Kinder im Fokus der Freikirchen

In Kindergottesdiensten und Schullagern werben freikirchliche Gemeinschaften um neue Mitglieder. Der Spass der Kinder steht dabei selten alleine im Mittelpunkt.

«Praise Camp»: Gemeinsam zum individuellen Glauben. (Bild: Hans-Joerg Walter)

In Kindergottesdiensten und Schullagern werben freikirchliche Gemeinschaften um neue Mitglieder. Der Spass der Kinder steht dabei selten alleine im Mittelpunkt.

Freikirchen wissen, was Kindern gefällt. Vom Youtube-Video zum Kindergottesdienst, von Ferienlagern zu Fussballturnieren werben sie mit einem breiten Angebot um junge Kirchenmitglieder. Mit Leichtigkeit verbinden sie dabei konservative Glaubenslehre mit Spiel und Spass.

Im christlichen Jugendlagerhaus Camp Rock können die Kinder auswählen zwischen Action-Camp, Abenteuer-Camp oder Erlebnis-Camp. Die Schweizer Freikirche ICF (International Christian Fellowship) bietet für ihre Jüngsten eigene Gottesdienste mit Hüpfburg, Basteltisch und Spielnachmittagen an. Die Veranstaltungsreihen heissen «Milky Way», «Chinderexpress» oder «Kids Planet».

In jeder grösseren Stadt finden sich zudem christliche Kindertagesstätten oder christliche Nachhilfegruppen. Alle diese Angebote haben etwas gemeinsam: Im Mittelpunkt steht auch die Vermittlung der Glaubenslehre. Wie das zusammenpasst, veranschaulicht etwa ein Video des ICF Zürich mit Maskottchen Elmo. 

Das farbige Zotteltier verbrennt sich an einer Tasse heisse Schokolade seine Zunge. Die unterhaltsame Nummer dauert einige Minuten, bis der Moderator zum Wesentlichen kommt. «Weisst du, was ich vorschlage, Elmo?», fragt er das Zotteltier, «dass wir jetzt für dein Zunge beten. Denn Jesus kann machen, dass dieser Schmerz weggeht. Immer wenn du Schmerzen hast, kannst du sagen, Jesus bitte mach, dass der Schmerz weggeht, Amen.»

Himmel oder Hölle

Wie keine andere Glaubensgemeinschaft richten sich die Freikirchen mit ihren Angeboten an Kinder. Doch nicht immer geschieht das so harmlos wie im Video mit Elmo. Bei der Beratungsstelle infoSekta sind bei jeder dritten Anfrage zu evangelikalen Gruppen Kinder betroffen, sagt Beraterin Regina Spiess.

Im Gegensatz etwa zur reformierten oder katholischen Kirche, die ebenfalls Kinderlager anbieten, gilt bei den Freikirchen auch für die Jüngsten: Nur wer sein Leben Gott übergibt, ist errettet. «Den Kindern wird erklärt, dass Rettung nur durch ein Leben mit Jesus Christus möglich sei und alle anderen verloren sind, die eigenen Eltern inbegriffen», so Spiess.

Ziel der Angebote sei immer auch das Weitergeben der «frohen Botschaft». Doch nicht für alle Eltern ist der religiöse Hintergrund auf den ersten Blick ersichtlich. Und so kommt es vor, dass nicht evangelikal erzogene Kinder ein freikirchliches Ferienlager besuchen und nach ihrer Rückkehr verzweifelt versuchen, die eigenen Eltern zu bekehren. Dann klingelt bei infoSekta das Telefon.

Andersgläubige als Bedrohung

Die professionell vermarkteten Kinderangebote richten sich auch an Aussenstehende. Im eigentlichen Fokus der Freikirchen steht aber der eigene Nachwuchs. Während gemäss einer jüngst erschienenen Studie (online nicht verfügbar) die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung behauptet, ihren Kindern keine religiöse Orientierung mehr vermitteln zu wollen, verwenden evangelisch-freikirchliche Eltern genau darauf Zeit und Energie.

