Kritik an Monica Gschwind: «Ein Rückfall in die 50er-Jahre»

Der Basler Bildungswissenschaftler Hans-Ulrich Grunder übt scharfe Kritik an der Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind. Sie werfe den Kanton mit ihren Sparmassnahmen um Jahrzehnte zurück.

Mit jedem Wort steigt die Empörung: Die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind steht in der Kritik.

(Bild: Stefan Bohrer)

Der Basler Bildungswissenschaftler Hans-Ulrich Grunder übt scharfe Kritik an der Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind. Sie werfe den Kanton mit ihren Sparmassnahmen um Jahrzehnte zurück.

100 Tage nehmen Regierungsräte gerne in Anspruch, bevor sie sich messen lassen wollen. So viel Zeit müsse sein, um im Amt anzukommen. Die Schonfrist der neuen Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind ist seit dem 8. Juli abgelaufen. Sieben Tage nach Jobantritt.

Am 8. Juli hat die FDP-Frau aus Hölstein umfassende Sparbeschlüsse im Bildungs- und Kulturbereich angekündigt. Bis 2019 will sie ihr Budget um jährlich über 50 Millionen Franken erleichtern. Die massiven Abstriche sorgen für Entsetzen in der Lehrerschaft wie auch bei der politischen Linken. Auf Twitter steigt die Fassungslosigkeit und Häme mit jeder neuen Wortmeldung:

An Gschwinds Aussagen in einem Interview mit «20Minuten online» übt auch Hans-Ulrich Grunder, Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Basel, scharfe Kritik. Gschwind will bei den Übergangslösungen zwischen Schule und Beruf sparen. Nach einer Woche im Amt scheint Gschwind die Probleme im Schulsystem erfasst zu haben:

«Viele Jugendliche finden es gemütlicher, in die Schule zu gehen, als sich mühselig für eine Lehrstelle zu bewerben.»

Für Grunder liegt Gschwind mit dieser Einschätzung schwer daneben:

«In diesem Alter können sich viele Jugendliche nicht mit einer guten Begründung für eine berufliche Laufbahn entscheiden. Die Übergangslösungen haben sich als sehr sinnvoll erwiesen, dort wird mit hohen Erfolgsquoten defizitorientiert gearbeitet. Finanzpolitisch ist es nachhaltiger, dort zu investieren, als später Sozialfälle finanzieren zu müssen. Gschwind will eine Entwicklung der letzten 25 Jahre rückgängig machen.»

«Konkurrenzorientiertes Menschenbild»

Grunder vermutet dahinter ein «konkurrenzorientiertes Menschenbild, das darauf abzielt, die Jugendlichen möglichst früh für wirtschaftliche Zwecke verfügbar zu machen». Mit der Folge, dass viele Dropouts produziert würden. «Kurzfristig mag das günstiger kommen, langfristig ist das Habakuk.»

Auch mit den verfügbaren Zahlen lässt sich Gschwinds Behauptung nicht untermauern, verlässliche Werte sind nur eingeschränkt zu bekommen. Das Baselbieter Statistische Amt hinkt bei der Erfassung hinterher. Eine Kennzahl ist allerdings aussagekräftig: Die Zahl der Schüler in Brückenangeboten ist von 2000 bis 2013 kontinuierlich zurückgegangen – von 617 Schülern pro Jahr auf noch 410.

Überdurchschnittlich grosse Klassen

Ähnlich beurteilt der renommierte Bildungswissenschaftler die Sparmassnahme, die Klassengrössen von 24 auf 26 Kinder zu erhöhen. Schweizweit liege der Durchschnitt bei 19 bis 21 Kindern, schon 24 sei ein hoher Wert, sagt Grunder. Einbussen bei der Unterrichtsqualität seien evident: «Rein rechnerisch betrachtet, hat ein Lehrer dann weniger Zeit, sich um den einzelnen Schüler zu kümmern. Darunter leidet die Förderung.»

Die Förderung des Einzelnen, individuelle Ansätze in der Wissensvermittlung – so viel lässt sich aus Gschwinds Aussagen gegenüber «20 Minuten» schliessen – sind der gelernten Treuhänderin suspekt:

«Ich stehe eher auf der konservativen Seite. […] Experimenten wie zum Beispiel sogenannten Lernlandschaften, in denen mehrere Lehrerpersonen im Grossklassenzimmer gleichzeitig unterrichten und Schüler selbstständig arbeiten, stehe ich eher skeptisch gegenüber.»

