Nach Abgang von René Kamm: Baselworld wirbt um Vertrauen

Das nächste Erdbeben beim angeschlagenen Basler Messebetreiber MCH Group: CEO René Kamm räumt wegen der schweren Krise der Baselworld seinen Posten.

Messe-CEO René Kamm (rechts) nimmt nach der Baselworld-Schlappe den Hut, Verwaltungsratspräsident Ueli Vischer springt vorübergehend an die operative Spitze.

Zuerst die Fakten: Nachdem der Uhrenkonzern Swatch seinen Rückzug von der Baselworld bekannt gegeben hat, wurde der Druck zu gross. Jetzt gibt Messechef René Kamm, der 1999 als Leiter der Baselworld angefangen hatte und 2003 zum CEO aufstieg, auf. Die Entscheidung fiel «einvernehmlich», meldet die MCH Group.

Im Wortlaut der Medienmitteilung klingt das so: «Der Verwaltungsrat der MCH Group und CEO René Kamm sind gemeinsam und einvernehmlich zur Überzeugung gelangt, dass angesichts der fundamentalen Transformationsphase in der Geschäftstätigkeit der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel an der operativen Spitze der Unternehmensgruppe gekommen ist.»

Ein Neuer, der neue Impulse bringt

Kamms Job übernimmt vorerst Verwaltungsratspräsident Ueli Vischer. «Ich freue mich auf die Aufgabe, hoffe aber, die operative Leitung nur für eine kurze Zeitspanne übernehmen zu müssen», sagte Vischer an einer Medienkonferenz im Messeturm. Möglichst schnell soll ein neuer CEO ans Ruder des angeschlagenen Konzerns, einer, der «neue Impulse geben» kann, was man dem alten – trotz des nach wie vor guten Einvernehmens, wie Vischer betonte – offensichtlich nicht mehr zutraut.

Der Messeturm ist zu einer Zeit entstanden, als Kamm noch nicht an der Spitze des Konzerns stand. Sein grosser baulicher Wurf war der Messe-Neubau gegenüber. Er wurde vor allem gebaut, um der Leitmesse Baselworld ein repräsentatives und gediegenes Zuhause zu bieten. Eine Investition, die man heute wohl nicht mehr in dieser Grössenordnung tätigen würde.

https://tageswoche.ch/gesellschaft/der-abtritt-von-rene-kamm-ist-das-sinnbild-einer-zu-ende-gehenden-aera/

Schlagkräftige Neuigkeiten gab es an der Medienkonferenz am 3. August nicht zu vernehmen. Im Zentrum stand vielmehr der Versuch der Verantwortlichen, das Gesicht so gut wie möglich zu wahren und trotz der verfahrenen Situation einen kleinen Rest an Zuversicht verbreiten zu können.

Entwicklungen nicht voraussehbar?

Vischer verteidigte die Strategie seines abretenden CEO. Diese hatte zum erwähnten Messeneubau geführt und eine Diversifizierung des Geschäftsbereichs der MCH Group eingeleitet. «Noch vor fünf Jahren waren die Aussteller bereit, eine halbe Milliarde in ihre neuen Stände zu investieren», sagte er. Das tue man nicht im Hinblick darauf, diese Investionen nach wenigen Jahren bereits wieder abzuschreiben. Niemand habe wissen können, dass sich die Bedürfnisse im Messebusiness so schnell ändern würden.

Kamms Ausführungen zielten in dieselbe Richtung. «Als wir die Halle geplant hatten, war das iPhone noch nicht auf dem Markt», sagte er auf den Vorwurf, die Messe habe die Entwicklung zur elektronischen Informationsgesellschaft verschlafen. «Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.»

Kamm sagte mit einem Anflug von Selbstkritik aber auch, dass der Verwaltungsrat mit der Leistung des Unternehmens «nicht mehr so zufrieden» gewesen sei. Es sei nun Zeit für einen Neuanfang mit einer neuen Person und mit frischem Elan.

Ansonsten verwendete der zurückgetretene CEO viel Zeit darauf, «gewisse Verwechslungen und Fehlinterpretationen» im Zusammenhang mit dem «überraschenden» und folgenschweren Ausstieg der Swatch Group aus der Baselworld zu erklären.

Drei Beiräte und andere Verpflichtungen

Bei der Baselworld existierten drei Beiräte, über die sich Aussteller einbringen könnten, erklärte er: Das wichtige Comité Consultatif, in dem die grossen Marken vertreten seien, das nationale Comité Suisse und das Comité Mondial. In allen drei Comités habe die Swatch Group Einsitz.

Am 3. Mai sei an der Debriefing-Sitzung zur Messe-Ausgabe 2018 des Comité Consultatif der Rücktritt der Messeleiterin Sylvie Ritter verkündet worden. Diese für die Aussteller überraschende Nachricht habe die damalige Sitzung dominiert.

