Jobabbau im Namen des starken Frankens

Die Frankenstärke zwingt viele Unternehmen zu Sparmassnahmen. Manche Unternehmen aber nutzen die Währungssituation zur Gewinnoptimierung durch Stellenabbau.

(Bild: Anthony Bertschi)

Die Frankenstärke zwingt viele Unternehmen zu Sparmassnahmen. Manche Unternehmen aber nutzen die Währungssituation zur Gewinnoptimierung durch Stellenabbau.

Am Basler Hauptsitz von Manor zwischen Reb- und Utengasse im Kleinbasel arbeiten mehr als 1200 Personen. Die Zahl mag auf den ersten Blick überraschen. Doch Manor ist mit 64 Geschäften und 2,7 Milliarden Franken Umsatz (2014) immerhin Marktführer unter den Schweizer Warenhäusern.

Nun hat CEO Bertrand Jungo letzte Woche in einem internen Rundschreiben bekanntgegeben, dass Manor am Hauptsitz 150 Stellen abbauen will. Das Verkaufspersonal sei nicht betroffen. Grund für die Massenentlassung: der starke Franken.

Medienanfragen beantwortet CEO Jungo bis auf Weiteres keine. Wer Erklärungen zum Stellenschnitt will, gelangt an Manors Kommunikationsverantwortliche Elle Steinbrecher. Sie will den Stellenabbau als «Effizienzsteigerung» verstanden wissen. «Eine Analyse unserer Kennzahlen vom letzten Jahr hat Potenzial in der Organisation am Hauptsitz gezeigt.» Trotz Personalabbau wolle Manor jedoch weitere Marktanteile gewinnen, fügt Steinbrecher an.

Wie kann es sein, dass ein Milliardenkonzern auf einmal feststellt, auf über zehn Prozent seiner Angestellten am Hauptsitz verzichten zu können? Und wie soll dabei auch noch ein Wachstum resultieren?

Wir können doch nichts dafür

In den letzten Tagen und Wochen haben viele Unternehmen, vornehmlich aus der Industrie, im grossen Stil Jobs gestrichen. In einer internen Aufstellung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) sind über 1300 Stellen aufgeführt, deren Abbau explizit mit dem starken Franken begründet wird. Um ihre Stelle müssen etwa die Angestellten von UPC Cablecom (–250 Stellen), dem Luftfahrtsunternehmen SR Technics (–250) oder der Privatbank Julius Bär (–200) fürchten. In der Region hat neben Manor auch noch der Metallbauer Alu Laufen einen grösseren Abbau (etwa –50) bekannt gegeben.

Bei einigen dieser Unternehmen vergingen zwischen dem verhängnisvollen Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB) und der Bekanntgabe des Stellenabbaus auffallend wenig Zeit. So liess der Finanzchef bei Julius Bär nur rund zwei Wochen verstreichen, bis er sein Sparprogramm bekannt gab.

Bald äusserten Gewerkschaften den Verdacht, dass in manchen Fällen die Währungssituation vorgeschoben wird, um Kostensenkungen und Optimierungsmassnahmen durchzuführen. Ein massiver Stellenschnitt lässt sich der Öffentlichkeit besser vermitteln, wenn er mit einer Situation begründet wird, die ein Unternehmen nicht beeinflussen kann.

Julius Bär hat gleichzeitig mit dem Sparprogramm bekannt gegeben, dass die Dividenden dieses Jahr erhöht werden.

Einer der schärfsten Kritiker des laufenden Streichkonzerts ist Daniel Lampart, Chefökonom beim SGB. «Ich bin erschrocken, wie schnell sich manche Unternehmen dafür entschieden haben, Leute zu entlassen.» Da sich der Franken-Euro-Kurs bereits wieder etwas erholt habe, wäre es vernünftiger, noch abzuwarten. «Der Franken ist zurzeit massiv überbewertet, in dieser Situation sollten Unternehmen nicht in Aktivismus verfallen», sagt Lampart.

Dem Gewerkschafter stösst es besonders sauer auf, wenn Unternehmen, die hochrentabel sind, Personal entlassen. Julius Bär etwa hat gleichzeitig mit dem Sparprogramm bekannt gegeben, dass die Dividenden dieses Jahr erhöht werden.

Gegen eine währungsbedingte Notwendigkeit zu unternehmerischem Aktivismus spricht auch, dass die neuesten Konjunkturprognosen bereits deutlich besser ausfallen als jene kurz nach dem SNB-Entscheid. Während etwa das Wirtschaftsforschungsinstitut BAK Basel Ende Januar noch davon ausging, dass der Schweiz dieses Jahr eine Rezession drohe, fällt die Prognose knappe sechs Wochen später bereits wieder deutlich besser aus. So stellt BAK Basel jetzt sogar ein moderates Wirtschaftswachstum von einem Prozent in Aussicht.