Gefährliches Schwarz-Weiss-Denken

Gschwind beweist in den Augen Grunders auch in diesem Thema wenig Ahnung von der Sache:

«Das ist ein Rückschritt in die 1950er-Jahre. Eine lernfreundliche Atmosphäre, ein flexibler Unterricht fördern den Wissenserwerb. Die Frage, ob frontal gelehrt wird oder in der Gruppe, ist nicht das Thema. Beides kann Platz haben, muss aber pädagogisch-didaktisch begründet sein. Was Gschwind versucht, ist eine Reduktion der Komplexität. Das ist immer gefährlich. Es gibt nicht einfach ein Falsch und ein Richtig, Ja oder Nein, Unten oder Oben. Gschwind verunglimpft die Lehrer, die dafür ausgebildet sind, individualisiert zu unterrichten.»

Gegenüber «20 Minuten» spricht sich Monica Gschwind auch gegen die Sonderpädagogik und gesonderte Förderungen aus. Auch in diesem Bereich will sie Ressourcen einsparen:

«Baselland ist ja Schweizermeister, was spezielle Förderungen anbelangt. Dabei sind die Kinder heute nicht dümmer oder kranker als früher. […] Je mehr Heilpädagogen im Schulzimmer herumschwirren, desto unruhiger wird es in der Klasse. Und viele Eltern nerven sich darüber, dass so viele Sonderwünsche abgedeckt werden.»

Sparen mit dem Rasenmäher

Grunder betitelt dieses Vorgehen als «Sparen mit dem Rasenmäher»:

«Es ist eine plumpe Massnahme, sie trifft die Schwächsten und ist völlig unsozial. Der Glaube, früher habe es keine Kinder gegeben, die mehr Betreuung gebraucht haben als andere, ist falsch. Über ein Kind mit ADHS sagte man einfach: Der robotert. Bildungspolitisch schlägt Baselland hier den falschen Weg ein. In den Pisa-Studien liegen jene Länder vorne, die niemanden zurücklassen.»

Hans-Ulrich Grunder, der früher selber als Lehrer unterrichtet hat, stellt dem Baselbiet eine schlechte Prognose. Die Fehler später zu beheben, die jetzt mit dem Abbau und Reformstopp begangen werden könnten, würde zehn Jahre und länger dauern. Seine Hoffnung: Dass nicht allzu viel übrig bleibt vom Sparpaket nach der politischen Debatte.

Konversation

  1. Gehirn ist (fast) der einzige Rohstoff, den die Schweiz und das Baselbiet zu bieten haben. Keine gute Idee, bei der Bildung zu sparen.

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  2. Einen Interviewsatz dieser Neuregentin über das Baselbieter Bildungswesen will ich hervorheben:
    „Baselland ist ja Schweizermeister, was spezielle Förderungen anbelangt. Dabei sind die Kinder heute nicht dümmer oder kranker als früher. […] Je mehr Heilpädagogen im Schulzimmer herumschwirren, desto unruhiger wird es in der Klasse. Und viele Eltern nerven sich darüber, dass so viele Sonderwünsche abgedeckt werden.“
    Herumschwirren.
    Kranker.
    Sonderwünsche.

    Der klassische Liberalismus und auch der zur Zeit nicht nur in Deutschland wegen rechtsnationalistischer Töne aus dessen Vorstand in die Diskussion geratene Hajek-Liberalismus haben sich was eingebildet auf einen Begriff wie „Individualität“ respektive „Individualismus“.
    Die Neuregentin gehört der Partei an, welche nebst dem herkömmlichen „FDP“ hintenan noch „Die Liberalen“ zugetextet hat und so in der politischen Propagandalandschaft (einer in BL ausgesprochen minderheitlich besetzten Landschaft) herumspaziert.
    Wer individuelle Förderung derart ins Lächerliche zieht wie die Neuregentin in Liestal, weist auf eigene Qualifikation hin. Oder eben auch Nichtsqualifikation. Dieser Neuregentin würde ich gar nichts, schon gar nicht die Bildung und die Kultur eines Kantons anvertrauen.
    Da wird einfach zerstört: Strukturen, Zusammenarbeitsmodelle, Entwicklungsmodelle, Wissensstränge.
    Programme ? Aufbauende, durchführungsfähige Ideen mindestens ?
    Nichts da! Einfach mal abschaffen, „sparen“, ein paar hundert Lehrkräfte entlassen usw. Nur, damit „die Unternehmer“, wer immer das dann auch sein mag, Steuerersparnisse einfahren können, nur, damit mehr überflüssige Strassen gebaut werden können. Schliesslich hat man als „bürgerliche“ Regentin resp. Mitregentin eine Klientel, die einem den Wahlkampf bezahlt und ins gutbezahlte Regentenamt befördert hat.
    C’est tout.