Nichtgläubige, Fernsehen, Populärkultur und auch die Schule nehmen diese Eltern häufig als Bedrohung des eigenen Glaubens wahr. Viele schicken ihre Kinder deshalb nicht nur in christliche Ferienlager, sondern auch an kirchliche Schulen, wo die Abgrenzung gegenüber Andersgläubigen noch einmal gefestigt wird.

Bekanntestes Beispiel in der Nordwestschweiz ist die Freie Christliche Schule in Liestal. Mit ihrem Angebot von der Spielgruppe bis zur Sekundarstufe deckt sie die gesamte obligatorische Schulzeit ab. Georg Otto Schmid von der evangelischen Beratungsstelle Relinfo sieht darin grundsätzlich kein Problem, mit einer Einschränkung: «Wir können den Besuch von freikirchlich geprägten Schulen nur Kindern aus Elternhäusern empfehlen, die dem freikirchlichen Christentum mindestens nahestehen.»

«Gott muss Schuld bestrafen»

Welche Bedeutung Schuld und Sünde bei manchen evangelikalen Freikirchen in der Kindererziehung spielen, zeigt exemplarisch ein weiteres Video – dieses Mal von einer Gemeinschaft in Thun. Im Film aus dem Kindergottesdienst «Kidstrain» ertrinkt ein Junge in den braunen Fluten eines Flusses. Dazu zitieren Kinderstimmen in stockendem Lesefluss aus dem Testament. «Jeder Mensch ist schuldig und kann sich nicht selber retten», sagt ein Junge. «Alle sind Sünder und haben nichts vorzuweisen, das Gott gefallen würde», sagt ein Mädchen, und ein zweiter Junge erklärt: «Gott muss Schuld bestrafen.»

Antrieb vieler evangelikal gläubiger Eltern, sagt Regina Spiess, sei die Angst, die Kinder könnten vom Glauben abfallen und verloren sein. «Das ist für evangelikal Gläubige ein schrecklicher Gedanke.» So folgten die Freikirchen mit ihren Angeboten selten einer bestimmten Agenda, die Bekehrungsversuche kämen von Herzen. Doch für die Kinder blieben die damit einhergehenden Konflikte dieselben. «Die Vorstellung von verloren sein, Bestrafung und Schuld», sagt Spiess, «finde ich für Kinder sehr problematisch.»

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Mehr zum Thema: «Gott ist kein überdimensionierter Kaugummiautomat» – Interview ICF-Jugendpastor Raphael Fabry / Mein Freund Jesus – Hintergrund zum «Praise Camp» 2015 in Basel.

 

Konversation

  1. ich bin in einer sogenannten evangelikalen umgebung aufgewachsen. vordergründig lauterer sonnenschein und freiheit pur…
    doch langsam aber sicher kommen die selbstgebastelten schlingarme dieser evangelikalen zum vorschein. mit ihrem zu anfang sonntags-lächeln im gesicht zerrdrücken und erwürgten sie langsam aber sicher alles was nicht in ihr selbstgefälliges gottesbild passt.
    wenn du dies und das nicht tust…
    züchtige deinen sohn mit der rute…
    und so vieles mehr, das ich mich nicht auszusprechen getraue.
    somit war meine evangelikale kindheit mit ihren strafen, schuldgefühlen und meinen mir ständig aufgezwungenen bekehrungen, der so selbstgefällig ewig lächelnden frommen und zum himmelreich auserkorenen erwachsenen ein grausamer schreck und pein fast ohne ende.

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  2. Sekten grenzen ab.
    Das tut an sich jeder, der eine Wahl trifft. Doch muss man nur, weil man eine Wahl getroffen hat, die Welt in gut und böse einteilen? Das ist doch das haarsträubende Businessmodell der Fundamentalisten aller Couleur: Statt dass Wertmassstäbe einfach angeboten werden, werden beliebige Regeln mit geradezu erpresserischem Psychoterror vermarktet. Hinter der „Frohbotschaft“ finden wir Himmel, Hölle, Schuld und Strafe, Angst nd Sühne, sogar den Teufel persönlich. Was Gott gefällt und was nicht, das wird von obskuren Sektenführern und übereifrigen Laienpredigern frei erfunden und entsprechend vermarktet.