Am 3. Juli hätten sich die Mitglieder des grossen Comité Mondial zu einem Abendessen in Neuenburg getroffen. In diesem Comité seien auch die Mitglieder des mächtigeren Comité Consultatif vertreten, also auch die Swatch Group. An der tags darauf anberaumten Sitzung habe sich der Swatch-Vertreter aber entschuldigen müssen, weil er als Vertreter des Hauptsponsors an der Tour de France habe teilnehmen müssen.

Wenige Tage darauf seien schliesslich die Ausstellerunterlagen verschickt worden. Es sei nicht üblich, diese von allen Comités absegnen zu lassen, sagte Kamm. Was darauf folgte, ist bekannt. Swatch-Chef Nick Hayek war verärgert und kündigte über die «NZZ am Sonntag» schliesslich seinen Rücktritt als Aussteller an.

«Sehr gutes Gespräch» mit Hayek

Vischer ergänzte, dass er sich in Begleitung von Verwaltungsrats-Vizepräsident und Basler Regierungsrat Christoph Brutschin in Biel mit Hayek zu «einem sehr guten Gespräch» getroffen hätte. Man habe die «konstruktiven Vorschläge» des mächtigsten Ausstellers aufgenommen und an die Messeleitung weitergeleitet, die schliesslich alles umgesetzt habe. «Deshalb waren wir umso überraschter und enttäuschter, als wir vom Austritt der Swatch Group erfuhren.»

Wie weiter nun mit der Baselworld? Messeleiter Michel Loris-Melikoff stehe mit Hayek weiterhin in Kontakt, sagte Vischer. Worüber in diesen Kontakten gesprochen wird, konnte der Verwaltungsratspräsident auf Nachfrage der TagesWoche aber nicht sagen. «Ich gehe davon aus, dass Hayek nach wie vor ein Interesse am Wohl der Messe hat.»

Auch konnte er nichts darüber sagen, ob Swatch vielleicht ab 2020 eine Rückkehr in Aussicht gestellt habe: «Ich habe über das Interview mit dem CNBC-Blog vernommen, dass Hayek nichts gegen neue Ideen für eine solche Veranstaltung einzuwenden hat.»

Dass man nun mit dem Abgang von Kamm ein Zeichen an die Adresse der grossen Aussteller setzen wolle, stellte Vischer aber in Abrede.

Was der Abgang der Swatch Group für Auswirkungen auf das Geschäftsergebnis haben wird, konnten die Verantwortlichen nicht sagen. «Sie wird aber Auswirkungen haben», sagte Finanzchef Beat Zwahlen. Und auch über eine allfällige erneute Wertberichtigung war nichts zu erfahren. «Dies hängt von der künftigen Auslastung der Hallen und dem Erfolg der Veranstaltungen ab», sagte er vieldeutig.

https://tageswoche.ch/wirtschaft/goetterdaemmerung-bei-baselworld-oder-alles-gar-nicht-so-schlimm/

Konversation

  1. Basel scheint in immer mehr Schuhen zu stehen, die eine Nummer zu gross sind: Immer-noch-mehr geht nicht mehr. Das werden auch andere lernen müssen, auch wenn sie es noch wissen wollen.

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    1. Ach, für den Hayek junior sind immer alle anderen Schuld. Keine Kritikfähigkeit, ständiges Jammern und Abschätzig auf alles was nicht Uhrenindustrie bzw. Swatch ist. Zieht sich seit Jahren so. Sein Vater war da noch ganz anders, ein echter Unternehmer.

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  2. Messen kommen und gehen, wir werden auch dies überleben, respektive die Hüllen werden mit anderem Leben gefüllt werden. Wenn alte grosse Bäume im Wald sterben, gibt es mehr Licht und Platz für neue Bäume. Panikmache und das Verlangen gewisser Politiker, alle Messebeteiligungen zu verkaufen, halte ich daher für falsch.

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    1. Das ist durchaus so. Nur hat es andere Messen im Ausland, welche dieses Vakuum füllen werden. Das unrealistische Wirtschaften der Verantwortlichen, überrissene Gebühren, hohe Hotel- und Restaurantpreise sind verantwortlich für die Misere.

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  3. Die frei werdenden Räumlichkeiten können wir also demnächst für noch ein Multiplexkino nutzen. Und die verwaisten Aussteller-„Stände“, die ja angeblich Dimensionen von Einfamilienhäusern haben können, dürfen lokale Bands als Proberaum nutzen. Vielleicht findet sich auch ein bauerngängelnder Harddiscounter, der darin ein Pop-up-Store eröffnet. Die Möglichkeiten sind grenzenlos. Hätte sich das Basler Stimmvolk damals nicht von den Drohungen der Messe, bei einem „Nein“ zum Messeneubau die Stadt zu verlassen, beeindrucken lassen, entgingen uns nun all diese tollen Neu- und Umnutzungen.

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