Nordstern und Hinterhof vor dem Aus: Wo bleibt ihre Lobby?

Nach der Ankündigung der Schliessung des Nordsterns und der Hinterhof Bar scheint die Solidarität im Netz gross. Aber reicht sie, um die Clubkultur zu retten?

Internationale Stars aus der elektronischen Musik sorgen regelmässig für einen vollen Hinterhof. (Bild: Michael Hochreutener)

Nach der Ankündigung der Schliessung des Nordsterns und der Hinterhof Bar scheint die Solidarität im Netz gross. Aber reicht sie, um die Clubkultur zu retten?

Im März wird die Hinterhof Bar ihr grosses Geburtstagsfest zum fünfjährigen Bestehen feiern. Seit dem vergangenen Samstag ist die Vorfreude getrübt: «Unsere Mitarbeiter haben am Wochenende durch einen Bericht der ‹Basellandschaftlichen Zeitung› erfahren, dass wir im nächsten Januar unseren Betrieb definitiv schliessen müssen», sagt Hinterhof-Mitbetreiber Philippe Hersberger. Eigentlich ging es im Bericht um die Schliessung des Nordsterns – nebenbei wurde auch das Ende der Hinterhof Bar angekündigt. 

«Wir befinden uns immer noch in den Verhandlungen mit Immobilien Basel-Stadt, die die Räumlichkeiten der Hinterhof Bar vermietet», erzählt Hersberger. «Wir haben am Mittwoch vergangener Woche tatsächlich erfahren, dass wir im Januar 2016 den Club-Betrieb schliessen müssen. Der Mietvertrag dauert noch länger, bis April 2016 – dann müssen die Räumlichkeiten abgegeben werden.»

Mitte dieser Woche steht ein weiteres Gespräch an, das wollte Hersberger abwarten, ehe er Mitarbeiter und Öffentlichkeit informiert. Denn die Betreiber machen sich stark für eine längere Öffnungszeit, bis Ende April 2016. 

Störfaktor einer lärmempfindlichen Gesellschaft

Dass sie ihren Club nur als Zwischennutzung betreiben, wissen die Verantwortlichen schon lange. «Das ist auch nicht das Problem. Uns fehlt ganz allgemein die breite Anerkennung für unsere Arbeit und unseren Erfolg. Wir haben fünf Jahre hart gearbeitet. Die Hinterhof Bar hat heute eine internationale Ausstrahlung und trägt den Namen Basel bis weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Wir beschäftigen bis zu 70 Mitarbeiter und tragen zum Basler Kulturleben bei. Aber generell scheint heute Club-Kultur, namentlich für elektronische Musik, immer noch mit Lärm und Störfaktoren in Verbindung gebracht zu werden», klagt Lukas Riesen, ein anderer Mitbetreiber der Hinterhof Bar.



Die Dachterrasse ist auch bei den Nicht-Clubgängern beliebt.

Die Dachterrasse ist auch bei den Nicht-Clubgängern beliebt. (Bild: Michael Hochreutener)

Ähnlich sieht es Philippe Bischof. Auch der Basler Kulturchef fragt sich, ob die Club-Szene in Basel eine mehrheitsfähige Lobby hat. Selber bedauere er die anstehende Schliessung des Nordsterns und der Hinterhof Bar enorm. «Clubs für elektronische Musik sind schon lange erwachsenentauglich und kulturell sehr wertvoll. Sie sind Teil des Lebens jeder grösseren Stadt. Aber insgesamt gesehen fehlt das breite Verständnis für diese Art von Kultur wohl noch immer», meint Bischof.

Die Solidarität kommt spät

Gemäss Bischof gilt es nun herauszufinden, ob Basler Parlamentarier und Bürger bereit sind, die Club-Kultur zu unterstützen. Auch sei wichtig zu erfahren, welche Strategien und Massnahmen die Interessen-Verbände verfolgen, die im Netz gegen den Entscheid, Nordstern und Hinterhof zu schliessen, protestierten.

Bischof spielt damit auf die Solidarität von Vereinen wie «Kultur und Gastronomie» oder RFV an. Gehören sie zur angesprochenen Lobby, die die Clubs für einen Fortbestand so dringend benötigen? «Für uns kommt diese Art von Support etwas spät», sagt Hersberger.

«Die BVB und die Anlaufstelle für Drogenabhängige sind von öffentlichem Interesse. Aber was ist mit einem Kulturbetrieb?» 
Philippe Hersberger, Hinterhof-Mitbetreiber 

Philippe Bischof spricht bei der fraglichen politischen Unterstützung auch die Zonenplanung an, über die der Basler Grosse Rat zu entscheiden hat. Die Hinterhof Bar ist von der Zonenplanung betroffen. Sie steht auf der sogenannten Zone NÖI (Zone für Nutzungen im öffentlichen Interesse). 

«Dass die BVB und die Kontakt- und Anlaufstelle für Drogenabhängige, die sich beide auf dem gleichen Areal wie die Hinterhof Bar befinden, für den Grossen Rat von öffentlichem Interesse sind, ist für uns klar. Aber was ist mit einem nicht subventionierten, privaten Kulturbetrieb?», fragt sich Hersberger.

Goodwill erhofft

Ein weiterer Jahresvertrag – wie es in den letzten fünf Jahren der Fall war – käme nicht mehr in Frage, denn «auf dem professionellen Niveau, auf dem wir uns heute bewegen, können wir nicht mehr so kurzfristig planen», sagt Hersberger.

Deshalb hoffe man nun auf den Goodwill von Immobilien Basel-Stadt, mit der man stets ein gutes Verhältnis hatte. Ziel der Hinterhof Bar ist es, dass man im März 2016 noch in Ruhe das Sechs-Jahre-Jubiläum feiern kann, bevor Ende April dann die Clublichter ganz ausgehen auf dem Dreispitz.

Ob die Hinterhof Bar und der Nordstern danach an einem anderen Ort ihre Zelte aufschlagen werden, das steht derzeit noch in den Sternen.

Konversation

  1. Es ist eine Herausforderung, mit Immobilien Basel-Stadt inhaltlich über Zwischennutzung bzw. Raumnutzung und deren nicht monetären (Mehr-)wert generell zu verhandeln. Bei Raumbedarf, der über eine reine wohn- und gewerbliche Zweckbestimmung hinausgeht, ist dies jedoch eine Grundlage um „Stadtentwicklung“ voranzutreiben. Die Rendite-Vorgaben bzw. gewisse Zielwerte scheinen in den Überlegungen oftmals den Vorrang zu haben. Das mag bei gewissen Liegenschaften sinnvoll sein, aber bei Liegenschaften – bei denen die öffentliche bzw. städtische Nutzung im Zentrum steht – führt dies zu Denkblockaden und Zielkonflikten.

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