Kühe, Knatsch und viel Kultur im letzten Dorf

In Langenbruck im Oberbaselbiet leben Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger zurückgezogen in einem Haus – und hinterlassen dennoch Spuren. Am Mittwochabend wird dem Künstlerduo der Baselbieter Kulturpreis verliehen.

«Langenbruck ist mehr als Bider.» (Bild: Steiner/Lenzlinger und Heiner Grieder )

In Langenbruck im Oberbaselbiet leben Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger zurückgezogen in einem Haus – und hinterlassen dennoch Spuren. Am Mittwochabend wird dem Künstlerduo der Baselbieter Kulturpreis verliehen.

Ein Gespenst geht um in Langenbruck – das Gespenst Kultur. Noch muss man es suchen oder bewusst den Weg nehmen, der zu ihm führt. Es ist der Weg zum Kloster Schönthal, wo Galerie und Skulpturenlandschaft die Kulturhungrigen sättigen und die Natur noch unberührt und voller Kühe ist.

Auch Wildschweine sind da, ganz nah, aber unsichtbar, wie das so ist bei den Wildschweinen – auch sie gilt es zu suchen. Meist tun das nur Jäger. Oder Künstler. Wenn sie deren Knochen brauchen, um ein leerstehendes Silo damit zu füllen, einen Totentanz zu ­inszenieren. Um zu zeigen: Sie haben zu wenig Raum, die Wildsäue, müssen eng zusammenleben, ganz anders, als es so manche Menschen tun.

Expo, Biennale – Langenbruck

Eng ist es in Langenbruck höchstens in der Dorfgasse, der heimlichen Hauptstrasse, wo am Ende das Gemeindehaus steht, in der Mitte der Dorfladen – und am Anfang das Haus der Bewohnerin Lisl Pool, in dem sie seit ihrer ­Geburt und somit seit 84 Jahren lebt. «An Frau Pool kommt keiner vorbei», sagt Künstlerin Gerda Steiner, die mit dem Künstler Jörg Lenzlinger selber seit zwei Jahren in einer Dependance des Klosters Schönthal mitten in Langenbruck lebt.

Am 26. September werden Steiner/Lenzlinger den Baselbieter Kulturpreis in der Sparte Kunst entgegennehmen – unter anderem für das Silo mit den Wildschweingebeinen, aber auch, weil das Duo schon an der Expo.02 und an der Biennale in Venedig für Aufsehen gesorgt hat.

Auch Lisl Pool weiss um die Inter­nationalität des Duos – sie nimmt von Gerda Steiner gern Komplimente für ihre Geranien entgegen – und dient selber als Auskunftsperson für Histo­risches: Frau Pool erinnert sich noch genau an die vielen Verletzten, die die ehemaligen Schanzen im «Skidorf» einst hervorbrachten, weiss aber auch über aktuellen Knatsch Bescheid, den es wegen eines Imbisses gab.

Bloss beim Thema Kunst ist Lisl Pool zurückhaltend, «zu alt» sei sie – und darum der Gemeindeversammlung vom Mittwoch ferngeblieben. Da ging es um Kunst. Dieses Gespenst, das nun auch in der Dorfgasse Einzug halten soll, um den Verkehr zu beruhigen – und um eine Annäherung von «Laien- und Hochkultur» zu ermöglichen, wie Gemeindepräsident Hector Herzig sagt. Toleranz soll gefördert werden, Dinge sollen Platz haben, auch wenn sie nicht jedem gefallen, sagt er.

Künstler bemalen die Dorfgasse

Ob es gefällt oder nicht – inzwischen steht fest: Das Duo Steiner/Lenzlinger wird den Belag der Dorfgasse gemeinsam mit der Dorfbevölkerung be­malen, die Hauseingänge werden mit Strichen «zusammengenäht» und die Striche werden mit ornamentartigen Flächen bemalt. Das Dorf hat Ja gesagt zu mehr Kunst, die Vorbehalte aber waren gross.

«Es gefällt mir nicht», war im Vorfeld zu hören, «Autos werden trotzdem rasen» und «die 30 000 Franken könnten wir für Gescheiteres ausgeben». Langenbruck ist eben ein Dorf wie viele andere auch im Ober­baselbiet, wo Neues oft mit Argus­augen und Skepsis beobachtet wird.

Armee, Luftfahrt und Ökologie

Bloss etwas ist anders in Langenbruck, im letzten und höchstgelegenen Basel­bieter Dorf, oben auf der Passhöhe. Hier haben trotz aller Abgeschieden- und Verschlafenheit Dinge neben­einander Platz, die eigentlich gar nicht zusammengehören, sich aber dennoch nicht in die Quere kommen.

Das Armee-Museum mit seinen Waffen und Uniformen ist nur ein Beispiel, es befindet sich unweit des Ökozentrums am anderen Ende des Dorfes. Die Verehrung des Langenbrucker Flugpioniers Oskar Bider ist auch bald hundert Jahre nach seinem Tod all­gegenwärtig. Frau Pool verschenkt gern auch mal Postkarten mit dem «Chefpiloten» drauf – und bemerkt in Anspielung auf die bekannten Künstler im Dorf: «Sie sehen, wir waren schon früher berühmt.»

Wobei die Verleihung des Kulturpreises an zwei Langenbrucker dort kaum ein Thema ist. Den beiden Künstlern ist das recht. Sie sagen: «Wir ­kamen hierher, weil wir unsere Ruhe haben wollten – die haben wir gefunden.» Solange, bis die erste Baselbieter Kunststrasse Realität ist.

Quellen

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 21.09.12

Nächster Artikel