Raubkunst? Wo sind die Räuber? – Georg Kreis zu den neusten Vorwürfen der BaZ im Fall Glaser

TagesWoche-Autor Georg Kreis wird von der «Basler Zeitung» vorgeworfen, er hätte eine «Basler Raubkunst-Akte» verschwiegen. Hier entgegnet der Historiker den Journalisten vom Aeschenplatz.

Die BaZ will aus dem Fall Glaser unbedingt einen Skandal konstruieren. Weil ihr Georg Kreis widerspricht, gerät nun der Historiker unter Beschuss.

In der TagesWoche vom 17. Dezember 2017 habe ich mich mit der Frage auseinandergesetzt, ob die vom Basler Kunstmuseum 1933 gekauften Werke aus der Sammlung von Curt Glaser als «Raubkunst» einzustufen seien und darum restituiert werden müssten. Dabei habe ich mir auch ein paar kritische Bemerkungen zur Kampagne erlaubt, die von der «Basler Zeitung» in dieser Frage geführt wird. 

https://tageswoche.ch/gesellschaft/der-fall-curt-glaser-recht-gegen-moral/

Nun hat die «Basler Zeitung» zurückgeschlagen und in einem gross aufgemachten Artikel mit beleidigenden und auch berufsschädigenden Ausführungen behauptet, ich hätte als Mitarbeiter der in den Jahren 1996–2001 eingesetzten Bergier-Kommission im 2001 erschienenen Spezialbericht dem Fall Glaser zu wenig Beachtung geschenkt. Dieser Fall Glaser wurde 2004 von US-Anwälten aufgegriffen: Sie forderten von Basel die Rückgabe von Werken aus Glasers Sammlung, was 2008 von der Basler Regierung abgewiesenen wurde.

Nun wird mir nicht nur vorgeworfen, ich hätte dem Fall damals zu wenig Beachtung geschenkt, sondern auch, dass ich aktiv Basel betreffende Dokumente «unter den Teppich gekehrt» hätte.

Die Vorwürfe der BaZ verkennen mindestens zweierlei: Erstens die Natur des Bergier-Berichts, der  mit ausgewählten Beispielen arbeitete und unmöglich «vollständig» sein konnte und dies auch nicht sein musste. Dieser Bericht hatte mit seinen exemplarischen Erfassungen und Einschätzungen eine aufklärende Funktion und ist von der BaZ zu Beginn ihrer aktuellen Glaser-Kampagne auch gerne zitiert worden, um gegen Basel zu polemisieren. 

Zweitens präsentiert mich der BaZ-Artikel als Einzelakteur, der mit selektiver Abklärung sozusagen seine Vaterstadt schonen wollte. Verkannt wird dabei, dass unsere Grossabklärungen an den verschiedenen Fronten arbeitsteilig funktionieren mussten. 

Gerade den Transaktionen im Kunsthandel ist eigen, dass ihre allfällige Fragwürdigkeit erst nach und nach erkannt wird.

Konkret: Die Bergier-Abklärung im Basler Kunstmuseum wurden nicht von mir, sondern von nicht mit Basel «verhängten» Mitarbeiterinnen vorgenommen, während ich mich zum Beispiel mit dem Basler Kunsthändler Bernoulli, der Sammlung Bührle, der ominösen Luzerner Auktion u.a.m. abgab. Die anschliessende Verarbeitung war dann doppelte Teamarbeit: die Spezialstudie «Fluchtgut-Raubgut» (2001) in der Dreiergruppe Tisa-Franscini/Heuss/Kreis, der Schlussbericht «Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg» (2002) in der 9 Mitglieder umfassenden «Bergier»-Kommission. 

Beide Berichte verfolgten nicht die Absicht des «Zurückhaltens», «Verbergens» und «Verschweigens», wie die BaZ – ohne jeden Beleg – behauptet. 

Der Bergier-Kommission könnte in ihrer immensen Arbeit durchaus das eine oder andere entgangen sein. Wie man weiss und immer wieder betont, ist es gerade den Transaktionen im Kunsthandel eigen, dass ihre allfällige Fragwürdigkeit nicht stets offensichtlich ist und erst nach und nach erkannt wird. Darum habe ich mich in meinem TageWoche-Artikel auch für zusätzliche Abklärungen ausgesprochen, um nach einer Phase hoffentlich finaler Anstrengungen wenn möglich zu bereinigten Verhältnissen zu kommen.

Doch selbst wenn die Bergier-Kommission die Basler Variante des Falls Glaser bereits auf dem Radar gehabt hätte und eine rechtliche Beurteilung hätte vornehmen müssen, wäre man zu keinem anderen Schluss gekommen, als er jüngst wieder präsentiert worden ist. 