    Wer glaubt, der wird und muss dann dran glauben!

    Atheismus als Label langweilt mich, denn natürlich existiert Gott – jedenfalls der abstrakte Begriff. Er war und ist schliesslich in der Gesellschaft wirksam. Ob er die Welt erschaffen hat, oder nicht, ändert nichts daran. Jede Religion hat ihre Schöpfungsgeschichte. Viele dieser Mythen sind zudem dichterisch viel eindrücklicher als der Unsrige. Am Grossartigsten aber erscheint mir die gut fundierte Schöpfungstheorie, welche die Naturwissenschaft schreibt. Kein Dichter hätte jemals so viel Fantasie!
    Beruflich vorbelastet, sehe ich mich als Werte-loyalen Agnostiker. Unsere Gesellschaft ist offen, es gibt kein Weg zurück. Der Versuch zur Wende kann und wird nicht gelingen, aber sicher noch mehr Angst, Leid, Gewalt und Schlimmeres bewirken. Obwohl es ja so schön und praktisch wäre: Man geht in die Kirche der den Tempel, und kann, wie manche dies beim Arzt oder Psycholgen auch tun, die Verantwortung in der Garderobe abgeben. „Ich lege mein Schicksal in Deine Hände. Halleluja“!

    In unserer ziemlich säkularen Welt sehe ich kein Problem darin zu verstehen, auch respektvoll zu akzeptieren, dass die Meisten unter uns irgend eine Form von Gott brauchen, aber ihn, zusammen mit dem Himmel, der Hölle und dem Teufel, selbst erfunden haben. Lange Zeit, vom zornigen Gott des AT bis zum gnädigen Gott des NT konnten Religionen wichtige positive Leitbilder der Ethik und der Kultur überhaupt erzeugen und Normen setzen. Das ist sicher wertvoll.
    Franz Alt hatte einst den Dalai Lama gefragt, wozu Religionen überhaupt gut seien. Die Antwort hatte mich seinerzeit beeindruckt: „Die Religionen sollen die Menschen lehren, in Frieden zusammen zu leben“, kurz und klar. Weder vor- oder nachher hatte ich von einem Religionsführer eine so klare und richtige Aussage zum primären Ziel der Religionen gehört.

    Dummerweise lockt es viele selbsternannte Sektenführer, möglichst viel Macht über Menschen zu erlangen, die Menschen zu manipulieren und gar in Kriege zu verstricken. Das tat die RKK 2000 Jahre lang mit grossem Erfolg. Das geniale Werkzeug: Die Schuldenfalle! Also erfand man die Erbsünde, und hey presto war jeder Gläubige a priori schuldig. Dafür muss man natürlich büssen und vor allem gehorchen. Freiheit, Würde, Menschenrechte kommen erst weit, weit hinter dem einzig richtigen Glauben, den man sich in Rom verwalten, also mänätschen liess.

    Cool auch, dass sich in diesen Freikirchen, genau wie bei anderen Fundis, der Anführer in keiner Weise legitimieren muss. Nicht einmal durch eine kulturhistorische Ausbildung, die ihn wenigstens zu einer intelligenten, historisch interpretierenden Auslegung der alten Schriften befähigen könnte.

    Als Resultat solchen Banausentums finden wir dann Dummköpfe wie diesen Andreas Thiel in den Medien. Den Unsinn, den er über „den Islam“ verbreitet, verbreiten unsere Fundis mit umgekehrtem Vorzeichen auch bei uns, über unseren Gott.

    Zum Schluss noch marktwirtschaftlich argumentiert: Aber die Leute wollen das! Aha, ja dann ist ja gut.

