Ochsentour Praktikum

Jeder Student freut sich nach jahrelanger Ausbildung auf seinen ersten Lohn. Und dann kommt die Ernüchterung.

Nach ihrer Ausbildung müssen sich viele zunächst mit einem Praktikum begnügen. Mit Glück verdienen sie so viel, dass sie davon leben können. (Bild: Illustration: Nils Fisch)

Jeder Student freut sich nach jahrelanger Ausbildung auf seinen ersten Lohn. Und dann kommt die Ernüchterung.

Wie jedes Jahr haben Tausende junger Menschen in der Schweiz diesen Sommer und Herbst ihre Lehre oder ihr Studium abgeschlossen. Einige haben inzwischen eine Stelle gefunden, andere suchen noch. Letztere mit zunehmendem Frust – besonders diejenigen, die ein paar Jahre Studium hinter sich haben und sich von ihrer guten Ausbildung auch gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausgerechnet haben.

Viele von ihnen müssen nun erfahren, dass man sie am liebsten als Praktikanten anstellt. Befristet auf ein paar Monate und zudem häufig zu einem Lohn, der zum Leben nicht reicht. Wie die 28-jährige Baslerin, die vor zwei Jahren mit dem Master of Arts ihr Phil.-I-Studium abschloss. Sie begab sich anschliessend gleich auf Stellensuche. «Ich musste jedoch schnell feststellen, dass ich nur gute Chancen auf ein Praktikum hatte.» Bewarb sie sich für eine Festanstellung, hiess es meistens, ihr fehle die Berufserfahrung.

Dabei war ihr die Arbeitswelt keineswegs fremd. Zum einen hatte sie während der sieben Jahre an der Uni nebenher gearbeitet, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, zum anderen hatte sie bereits ein paar Praktika im Kulturbereich, wo sie ihre berufliche Zukunft sah, absolviert. Doch das zählte alles nicht. Sie machte ein weiteres Praktikum – und suchte weiter.

Nicht nur im Kulturbereich

Seit Anfang dieses Jahres ist sie nun fest angestellt, und zwar an zwei Orten: mit einem 30-Prozent-Pensum am einen und einem 40-Prozent-Pensum am anderen Ort. Auch wenn ihr Einkommen immer noch sehr bescheiden ist, sie ist erleichtert. «Ich wusste zwar, dass es schwierig werden würde, eine Stelle zu finden – mit einem Phil.-I-Studium und dazu noch im Kulturbereich; aber als ich aus dem Bekanntenkreis hörte, dass viele auch aus anderen Studienrichtungen die gleichen Erfahrungen machen, war ich schon geschockt.»

Sind es tatsächlich viele? Nimmt man die Zahlen des Bundesamts für Statistik (BfS), die jeweils aus Befragungen der Hochschulabsolventen zusammengetragen werden, betrug 2009 – das ist die aktuellste Erhebung – die Praktikumsquote der Hochschulabsolventen ein Jahr nach ihrem Abschluss 13,1 Prozent.

Es scheint also nicht besonders viele zu betreffen, zumal darunter auch die Absolventen der Rechtswissenschaften sind, bei denen ein Praktikum für die Anwaltsprüfung Bedingung ist. Eine statistische Tendenz für eine Zunahme der Praktikumsquoten in den letzten Jahren sei nicht ersichtlich, heisst es beim BfS. Gegenüber 2005 stelle man sogar einen minimalen Rückgang fest.

Ein etwas anderes Bild zeichnet jedoch der neuste Sozialbericht des Schweizer Kompetenzzentrums So­zialwissenschaften (Fors) an der Uni Lausanne, der Ende Oktober der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Für den Sozialbericht, der alle vier Jahre erscheint und die aktuelle ­gesellschaftliche Situation in der Schweiz dokumentieren soll, werten die Forscher diverse nationale und internationale Datenbanken und Befragungen aus. Nicht nur diejenigen der Hochschulabsolventen. Der auffallendste Punkt im Bericht: Junge Menschen aus allen Ausbildungsstufen fühlen sich beim Einstieg in die Berufswelt benachteiligt.

