«Radi-Aid»: Afrikaner heizen Europa ein

In einem Jux-Video, das Youtube erobert, sammeln Afrikaner für die Adventszeit Heizkörper für das kältegeplagte Norwegen. Die vermeintliche Scherzaktion hat mit der Debatte um «Poverty Porn» allerdings einen ernsten Hintergrund – doch es geht auch anders, wie ausgerechnet die Produktionsfirma von Justin Biebers Videoclips beweist.

Begeisterte Kämpfer gegen die europäische Kälte: Radi-Aids freiwillige Helfer (Bild: Screenshot Youtube)

In einem Jux-Video, das Youtube erobert, sammeln Afrikaner für die Adventszeit Heizkörper für das kältegeplagte Norwegen. Die vermeintliche Scherzaktion hat mit der Debatte um «Poverty Porn» allerdings einen ernsten Hintergrund – doch es geht auch anders.

Alle Jahre wieder, pünktlich zu Advent, flimmern sie über unsere Mattscheiben: Videobotschaften von Hilfswerken, voller hoffnungsvoll in die Kamera schauender, unterernährter Kinder, die angesichts des auf Film gebannten Elends animieren sollen, etwas vom eigenen Wohlstand an die Armen der Welt abzugeben. Umso eindrücklicher und erfolgreicher, so scheint zumindest die Tendenz der letzten Jahre und Jahrzehnte zu demonstrieren, wenn diese Kampagnen zusätzlich von Stargästen unterstützt werden, die frei nach den Klassikern «Do They Know It’s Christmas» oder «We Are The World» den Spendenaufruf musikalisch untermalen.

Wenn guter Radiator teuer ist

Auch in diesem Jahr geistert zur Weihnachtssaison bereits ein Video durch die sozialen Kanäle, das sich vermeintlich Gutes auf die Fahnen geschrieben hat – doch Obacht! Bei diesem gar ketzerischen Machwerk ist alles anders: Da trällert, man traut seinen Augen kaum, in der Hilfsaktion «Radi-Aid» (zu deutsch: «Heiz ein!») doch glatt eine Gruppe Afrikaner für mehr Wärme im Norden.

Konkret bezweckt die gönnerische afrikanische Initiative mittels des gleichnamigen, via iTunes käuflich erwerbbaren Songs den armen, frierenden Norwegern die dringend benötigten Heizkörper für den kalten europäischen Winter zukommen zu lassen. Ein «Hoax», ein Juxvideo also, das gängige Klischees auf den Kopf stellt – und das so gekonnt, dass das Video innert weniger Tage über eine Million Youtube-Clicks erreichte, und internationale Medienhäuser wie BBC sich prominent mit dem Phänomen auseinandersetzten.

Doch was bezweckt die witzige Aktion wirklich? Wer den Link unter dem Youtube-Video anklickt, wird zunächst auf die Website «Africans for Norway» weitergeleitet. Hier steht kurz und knapp zu lesen, welche Absichten «Radi-Aid» tatsächlich verfolgt: Etwa das Ziel, dass Fundraising zukünftig nicht auf Stereotypen oder fehlgeleitetem Helfersyndrom (in der Schweiz oft als «Gutmenschentum» bezeichnet) beruhen möge, sondern auf Expertenwissen, Respekt und differenzierter Betrachtungsweise der Lage in den betroffenen Gebieten. Gezeichnet wird die Aktion von SAIH, dem «International Assistance Fund» Norwegischer Studenten und Akademiker, als finanzieller Unterstützer fungiert niemand Geringeres als die staatliche Norwegische Agentur für Entwicklungskooperation (Norad) und der Norwegische Kinder und Jugendrat (LNU).

Wo gönnerhafte Attitüde dominiert

Bei der Suche nach den tatsächlichen Urhebern des Clips stiessen Journalisten des britischen Guardian auf Erik Schreiner Evans, 32, und Anja Bakken Riise, 25, Präsident und Vizepräsidentin der SAIH: Im Gespräch legten diese freimütig offen, wie sie während ihres Studiums die Bekanntschaft einer aufstrebenden Produktionsfirma aus dem südafrikanischen Durban machten, die ihr Vorhaben einer Parodie der popkulturellen Kampagnen «We Are The World» und «Band Aid» von Anfang an unterstützte und mittels lokalen Sängern und Schauspielern kostengünstig ermöglichte.

Aber warum das Ganze? «Wir fanden die Attitüde, welche diese vermeintlichen Benefiz-Projekte den Afrikanern entgegenbrachten, unglaublich gönnerhaft und bevormundend», erklärt Anja Bakken Riise die Motivation hinter der Aktion. Auch wenn zum Zeitpunkt der Entstehung in den 80er Jahren sicher noch eine andere Mentalität geherrscht habe, und die Macher in guter Absicht gehandelt hätten, sei es wichtig, dass die Klischees solcher Kampagnen heutzutage kritisch reflektiert, statt wie so oft unhinterfragt fortgeschrieben würden. «Wir hoffen, dass unsere Kampagne die Denkweise und Art beeinflusst, wie Medien und Organisationen über das südlich der Sahara liegende Afrika sprechen», betont Erik Schreiner Evans: «Das mag vielleicht als ein naives und überambitioniertes Ziel erscheinen. Doch bereits jetzt hat die Aufmerksamkeit, die unserem Video zuteil wurde, all unsere Erwartungen übertroffen: Vielleicht sind wir also gar nicht zu optimistisch.»