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  3. Irgendwas muss man mit den Kindern ja machen am Wochenende oder Mittwochachmittag!
    – Daheim: Mama und vielleicht auch die Nachbarn drehen langsam durch.
    – In den Wald: Zusatzwaschtag fällig danach, die Kleinen finden es dann auf Dauer auch öde.
    – In die IKEA: Das Kinderland wid auf Dauer auch langweilig, schon genug Kerzen daheim.
    – Zur Günen-Debatte: Kinder eher unerwünscht.
    – Zum SVP-Buurezmorge: Gut für die Kinder, nur beschänkt gut für die Eltern.
    – Ins Kino: Nachher sofortige Fühaufklärung nötig.
    – Zur Demo: Leider nicht wöchentlich.
    – Zum FC Basel: Zu selten, bei Fankravall fü die Kinder zu gefährlich.
    – in die Freikirche: Kinder haben friedliche Kollegen, nach dem Gottesdienst gibts Kaffee und was zu Reden.
    – Ausflug: Die SBB wid ja immer teurer!
    – Basel: Nicht eigentlich wirklich kinderfreundlich.
    – Zu den Anthroposophen: Schwierig, wenn man da länger hingehen will.

    Das war einmal praktisch gedacht.
    Noch andere Ideen?

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  4. Was für ein schlechter Artikel. Die Ängste von Eltern, das ihre Kinder in einer
    durchgegenderten Schulwelt mit Geschlechterquote verheizt werden, sind nämlich nicht unbegründet. Freikirchen und generell christliche Angebote bieten da einen guten Gegenpol zu. Ich finde dauerbesoffene Heranwachsende mit Kinderwagen schon eher bedenklicher als Freikirchen. Auf dem PraiseCamp habe ich keine besetzten Häuser und verschmierte Fassaden gesehen. Kann es sein, das Wertevermittlung ein Thema ist, wo säkularisierte Eltern und Schulen schlichtweg versagen?

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    1. Das mit der Werte-Vermittlung hat was. Bei allem ideologischen Output, der da gepredigt wird: Es geht ja letztendlich darum, ein gottgefälliges Leben zu leben und die Rahmenbedingungen dazu sind nun mal höchst sozialverträglich.

      Blöd nur, dass bei Kindern, die von Geburt in einer Freikirche Zwangsmitglieder sind, in der Pubertät dieser kirchliche Background im Abnabelungsprozess problematisch werden kann. Und die evangelikalen Eltern dann schlicht überfordert sind mit den weltlichen und menschlichen Prozessen, die da spielen.

      Meine Schwester, die sich in der Pubertät erfolgreich von unserer Freikirche emanzipiert hat, ist heute „religiöse Veganerin“. Da spielen die gleichen Mechanismen, wie in einer Freikirche. Und weil sie seit Kindheit auf dieses Schema geprägt ist, greift es jetzt wieder.

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    2. @bajass
      die zwangsmitgliedschaft zum einen …
      genauso wichtig die prüffrage:
      wen schliesst sie nicht ein sondern aus, die so freie kirche?
      «alli indianer hän schlächti eltere»

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    3. @ s chröttli

      Jede „freie“ Gemeinschaft schliesst irgendetwas aus.

      Die einen lassen keine Holzinstrumente zu (Brass Bands), andere wollen keine ekligen Mädchen (Calvin & Hobbes) oder keine unverheirateten Frauen (Miss World Wahl).

      Es ist jedem mündigen Bürger freigestellt, einer Gemeinschaft beizutreten. Kinder haben diese Wahl aber nicht.

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    4. exakt – und für das kindergarten-/nochbers-gschpönli gilt derweil
      «und ich muss draussen bleiben»
      (teenie-kind?, griechisch-römisch-neo-orthodox?)

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    5. «lasset die kinderlein zu mir kommen»
      (für nähere info wenden Sie sich bitte an die klerikale selektionsbehörde)
      amen.

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