LSD und sein langer Trip zurück ins Labor

Einst diente der Mutterkornpilz als Wehenmittel. Dann synthetisierte Albert Hofmann daraus LSD. Und schliesslich brachten der Geheimdienst CIA und Drogenfreaks die Substanz in Verruf. Ein Rückblick zum 75. Geburtstag einer Ausnahmesubstanz.

Legendär: 1966 fuhren die Merry Pranksters mit ihrem Tourbus auf LSD ab.

Das Mutterkorn (Secale cornutum) ist Gift und Heilmittel in einem. Es entsteht meist auf Roggenähren, die von einem Fadenpilz befallen sind, der auf ihnen schwarzviolette «Körner» bildet. Die chronische Vergiftung durch Mehl, das mit Mutterkorn verunreinigt ist, kann zum Verlust von Gliedmassen oder gar zum Tode führen.

Ein wässriges Mutterkorn-Extrakt diente früher als Wehenmittel und zur Stillung von Nachgeburtsblutungen. Der Frankfurter Arzt und Botaniker Adam Lonitzer hat das Mittel 1582 in seinem Kräuterbuch erstmals beschrieben. Hebammen war es schon lange vorher bekannt.

Gut gegen Migräne

Im 20. Jahrhundert begann die chemische Industrie, Interesse am Mutterkorn und seinen Wirkstoffen zu zeigen. 1917 gründete die Firma Sandoz, die bisher vor allem Farben hergestellt hatte, eine kleine pharmakologische Abteilung. Ihrem Leiter, dem Naturstoffchemiker Arthur Stoll, gelang ein Jahr später die Isolierung des Wirkstoffes Ergotamin aus dem Mutterkorn. Ergotamin wurde unter dem Namen Gynergen zunächst bei Nachgeburtsblutungen eingesetzt, später auch als Mittel gegen Migräne vermarktet.

In den 1930er-Jahren beschäftigte man sich bei Sandoz erneut mit den Wirkstoffen des Mutterkorns. Auf der Suche nach einem Kreislaufstimulans synthetisierte der Chemiker Albert Hofmann am 16. November 1938 das Lysergsäurediethylamid oder kurz LSD-25 erstmals. Im Tierversuch zeigte der Stoff nicht das erhoffte Resultat.

Als Hofmann sich am 16. April 1943 entschied, die Synthese zu wiederholen, kam er zufällig in Kontakt mit dem Stoff und erlebte dessen halluzinogene Wirkung. Darauf nahm er am 19. April in einem kontrollierten Selbstversuch 250 Mikrogramm LSD ein.

Als der Stoff zu wirken begann, fuhr Hofmann, begleitet von seiner Laborantin, mit dem Velo nach Hause. Unterwegs sah er die Stadt in neuen Farben und Formen. Zeitweise konnte er nicht mehr sprechen und befürchtete gar, den Verstand zu verlieren. Am folgenden Morgen war Hofmanns Garten in ein wunderbares Licht gehüllt und der Trip kam zu einem guten Ende.

https://tageswoche.ch/allgemein/its-coming-home-lsd-feiert-in-basel-jubilaeum-und-revival/

Nach einer Reihe von Tierversuchen mit unterschiedlichen Dosierungen bot Sandoz LSD unter dem Namen Delysid Psychiatern und Ärzten für Selbstversuche, aber auch zur Behandlung von Alkoholsucht und Depressionen an.

Die CIA betrieb in San Francisco ein Bordell, in welchem den Freiern heimlich LSD verabreicht wurde.

Das Interesse an LSD blieb nicht auf Mediziner beschränkt. Auf der Suche nach einer «Wahrheitsdroge» experimentierte der 1947 geschaffene US-Geheimdienst CIA auch mit dem neuen Stoff. Untersucht wurde ebenfalls, wie sich LSD auf die Einsatzfähigkeit von Soldaten auswirkt. Bei ihren LSD-Experimenten arbeitete die CIA auch mit Universitäten, psychiatrischen Kliniken, Spitälern und Gefängnissen zusammen.

Oft hatten die «Versuchskaninchen» keine Ahnung davon, dass sie Teil eines Experiments waren. So betrieb die CIA beispielsweise in San Francisco ein Bordell, in welchem den Freiern heimlich LSD verabreicht wurde. Ziel war es herauszufinden, ob sie so gesprächig gemacht werden konnten. Das LSD-Versuchsprogramm mit Codename MK-Ultra flog auf, als in den 1970er-Jahren illegale Operationen der CIA zur Diskreditierung der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg untersucht wurden.

Zu jenem Zeitpunkt gehörte LSD bereits zu den illegalen Drogen. 1966 war es in den USA verboten worden, 1971 wurde es zudem von der UN-Konvention psychotroper Substanzen erfasst, mit welcher der private Konsum eingedämmt und die Verwendung in Medizin und Forschung geregelt werden sollte.

Lange tabu

Für das Verbot sprach in den Augen der Behörden unter anderem, dass die Droge unter den Aktivisten der Protest- und Hippiebewegung während der 1960er-Jahre rasch an Beliebtheit gewonnen hatte. Für die einen schien sie Türen zu einer neuen Spiritualität zu öffnen, für die andern war sie der Weg zum neuen Menschen und einer glücklichen Gesellschaft.

Geradezu legendär sind die Aktionen der Merry Pranksters, die mit ihrem farbenfrohen Bus durch Amerika tourten und die Bevölkerung einluden, die damals noch legale Droge zu testen.

Nachdem das Verbot, die Drogenhappenings und die CIA-Experimente LSD in Verruf gebracht hatten, war es für seriöse Forscher lange tabu. Seit einigen Jahren hat hier nun ein Umdenken stattgefunden, wie aktuelle Forschungen von Matthias Liechti am Universitätsspital Basel zeigen. Damit ist LSD wieder dort angekommen, von wo es einst seine Reise antrat: in der Pharmaforschung.

Konversation

  1. Danke für den Beitrag. Nur schade, dass die Wirkung bei Traumatisierten gar nicht erwähnt wird, wie bei Auschwitz-Opfern. Leider ist es nie zum wirklichen Einsatz gekommen. Es blieb bei den Versuchen..

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  2. Wie immer von Martin stohler ein vorzüglichen beitrag.
    Zu erwähnen waere noch, Dass das Mutterkorn bzw. Die Vergiftung durch dasselbe eine lange „tradition“ am Oberrhein hat, es waren einst die antonitermoenche, die sich um die versehrten (gefaesskraempfe bis zum gliedmassenverlust) kümmerten und der isenheimer Altar in colmar von gruenewald gibt zeugnis davon, kranke mit fürchterlichen Schmerzen, Wurden davor gebracht, dass sie im. Angesicht des gezeigten Leids davon genesen…

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