Paris spielt AKW-Unfall in Fessenheim herunter

Ein Störfall im elsässischen Atomkraftwerk Fessenheim war offenbar gravierender als bisher zugegeben. Die Debatte um die Schliessung des ältesten französischen Meilers ist damit neu lanciert.

Ein Störfall befeuerte die Diskussion um die Schliessung des AKW Fessenheim.

(Bild: Stefan Bohrer)

Ein Störfall im elsässischen Atomkraftwerk Fessenheim war offenbar gravierender als bisher zugegeben. Die Debatte um die Schliessung des ältesten französischen Meilers ist damit neu lanciert.

Erst im Februar hatte Fessenheim-Direktor Marc Simon-Jean erklärt, seine zwei Reaktoren seien «noch nie so sicher» gewesen wie heute. Nun erweist sich die Behauptung als ziemlich gewagt. Laut einer Pressemeldung vom 4. März verharmlosten die französischen Behörden einen Unfall in einem der zwei direkt am Rhein gelegenen Atommeiler im April 2014. Die AKW-Betreiberin Electricité de France (EDF) erklärte damals, im nicht-nuklearen Teil der Anlage sei Wasser in elektrische Schaltkästen eingedrungen, was zur automatischen Abschaltung geführt habe.

Offenbar stimmte das nicht. Ein publik gewordenes Schreiben der französischen Atomaufsicht ASN an die Fessenheim-Direktion hält fest, dass es nach dem Auslaufen von mehr als 3000 Litern Wasser infolge eines verstopften Rohres zeitweise unmöglich gewesen sei, die Steuerstäbe in einem Reaktorblock zu manövrieren. Dies wäre aber nötig gewesen, um die erhitzten Stäbe ins Kühlwasser einzutauchen.

Temperatur «aus dem Ruder gelaufen»

Da das System der automatischen Abschaltung ausfiel, beschloss ein Krisenteam, Bor in das Wasserbecken einzuleiten, was die Brennstäbe kühlen sollte. Der deutsche Nuklearexperte Manfred Mertins erklärte der «Süddeutschen Zeitung», die – unvollständigen – Angaben der ASN deuteten darauf hin, dass die Temperatur «aus dem Ruder gelaufen» sei und «minutenlang keine Informationen über den Zustand des Reaktorkerns» vorgelegen habe. Eine AKW-Abschaltung durch die Zugabe von Bor sei in Westeuropa noch nie nötig gewesen. Trotzdem stufte die ASN den Vorfall auf der Skala von 0 bis 7 nur auf der zweitniedrigsten Höhe 1 ein.

Reaktionen gab es vor allem von der anderen Rheinseite. Ein Sprecher der deutschen Umweltministerin Barbara Hendricks verlangte wie schon vor einem Jahr die raschestmögliche Stillegung Fessenheims. Auch Schweizer Kernkraftkritiker fordern seit Jahrzehnten die Stilllegung des 40 Jahre alten, nördlich von Basel gelegenen Atomkraftwerks, das nicht nur in einem Überschwemmungs-, sondern auch in einem Erdbebengebiet liegt.

Hollandes unerfülltes Versprechen

Seit Monaten steht es in Frankreich im Mittelpunkt einer energiepolitischen Debatte. Präsident François Hollande hatte bei seiner Wahl 2012 versprochen, den Atomanteil an der nationalen Stromproduktion bis 2025 von heute 75 auf 50 Prozent zu senken. Laut dem Rechnungshof in Paris würde dies die Abschaltung von mindestens 17 der 58 französischen Reaktoren bedingen. Die EDF baut aber in der Normandie sogar einen Druckwasserreaktor EPR der neuen Generation. Energieministerin Ségolène Royal will zudem die Laufzeit der französischen „centrales nucléaires“ (AKW) von vierzig auf fünfzig Jahre verlängern, wie sie im Februar erklärte.

Einzige Konzession der Rotgrün-Regierung ist die Schliessung von Fessenheim. Auch EDF-Vorsteher Jean-Bernard Lévy erklärte unlängst, er beabsichtige nur diesen Doppelreaktor stillzulegen. Und selbst das scheint aus Zeitgründen unsicher. Der Entscheid über die Fessenheim-Schliessung soll im Juni fallen. Doch Experten rechnen damit, dass die technische Abschaltung frühestens Ende 2018 erfolgen könnte. Bei den Präsidentschaftswahlen von Mai 2017 wird indessen mit einem Sieg der Konservativen gerechnet. Ihr chancenreichster Kandidat Alain Juppé hat dem Bürgermeister von Fessenheim vor wenigen Tagen schriftlich erklärt, er würde an dem AKW festhalten.

