anzeigen (7)

Nächster Artikel