Maria und Josef: eine Art Weihnachtsgeschichte

Ein Paar macht eine Reise. Die beiden schreiben sich gegenseitig eine Postkarte. Wie das Karten-Spiel ausgeht, bestimmen Sie, liebe Leserin, lieber Leser.

Ein Paar macht eine Reise. Die beiden schreiben sich gegenseitig eine Postkarte. Wie das Karten-Spiel ausgeht, bestimmen Sie, liebe Leserin, lieber Leser.

Sie wussten später nicht mehr, wer von ihnen auf die Idee gekommen war. Jeder vermutete, der andere sei es gewesen. «Du hast mich reingelegt», war noch der sanfteste der gegenseitigen Vorwürfe.

Ich sehe die beiden am Nebentisch. Sie sitzen am beleuchteten Pool im Garten des Hotels. Ein Wasserfall plätschert ins chlorblaue Becken. Beide schreiben. Postkarten.
Die Abreise naht. Und so muss das zu lange schon Hinaus­geschobene endlich getan werden. Adressbüchlein werden durchgeblättert, Postleitzahlen entziffert. Der Kellner serviert «Pisco sour».
«Unterschreibst du hier auch?»
«Wer ist es? Muss ich?»
«Du kannst.»
Und dann höre ich:

«Schreiben wir uns auch eine? – Ja?»
«So einen richtigen Herzenswunsch?» Er lacht und denkt, in einem Monat ist Weihnachten.

«Oder was wir uns schon lange sagen wollten und es nicht getrauten?»
«Ja, so ganz offen!»
«Abgemacht.»

Sie hatte sich einen Leguan aus dem nahen Urwald ausgesucht, wusste nicht recht weshalb, aber er hatte einen Blick wie aus der Steinzeit, der Körper, geschunden und geschuppt, sah spröde aus, und irgendwie hilfsbedürftig, aber sein Auge, das direkt in die Kamera sah, war die Sicherheit und die Ruhe selbst.

Er hatte die Katarakte ausgewählt. Für etwas waren sie ja hierher gereist. Schäumende Wassermassen, die in die Tiefe stürzten. Eindrücklich. Als wenn es mal aus ihm hätte herausmüssen. Runter mit Getöse, wie das Schiff von Fitzcarraldo.

Sie sind jung und machen dennoch den Eindruck eines alten Paares. Ruhige Mitreisende in unserer Exkursion. Immer zusammen. Verschwanden früh ins Hotelzimmer. Kamen – für mich sympathisch – immer als Letzte zum Frühstück, schläfrig, zufrieden.

Sie beugen sich ernsthaft über den Tisch. Wie Kinder, die Hausaufgaben machen. Es ist nicht einfach, auf dem beschränkten Platz der Postkarte, in aller Kürze. Aber es will ja schon lange heraus. Also: «Ja, ich will Dich, ich liebe Dich etc. Und der Pöstler soll es ruhig vorher lesen, soll es meinetwegen dem ganzen Quartier verkünden, es ist so, Deine Maria.» Und ganz deutlich, aber in kleinerer Schrift hatte sie ein P.S. daruntergesetzt: «Wenn ich mich nicht täusche, bin ich schwanger.»

Und er: «Liebe Maria, ich bringe es nicht über die Lippen, ich schreibe es auf die Karte hier und versichere Dir – es tut mir unendlich leid. Aber ich kann nicht anders, ich will aufhören – und bringe den Mut nicht auf, Dir das offen zu sagen. Aber ich möchte unsere Beziehung zurückfahren, eigentlich abbrechen. Aber wir können Freunde bleiben. Alles andere mündlich – und jetzt, jetzt bin ich unendlich erleichtert, Josef.»

Die Karten werden frankiert, an der Rezeption abgegeben. Die Botschaften treten die Reise an, im leinenen Postsack, durcheinandergeschüttelt im roten Lieferwagen auf der ungeteerten Strasse. Sie wirbeln fast so wie die Karten bei der Millionenverlosung, mal sind sie einander ganz nahe, berühren sich fast und verschwinden dann wieder. Irgendwann werden sie von harter Hand abgestempelt, landen später im Riesenbauch eines Cargofliegers, um über den Atlantik und in die nördliche Hemisphäre gebracht zu werden, in den Advent, der hier unten so sommerlich ist.

Es sei denn, die sprachgewandte, feine Dame an der Rezeption, selber über die Ohren verliebt, hätte die Karten gelesen – und Schicksal gespielt. Aber wessen? Den Text von Maria für sich kopiert, für ihren neuen Freund in Alemania? Und hätte die Karte dann liegengelassen, oder die von Josef schlicht unterschlagen? Frauenlist?

Oder – es sei denn, der hartgesottene, mürrische Nachtportier, der die Postkarten der Gäste nach Kontinenten und Ländern zu sortieren hat, hätte geschlampt, die eine oder die andere eingesteckt, zum Beispiel als Liebhaber von Wasserfällen, die er selber in jeder freien Minute besuchte, oder den Le­guan in seinen Spind geklebt? Tatsache war, dass die verbleibenden zehn Tage der Reise und die Aussicht auf die baldige Heimkehr und das Wiederdaheimseins, für beide zu einer wunderschönen Zeit wurde.

Einerseits in der Vorfreude der Liebeskarten­ankunft, anderseits in den nun abgezählten Stunden des Noch-nicht-Enttäuschtseins. Beide zweifelten sie zwar hie und da an ihren klaren, kurzen Botschaften, aber sie schienen irgendwie auch erleichtert zu sein, ergingen sich sogar in Andeutungen, die sie zwar als fast etwas widersprüchlich empfanden, was aber alles gleichzeitig umso geheimnisvoller machte.

Nicht nur aus Südamerika brauchen Postkarten ihre Zeit. Aber an einem Freitag, und das war in diesem Jahr genau der Vortag des Heiligen Abends, kam eine der Ansichtskarten an …

Das Ende der Geschichte, liebe Leserin, lieber Leser, können Sie selber mit­gestalten. Wie soll es weitergehen? Entscheiden Sie unter ­folgenden Möglichkeiten:

a) Nur Josef hat den Briefkastenschlüssel – Marias Karte ist ange­kommen
b) Nur Josef hat den Briefkastenschlüssel – Josefs Karte ist ange­kommen
c) Maria hat den Schlüssel – Josefs Karte ist angekommen
d) Maria hat den Schlüssel – Marias Karte ist angekommen

Update: Variante e) von TagesWoche-Leserin Ruth Irène Graf

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 23/12/11

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