Start mit befristetem Vertrag

Beinahe die Hälfte der unter 30-Jährigen hat demzufolge schon Altersdiskriminierung erfahren, indem ihnen aufgrund ihres Alters Stellen verwehrt wurden; mehr als ein Fünftel startet mit einem befristeten Arbeitsvertrag. Temporärjobs, Praktika und befristete Verträge als Berufseinstieg seien ein Phänomen, das es erst seit den 90er-Jahren in grösserem Ausmass gebe, sagt Felix Bühlmann, Assistenzprofessor an der Uni Lausanne und Mitherausgeber des Sozialberichts. Frühere Generationen hätten das praktisch nicht gekannt.

Ein paar Beispiele aktueller Stellenausschreibungen auf Uni-Websites zeigen denn auch, dass der Weg in die Arbeitswelt über Praktika heute ein sehr verbreiteter ist. Und das bei Weitem nicht nur für Absolventen aus «kopflastigen und unrentablen» Studiengängen, wie Kritiker die Geistes- und Sozialwissenschaften gerne bezeichnen.

So sucht etwa die Schweizerische Nationalbank (SNB) einen Praktikanten oder eine Praktikantin mit einem abgeschlossenen Volkswirtschaftstudium. Die SBB suchen eine «HochschulpraktikantIn», die aus der Studienrichtung Betriebswirtschaft oder Finanzen kommt. Mehrere Praktika-Ausschreibungen gibt es für den Marketingbereich, darunter eine der ­Abteilung Aussenbeziehungen und Standortmarketing im Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stadt. Bei allen dreien ist keine anschlies­sende Festanstellung vorgesehen.

Die SBB begründen das damit, dass ihre Praktika wirklich Lerncharakter hätten und deshalb in der Regel für Studierende, nicht für Uni-Absolventen, vorgesehen seien. Diese würden danach weiterstudieren. Und sowohl bei der SNB wie auch beim Standortmarketing setzt man vor allem für zeitlich begrenzte Projekte auf Praktikanten, betont aber die Möglichkeiten, die sich diesen durch die ersten «Praxiserfahrungen» und zusätzlich erworbenen «Qualifikationen» für die weitere Karriereplanung bieten.

Billige Arbeitskräfte

Dennoch kann sich zu den Glücklicheren zählen, wer eine solche Stelle ergattert. Denn mit den Löhnen von rund 2500 bis zu 4800 Franken, die von den Unternehmen angegeben werden, lässt sich leben. Im Gegensatz zu solchen, die in Branchen der Kategorie «Traumberufe» bezahlt werden – im Journalismus, im gestalterischen Bereich wie Design und Architektur oder Fotografie und Werbung.

Dort werden Praktikanten, wenn überhaupt, mit ein paar Hundert Franken entschädigt. Und es gibt genug, die sich damit abfinden, weil sie froh sind, ein Praktikum in ihrem Wunschbereich machen zu können; vor allem dann, wenn der Arbeitgeber zu den renommierten Vertretern seines Fachs gehört.

Es gebe immer wieder mal Kunden, die qualifizierte Leute nur als billige Arbeitskräfte einsetzen wollten, sagt Marc Bieler von der Poolside AG, einer Zürcher Jobvermittlungs-Agentur für Studierende. «Das ist natürlich ganz und gar nicht in unserem Sinn, und wir haben Aufträge auch schon abgelehnt.»

Dennoch bessere Chancen

Zu glauben, hauptsächlich Hochschulabsolventen seien von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen, sei jedoch ein Mythos, sagt der Sozialwissenschaftler Felix Bühlmann von der Uni Lausanne. «Je besser ausgebildet, desto schneller eine Stelle, das gilt immer noch.» Der Sozialbericht zeige deutlich, dass es am schwersten hat, wer nur die obligatorische Schulbildung vorweisen kann.

In solchen Fällen sei das Risiko der Arbeitslosigkeit besonders gross. «Dreimal grösser als bei anderen», sagt Hansjürg Dolder, Leiter des Basler Amts für Wirtschaft und Arbeit. Nach seinen Erfahrungen finden die jungen gut Ausgebildeten relativ schnell einen Job, «und ich erlebe sie auch als äusserst flexibel».

Letzteres mag auch einer der Gründe sein, weshalb bei der zweiten BfS-Befragung die Praktikumsquote der Hochschulabsolventen fünf Jahre nach ihrem Abschluss nur noch 1,3 Prozent betrug.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 09.11.12

Nächster Artikel