Spielball der Politik

Fessenheim-Direktor Marc Simon-Jean sagte seinerseits, die millionenschweren Sicherheitsarbeiten gingen wie geplant weiter; im laufenden Jahr beträfen sie unter anderem das Dispositiv gegen Überschwemmungen.

Die neuen Informationen über die Fessenheim-Panne dürften daran kaum etwas ändern. Die Chancen steigen zwar, dass die Schliessung im Juni formell beschlossen wird. Sollte die Rechte im nächsten Jahr aber an die Macht zurückkehren, würde das Tauziehen wieder von vorne beginnen. Und wohl auch über die Landesgrenzen hinaus: Die Pariser Medien berichteten am Freitag wie gewohnt sehr knapp über die neuen Störfallangaben – aber sehr ausführlich über den Umstand, dass die deutsche Regierung in Sachen Fessenheim «auf den Tisch haut», wie das Pariser Magazin le point feststellte.

Konversation

  1. Es kann nicht sein, dass die Energieziele und der beschlossene Ausstieg aus der Atomkraft verzögert werden, wie dies diese Woche im Parlament geschehen ist. Fukushima wird verharmlost, und der Störfall in Fessenheim hätte schlimm enden können. Die Parteien, welche momentan ideenlos politisieren, könnten sich hier zum Beispiel wieder direkt in die Diskussionen konstruktiv einbringen. Eine gut verfasste Initiative wäre hier das Beste Mittel, die Energieziele und dem Umbau der Energiewirtschaft voranzutreiben, und wieder eine prägende Rolle zu spielen.

    Was die SVP in den letzten Jahren mit Leichtigkeit betreibt, können anderen Parteien auch, und zwar bei Themen, die genau so wichtig sind, wie Migration und Strafrecht. Nämlich Umwelt- und Alpenschutz.

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  2. Das ist doch überall dasselbe
    Bei uns wird auch Beznau immer wieder schöngeredet.
    Bei uns ( als DIE Elite) kann nichts passieren, wir haben Alles im Griff und eben sonst wie schon von @Dingeldein geschrieben: nach uns die Sintflut…

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  3. Paris, da wo die Entscheidungen über Weiterbetrieb oder Ausserbetriebnahme dieses alten Kraftwerks bei der EDF (Electricité de France) getroffen resp. nicht getroffen werden, ist ja soooo weit von Fessenheim entfernt (3h mit dem TGV). Uns in Paris kann ja bei einem Super-Gau gar nichts passieren. Da haben sich aber ein paar „Experten“ gewaltig verrechnet! Man denke nur kurz an Tschernobyl oder Fukushima. Wie sagte doch Madame Pompadour: „Nach uns die Sintflut“. Eben.

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  4. Ich glaube dem Fessenheim-Direktor Marc Simon-Jean sogar, dass das AKW Fessenheim noch nie so sicher wie heute war: Am Eingangstor wurde wohl eine neue Kette zur Sicherung angeschlossen und die Kaffeekasse bekam auch endlich ein Schloss, damit der Lehrling nicht dort ständig sich das Zigarettengeld stiehlt.
    Dann bekam die Innenseite vom Reaktorblock einen neuen Anstrich und ist damit jetzt noch sicherer abgedichtet. Auch die für den Chef gebaute Garage für den Firmenwagen erhöht die Sicherheit wesentlich.

    Nur “ zeitweise unmöglich gewesen sei, die Steuerstäbe in einem Reaktorblock zu manövrieren. Dies wäre aber nötig gewesen, um die erhitzten Stäbe ins Kühlwasser einzutauchen.“ muss als Unsinn bezeichnet werden: Im Becken stehen die Uranstäbe, die, wenn sie ungesteuert sind, sich bis zur Schmelze erhitzen, weil nichts den Neutronen-Flug hindert. Die Stäbe selber sind kühl und sollen das Zuviel an Neutronen auffangen, damit nicht zuviel Uran gespalten wird. Ansonsten käme es zur exponentiell sich vermehrenden Atomspaltung mit den entsprechenden desaströsen Folgen.
    Naja, Schreiben und Wissen steht manchmal an verschiedenen Orten.

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