Jedes zehnte Basler Kind geht an eine Privatschule

Privatschulen boomen in der Region. In den beiden Basel wurden im August gleich vier neue eröffnet. Die Kantone selbst wollen die Entwicklung nicht als wachsende Konkurrenz für die staatlichen Schulen sehen.

Klassenzimmer-Romantik auf dem Bruderholz: Die Privatschule «dSchuel» ist diesen Monat gestartet.

An der Tagesschule im Gallenacher lernen seit Anfang August 33 Schülerinnen und Schüler nach einem alternativen Konzept. Statt Jahrgangsklassen gibt es Lerngruppen, in denen die 6- bis 16-Jährigen gemeinsam den Lernstoff erarbeiten. Der Lehrplan 21 gibt die Eckpunkte vor, aber die individuellen Bedürfnisse der Kinder stehen im Vordergrund.

Die Privatschule ist eine von mehreren, die gerade in der Region gestartet sind. Mit «dSchuel» auf dem Bruderholz, «OlymIQ» in der Basler Innenstadt und der «Freien Schule Funke» in Gelterkinden haben im August drei weitere Privatschulen den Schulbetrieb aufgenommen.

Steigende Attraktivität

Dass in der Region Privatschulen auf Primar- und Sekundarstufe I  nicht erst seit diesem Semester boomen, zeigt ein Blick in die offizielle Statistik: Die Zahl der Schülerinnen und Schüler an Privatschulen stieg in den Kantonen Baselland und Basel-Stadt zwischen 2001 und 2017 um 13 Prozent. An den staatlichen Schulen sanken die Schülerzahlen hingegen insgesamt um etwa 5 Prozent. In anderen Worten: In den Privatschulen schnellen die Schülerzahlen hoch, während sie in den staatlichen Schulen seit 2001 abnehmen.

Dass insgesamt weniger Schülerinnen und Schüler an Staatsschulen gehen, hat vor allem demografische Gründe; dass die Zahlen an Privatschulen steigen, deutet auf deren steigende Attraktivität hin.

Im letzten Jahr gingen rund 3800 Schülerinnen und Schüler auf eine Privatschule in Baselland oder Basel-Stadt. Rund 38’000 besuchten die staatlichen Primar- und Sekundarschulen.

Das bedeutet: Etwa jeder zehnte Schüler und jede zehnte Schülerin gehen in Baselland und Basel-Stadt auf eine Privatschule. Der Stadtkanton hat gar die zweithöchste Privatschulquote der Schweiz. Nur in Genf ist der Anteil an Privatschülerinnen und -schülern höher.

Denis Bitterli hat die Tagesschule im Gallenacher aufgebaut. Er stellt fest: «Viele Eltern sind zunehmend unzufrieden mit dem bestehenden Angebot. Es gibt ein gewisses Unbehagen gegenüber den staatlichen Schulen.» Das sei ein Grund, warum Eltern ihre Kinder immer häufiger auf Privatschulen schicken.

1200 Franken pro Monat und Kind

Bitterli profitiert vom Unbehagen der Eltern. Ab Januar geht ein weiterer Schulbetrieb in Therwil auf und in Basel-Stadt führt Bitterli bereits eine Nachmittagsschule mit 17 Schülerinnen und Schülern.

Für die Eltern geht das ins Geld. Die Tagesschule auf dem Gallenacher kostet sie 1200 Franken im Monat. Schulgründer Bitterli zahlt damit unter anderem sein Team mit zehn Personen – acht davon sind Lehrpersonen mit Lehrdiplom.

Ziel sei es, den Lehrpersonen einen angemessenen Lohn bezahlen zu können, sagt Bitterli. Nur so könne er gewährleisten, dass gut ausgebildete Lehrkräfte bei ihm unterrichteten. Die Lehrpersonen müssten zudem eine Weiterbildung zu sogenannten Primagogen absolvieren.

International Schools haben die meisten Schüler

Der Boom der Privatschulen hat auch mit dem Wachstum der International School Basel (ISB) zu tun. Gemessen an den Schülerzahlen ist sie die grösste Privatschule in der Region: Im letzten Schuljahr besuchten rund 1500 Schülerinnen und Schüler die ISB in Reinach und Aesch. In den letzten Jahren hat sie ihr Angebot sukzessive erweitert.

In Basel-Stadt ist die Swiss International School beim Musical-Theater ebenfalls die grösste Privatschule. Sie unterrichtet rund 600 Schülerinnen und Schüler – Vorschulbereich inklusive. Danach folgt die Rudolf-Steiner-Schule auf dem Bruderholz mit 533 Schülerinnen und Schülern im letzten Schuljahr. Dort gehen die Schülerzahlen seit 2011 leicht zurück.

«dSchuel», die gerade auf dem Bruderholz startete, verzeichnet erst sechs Kinder in der Spielgruppe. Linda Brunner, eine der Mitgründerinnen, sagt, man habe momentan Kapazitäten für etwa 20 Kinder im Schulbetrieb. «Unser Ziel ist nicht eine riesengrosse Schule. Es soll familiär bleiben.»

Ihr Konzept ist ein Mix, inspiriert von verschiedenen pädagogischen Vorbildern: zum Beispiel Maria Montessori, Rudolf Steiner und Remo Largo. Die Kinder sollen gemeinsam in einer Gruppe lernen, so Brunner. «Wir gehen davon aus, dass Kinder am besten voneinander lernen. Das bedingt, dass wir die Jahrgangsklassen auflösen.»