    Im übrigen finde ich Marten’s Rechnung über die „Mehrheit“ welche hinter der Neuregentin steht, bemerkenswert. Das Interesse an staatlichen Dingen ist im Kanton Basel-Landschaft derart gering, dass von Demokratie im Sinne des Wortes nicht gesprochen werden kann.

    Zu Bärbeiß:
    Zucht?
    Ordnung?
    Albert Ankers Schüler- und Lehrerbilder lassen grüßen.
    Da war Pestalozzi aber früher schon viel weiter!

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  3. Herr Martens, leider ist’s in den Wahlen nicht möglich gewesen, eine Stimme gegen Frau Gschwind abzugeben, so wie dies bei keinen Wahlen möglich ist. Und alle, die wir sie nicht gewählt haben, als vornehm schweigend, implizit zustimmend zu taxieren, irritiert.

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    1. @ Thomas Meyer: Zu Ihrer irritation: Ich habe mich nicht sehr präzise ausgedrückt, das tut mir leid!

      Genau genommen sind es 67%, also 2/3 der Wahlberechtigten, die vornehm geschwiegen haben: Es ist die schweigende Mehrheit, die diese irritierende Person implizit akzeptiert haben.

      Die uns wohl beide irritierende Person wurde immerhin von der Hälfte (48.9%) des überhaupt wählenden Drittels gewählt.

      Somit kann ich wohl präzisierend behaupten, dass von den Wahlberechtigten damit etwa 2/3 + 1/6 = 5/6 oder genau 84.1% diese Kulturpause wollen bzw. Zulassen – mit allen Folgen.

      Da Sie sicher wählen gegangen sind, gehören Sie also zum Sechstel der Wahlberechtigten der Verlierer. Nein, obendrauf wollte ich Sie und eben gerade diesen kulturbewussten Sechstel nicht verhöhnen!

      So funzt die Demokratie: Schlecht und recht – ohne bessere Alternative!

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    2. «Die Volkskammerwahl 1990 war die letzte Wahl zur Volkskammer der DDR und die einzige, die demokratischen Grundsätzen entsprach. Sie fand am 18. März 1990 statt. Ursprünglich war die Wahl für den 6. Mai 1990 vorgesehen, aber aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse und der Notwendigkeit zur Herstellung einer handlungsfähigen und legitimierten Regierung wurde die Volkskammerwahl anderthalb Monate vorverlegt.

      Die Wahlbeteiligung lag bei 93,4%. Sieger war das Wahlbündnis Allianz für Deutschland, bestehend aus der ehemaligen Blockpartei CDU mit dem Spitzenkandidaten Lothar de Maizière, der neu gegründeten und der bayerischen CSU nahestehenden Deutschen Sozialen Union (DSU) und dem Demokratischen Aufbruch (DA). Spitzenkandidat der DSU war Hans-Wilhelm Ebeling, der Spitzenkandidat des DA war Wolfgang Schnur, dem drei Tage vor der Wahl seine Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministerium für Staatssicherheit (MfS) nachgewiesen worden war.

      Die neu gegründete und bis zum Wahltag als Favorit gewertete Sozialdemokratische Partei in der DDR (ursprünglich SDP, zum Zeitpunkt der Wahl als SPD abgekürzt) – unter Spitzenkandidat Ibrahim Böhme, der später ebenfalls als Inoffizieller Mitarbeiter des MfS enttarnt wurde – kam unerwartet nur auf knapp 22 % der Stimmen».

      So «funzt» Demokratie.

      Weit davon entfernt sind wir nicht mehr.

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    3. Ach ja:

      Da sind mir die 80 Prozent Wähler, die diesem System zeigen was sie von ihm halten, immer noch lieber, als die 20 Prozent Claqeure und Profiteure.

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  4. Nein, die Wähler haben Frau Gschwind gewählt, es jetzt wieder andern in die Schuhe zu schieben ist nicht fair und zeigt doch nur dass das Volk nicht mündig ist

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  5. Jetzt fängt das grosse jammern an, alle wussten wenn sie wählten eine Niete, leider hat der Vorgänger SP Mann Wüthrich einiges vergrault.Wüthrich trägt eine wesentliche Mitschuld das die fähigste Person Frau Nebiker nicht gewählt wurde. Wiedemann und Co können tragen ein grosses Stück Mitschuld das Gschwind jetzt da sitzt wo sie nicht sitzen sollte.

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