Währungsschock ist von kurzer Dauer

Martin Eichler, Chefökonom bei BAK Basel, ist denn auch überzeugt, dass sich die Währungssituation nicht schwerwiegend auf den Arbeitsmarkt auswirken wird. «Der Währungsschock wirkt nur vorübergehend. Die Unternehmen können daher damit rechnen, ihre Arbeitskräfte bald wieder auslasten zu können.» Dennoch sei es bezeichnend, dass Unternehmen in dieser Zeit Stellen abbauen. «Strukturbereinigungen finden immer im Abschwung statt. In Zeiten der Hochkonjunktur fallen allfällige strukturelle Probleme nicht auf», sagt Eichler.

Nutzen also die Unternehmen die konjunkturelle Lage als Vorwand, um ohnehin längst geplante Optimierungen durchzuführen? Nutzen sie «die Gunst der Stunde», wie es Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger von der Uni Freiburg gegenüber der «Schweiz am Sonntag» genannt hat?

Diesen Verdacht hegt zum Teil auch der Basler Arbeitsmarktökonom George Sheldon. Er beobachtet den Schweizer Arbeitsmarkt seit 25 Jahren intensiv. Allmonatlich analysiert er die Daten des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), um daraus einen «Frühindikator» zu berechnen. Mit diesem Indikator lassen sich gemäss Sheldon Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt weit voraus mit grosser Genauigkeit vorhersagen.

«Es kann nicht sein, dass die Nachfrage nach Investitionsgütern in dieser kurzen Zeit weggebrochen ist.»


George Sheldon, Arbeitsmarktökonom

Sheldon bezweifelt, dass die Aufhebung der Kursuntergrenze einen massiven Stellenabbau nötig macht. «Wer jetzt personell stark abbaut, hatte vermutlich schon vor dem 15. Januar Probleme.» Solche Jobstreichungen erfolgten in vielen Fällen aus strukturellen Gründen, mit der Konjunktur habe das wenig zu tun. Denn: «Grundsätzlich sind die Auftragsbücher der meisten Schweizer Unternehmen voll, an einem Personalabbau ist deshalb niemand interessiert.»

Zudem hält Sheldon Entlassungen für das denkbar ungeeignetste Mittel gegen Konjunkturschwankungen: «Wer vorübergehend unter dem starken Franken leidet, kann sich mit Kurzarbeit oder verlängerten Arbeitszeiten über die Durststrecke retten.»

Stutzig wird Sheldon auch angesichts der kurzen Zeit, in der verschiedene Massenentlassungen bekannt gegeben wurden. «Im Maschinenbau etwa kann es gar nicht sein, dass die Nachfrage in dieser kurzen Zeit derart massiv weggebrochen ist.» Bei den Produkten, die diese Unternehmen anbieten, handle es sich um Investitionsgüter, deren Anschaffung langfristig und mehrere Jahre im Voraus geplant werde.

An Arbeit mangelt es nicht

Für die These der vollen Auftragsbücher spricht auch, dass in der Region Basel wegen der Währungssituation erst wenige Anträge für Kurzarbeit eingegangen sind. An Arbeit mangelt es folglich nicht. In der Stadt hat ein einziges Unternehmen Kurzarbeit beantragt. Etwas stärker betroffen sind die Unternehmen im Baselbiet, wo insgesamt 16 Firmen entsprechende Gesuche mit Verweis auf den starken Franken eingereicht haben.

Ein weiteres Indiz dafür, dass bei den Entlassungen Renditeziele im Vordergrund stehen, liefert SGB-Chefökonom Daniel Lampart: «Bei vielen Massenentlassungen handelt es sich nicht um einen Stellenabbau, sondern um eine Verlagerung ins Ausland.» Das Personal wird also nicht entlassen, weil die Nachfrage nach den Produkten nachgelassen hat, sondern weil sich das Unternehmen keine Schweizer Löhne mehr leisten will.

Die Probleme der Manor haben sich schon länger abgezeichnet.

Sogar der Direktor der Handelskammer beider Basel (HKBB), Franz Saladin, vermutet, dass kaum ein Unternehmen allein aus konjunkturellen Gründen Leute entlässt. «Wer heute Personal abbaut, war sicher schon knapp dran, bevor die Kursuntergrenze gefallen ist.» Der starke Franken habe solche Probleme zusätzlich akzentuiert. Aber: «Kein Unternehmen fällt diesen Entscheid leichtfertig. In Zeiten des Fachkräftemangels entlässt niemand freiwillig seine Angestellten», sagt Saladin.

Die Manor-Sprecherin Steinbrecher erklärt schliesslich denn auch, dass der Stellenabbau am Hauptsitz auf eine längere Entwicklung zurückzuführen sei. Der Umsatz der Warenhäuser habe in den letzten Jahren stagniert, dies aus konjunkturellen Gründen und weil mit verschiedenen organisatorischen Anpassungen den neuen Kundenbedürfnissen Rechnung getragen werde. «Der erneute Frankensprung hat diese Problematik akzentuiert und nun ist ein Stellenabbau unvermeidlich», sagt Steinbrecher.

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Wir widmen dem Thema Frankenstärke und dessen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt einen Schwerpunkt. Im entsprechenden Dossier finden Sie im Verlaufe der Woche weitere Artikel zum Thema.

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