Warum Armut zum «Porno» mutiert

Doch was soll grundsätzlich überhaupt falsch sein an den Bildern ausgemergelter, unterernährter Kinder, mit denen Hilfsorganisationen in der Adventszeit Gelder für ihre Kampagnen sammeln? Hintergrund dieser heftigen und oft emotional geführten Diskussion bildet die in letzten Jahren entbrannte Debatte um den Begriff «Poverty Porn», zu deutsch: Armutspornographie. Damit sind aufwühlende und schockierende Aufnahmen gemeint, mit denen Hilfswerke der ersten Welt werben, sich dabei Kritikern zufolge aber gleichzeitig selbst zu «Erlösern» hochstilisieren würden – und damit indirekt das koloniale Gedankengut der Vergangenheit fortführten, indem sie die Betroffenen selbst als handlungsunfähig und kindlich darstellen. Ein prominentes, viel gescholtenes Beispiel hierfür wäre etwa die «Kony»-Initiative einiger junger US-Amerikaner, die in ihrem vermeintlichen Kampf gegen Kindersoldaten mit selber gedrehten Videos für Furore sorgten, welche die Lage in den betroffenen Gebieten krass fehlinterpretierten.  

Wo aber liegt der Unterschied zwischen gut gemeinten und tatsächlich gut gemachten Projekten? «Das Problem ist, dass die heutige Entwicklungshilfe komplexe sozialpolitische Zusammenhänge meist auf vermeintlich rein technische und finanzielle Lösungen reduziert. Diese entspringen wiederum oft einem unhinterfragten westlichen Überlegenheitsdenken, und passen sich zu wenig an die kulturellen Gegebenheiten und lokalen Denkweisen an», erklärt der Basler Anthropologe Jon Schubert, der nach mehrjährigem Afrikaaufenthalt zurzeit am Centre of African Studies in Edinburgh doktoriert.

Was «Focus» auf Neues ermöglicht

Ihm selber gefalle das «Radi-Aid»-Video deshalb einerseits ziemlich gut, weil es gewisse Arten der Entwicklungshilfe auf die Schippe nehme und «mit den eigenen Waffen schlage», indem es die Zuschauer zum Perspektivenwechsel anrege: «Denn bis heute sind viele Fundraising-Kampagnen in Europa immer noch sehr eindimensional und allzu gönnerhaft formuliert.» Andererseits sei die Idee des Spendens grundsätzlich nichts Schlechtes, sondern vielmehr ein «fundamentales westliches Kulturerbe, das wir nicht so leicht abstreifen können und wollen.» Schubert, früher selbst in der Basler Musikszene unter anderem als «Tunnelkid» aktiv, rät Spendenwilligen daher statt in Charity-Popsongs vermehrt in Crowdfunding-Projekte zu investieren, wo die Gelder – ohne Zwischenstation bei Staat, Hilfsorganisationen oder gar Plattenfirmen – direkt den unterstützten Projekten zukämen.

Ein Beispiel für diese «Entwicklungshilfe 2.0» verbreitet sich zurzeit ebenfalls bereits mit einigem Widerhall im Worldwide Web: Es handelt sich um die Initiative des 15-jährigen Radiopionier DJ Focus aus Sierra Leone, der in seiner Heimat ein durch Crowdfunding finanziertes Bürgerradio aufbauen möchte – eines von mehreren unterstützten Projekten des Youtube-Kanals Thnkrtv, hinter dem die erfolgreiche, global agierende US-Produktionsfirma Radical Media steckt, die unter anderem Videoclips für Rihanna und Justin Bieber produziert. Dass das Unternehmen bei seinem Engagement aller filmischen Hochglanzverpackung zum Trotz auf rührselig Weihnachtslieder hauchende Stargäste verzichtet, und dem jungen Radio-Pionier die Skizzierung seines Projekts in eigenen Worten ermöglicht, lässt buchstäblich aufhorchen.

Quellen

Weitere Infos: Africa for Norway und THNKR

Konversation

  1. Der durchschnittliche Schweizer, die durchschnittliche Schweizerin, gibt pro Jahr 46’000 Schweizer Franken aus. 26’000.- davon (Steuern, Miete, Grundversicherungen) lassen sich nicht oder kaum beeinflussen. Die restlichen 20’000.- entfallen auf Kleider, Nahrungsmittel, Ferien, Auto, und so weiter. 200.- davon sind Spenden. Gerade mal 1%.
    Die Quintessenz? Spenden hat einen minimalen ökonomischen Effekt. Es ist viel wichtiger, was wir konsumieren, als wem wir spenden. Wer sich T-shirts für 10.- kauft, deren Produktion in Indien die Böden vergiftet, und dann für die hungernden indischen Kinder spendet, handelt extrem inkonsequent…

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