Einkommensabhängige Gebühren

Brunner und fünf weitere Lehrerinnen haben die Schule gegründet, um von der Leistungsorientierung wegzukommen. «Der Leistungsdruck an den staatlichen Schulen hat wahnsinnig zugenommen. Wir wollen als Schule einen Ort bieten, an dem wir den Grundbedürfnissen der Kinder gerecht werden können.»

Noten gibt es selbstredend keine an «drSchuel». Wie viel der Unterricht kostet, hängt vom Einkommen der Eltern ab – so handhaben es auch die Rudolf-Steiner-Schulen. Im Durchschnitt sollten die Eltern aber 1000 Franken einbringen, nur so könne die Schule finanziell überleben, erklärt Brunner.

Ist es nicht problematisch, wenn bildungsnahe Eltern ihre Kinder aus der Staatsschule rausnehmen und auf die Privatschule schicken, auch deshalb, weil sie es sich finanziell leisten können? «Mit diesem Argument werden wir häufig konfrontiert», sagt Brunner. Privatschule – das klinge häufig elitär. Dabei soll es das gar nicht sein. «Das Pädagogische steht bei uns im Vordergrund, nicht der Status Privatschule.»

Raum für neue Schule gesucht

Der Kanton sieht die Privatschulen indes nicht als Konkurrenz, erklärt der Sprecher des Erziehungsdepartements, Simon Thiriet: «Wir erachten sie als sinnvolle Ergänzung zu unserem Angebot.»

Bitterli, der eine neue Schule in der Stadt plant, sagt: «Ich bin überzeugt, dass es in nächster Zeit noch einige neue Privatschulen geben wird.» Er sucht bereits Räume für seine neue Schule. Dann kann er ein Bewilligungsgesuch einreichen. 2020 könnte die neue Schule bereits eröffnen.

Konversation

  1. Eventuell politisch nicht korrekt: Wie hoch ist der der Sprache nicht fähigen Schüler? Dies kann ein Grund für eine Privatschule sein und wird in Zukunft mehr und mehr der Anspruch jener sein, die wollen, dass ihr Kind noch etwas mehr lernt – ausser übermässige Anpassungsfähigkeit und politische Orientierung sowie Verleumdung der tatsächlichen Umstände.

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  2. Bei den vom Staat finanzierten Schulen sind in den letzten 20 Jahren nach dem PISA-Schock zwar viel Energie, Engagement, Geld, Hoffnung und Zeit in die Schulentwicklung geflossen. Bei vielen Schulen hat sie jedoch nicht am System beispielsweise von Unterricht – Hausaufgaben – Tests gerüttelt. Die Wirkung: höchstens eine Reform des Alten und unendlich viel Aufwand mit wenig Ertrag und viel Frust – nach dem Motto „Immer-noch-mehr-bis-zum-Geht-nicht-mehr“. Wie in allen Lebensbereichen freue ich mich auch bei der Bildung über Initiativen, die der Einsicht von beispielsweise Albert Einstein entsprechen: „Probleme lassen sich nicht mit den Denkweisen und Methoden lösen, durch die sie entstanden sind.“ Privatschulen sind oft eine echte Alternative.

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  3. Dieser Artikel ist sehr reisserisch und bringt Zahlen durcheinander (z.B. die Grafik mit relativen statt absoluten zahlen um den Anstieg dramatisch darzustellen).
    Gemäss Artikel gehen 2100 der 3800 Schüler*innen der Privatschulen an die International School, welche auch den grössen Astieg zu verzeichnen hatte, während andere Privatschulen wie die R.Steiner Schule rückläufig waren. Dies liest auf den ersten Blick wohl eher darauf schliessen, dass es hier nicht um ein „gennerelles Unbehagen gegenüber den staatlichen Schulen“ geht, sondern dass Basel immer Internationaler wird und viele Expats Englischsprachigen Unterricht für ihre Kinder wollen. Eine etwas detailiertere Betrachtung der Statistik wäre hier wohl angebracht.

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  4. Basel scheint diese Ausbildungen zu benötigen, die Eltern haben es begriffen, ergo wird es vollzogen, auch wenn es viel kostet.
    Vielleicht wäre mit so einer oberbündnerischen oder oberurnerischen Grundschule hier in Basel tatsächlich nichts mehr zu erreichen, weil Basel halt noch besser Ausgebildete benötigt.
    Ein Anreiz an die staatlichen Schulen, auch hier aufzuholen!

    Ach, auch die differenzierte Universität ist nötig. Eine erfolgreich nach 700 Jahren totgesparte Universität könnte Basel am Ende zum „Zonenrandgebiet“ machen, von der sich jede differenziertere Struktur fernhält. Stichwort Chemnitz.

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  5. Das zeugt ja wieder mal für die „Qualität“ der Basler Schulen. In die Privatschulen gehen Kinder von Besserverdienenden, Expats und verhaltensauffällige Schüler welche von den staatlichen Schulen verwiesen werden.
    Aktuelles Beispiel aus der Region ( nicht BS) neu dazugekommen 1 Mädchen nicht deutschsprechend und -verstehend, die restliche Klasse zu 80% ohne Migrationshintergrund, die andern 20% gut integriert. So funktioniert erfolgreiche und nachhaltige Integration. Aber ab einen gewissen Menge Kinder mit Migrationshintergrund hat es der Lehrer schwer und es kann nicht klappen.

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