Auch der von der BaZ in der gleichen Ausgabe vom 18. Januar publizierte Beitrag des Zürcher Juristen Florian Schmidt-Gabain liefert eine indirekte Bestätigung der von mir vorgenommenen Einschätzung im Fall Glaser, dass für das Basler Kunstmuseum keine Restitutionspflicht besteht. 

Die versteigerten Glaser-Bilder sind nicht als Raubgut, sondern als Fluchtgut einzustufen. 

Da waren keine «Räuber» am Werk. Gewiss: Glaser hat sich, auch wenn sein Auktionsentscheid wahrscheinlich aus privaten Gründen schon früh getroffen wurde, nach der NS-Machtergreifung, also in einer Zeit der Verfolgung, von einem Teil seiner Bilder getrennt. Die versteigerten Bilder sind aber nicht als Raubgut, sondern als Fluchtgut einzustufen. 

Der von der Bergier-Kommission eingeführte Begriff des Fluchtguts bezeichnet Verkäufe, die nicht auf Wegnahme, sondern auf (wenn auch verfolgungsbedingte) Weggabe beruhten, die meistens ausserhalb des NS-Bereichs und insbesondere in der Schweiz stattfanden, im Fall Glaser jedoch in Berlin.

Es ist aber zu begrüssen, dass das Kunstmuseum gemäss jüngster Mitteilung ebenfalls vom 18. Januar bereit ist, Glasers Verwandte anzuhören und sich gegenüber den rechtlich nicht durchsetzbaren Ansprüchen nicht völlig desinteressiert zeigt.

Konversation

  1. Es ist m.E. angezeigt, dass in der Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des Dritten Reiches die Bereitschaft zur Restitution wohl etwas grösser ist als in anderen Ländern. Dass das Berner Kunstmuseum dieser Praxis bezüglich der von Gurlitt geerbten Bilder gefolgt ist, mochte angezeigt sein.
    Dem Basler Kunstmuseum aber ist zu empfehlen, sich auf die doch wohl klare Rechtslage abzustützen und eine aussergerichtliche Restitution zu verweigern. Der in der Basler Zeitung publizierte Artikel von Dr. Florian Schmidt-Gabain (vgl. link im Artikel), aber auch die bereits früher dort publizierten Ausführungen von Dr. Peter Mosimann belegen m.E. überzeugend, dass die Erben in einer gerichtlichen Auseinandersetzung kaum Erfolg haben würden.
    Ein Fall, wo aus moralischen Gründen eine andere Lösung anzustreben wäre, liegt hier wohl kaum vor. Profitieren würden davon doch nur indirekte Nachkommen und wohl vor allem deren Rechtsanwälte, d.h. Personen, die von Glasers Fluchtverkäufen kaum noch betroffen worden sind.

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  2. Offenbar wurde die Politik schlecht beraten, als sie in Sachen Fluchtgut allzu rasch Ihnen als Historiker vertraute. Bei Ihren Auslassungen werden Erinnerungen an Ihre Verharmlosungen und unterschlagenen Fakten bezüglich Alfred C. Töpfer und dessen Basler Goethe-Stiftung vor rund 10 Jahren wach, die mehr als genug ehemalige Nazis bis in die 1990er-Jahre auszeichnete. Im Interesse der Nachkommen Glasers ist zu hoffen, dass die heutigen Entscheidungsträger im Sinne einer Transitional Justice eine Lösung finden. Es ist hoch an der Zeit für die Kulturstadt Basel….

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  3. Interessant an der Kampagne des «Massenblatts vom Aeschenplatz» ist ja: Sie hat keinen Zweck.

    Weder hilft sie den Nachfahren Glasers, noch schadet sie dem Kunstmuseum, noch Historiker Kreis.

    «Hab‘ keine Angst, einen Fehler zu machen. Deine Leser könnten ihn mögen» (Wlliam Randolph Hearst).

    Lese ich die Kommentarspalte von «Herrliberger Hearsts Gnaden», dann hat das Original recht: Hauptsache, «alte Waschweiber» dürfen sich ereifern.

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    1. Oh, doch, die Kampagne hat sogar einen sehr durchsichtigen Zweck. Nämlich den gleichen wie das ganze Medienkontroll-Projekt von Blocher: Systematisch alles und jeden schlechtzureden und damit (und mit Hilfe der – vermutlich organisierten – Kommentarschreiberschar) ein ganz bestimmtes Klima zu schüren. Es läuft mir kalt den Rücken runter beim Gedanken, dieses Projekt könnte erfolgreich sein.

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    2. @Mörik: Diese Menschen sind informiert und aufgeklärt, im Gegensatz zu ihnen, daher vermeiden sie besser ihre Anschuldigungen. Imad Karim, Douglas Murray, Sam Harris, Necla Kelek, Hamed Abdel Samad, Wim van Rooy, Henryk Broder, Ayaan Hirsi Ali, Bill Maher, Peter Sloterdijk, Christopher Hitchens, Thilo Sarrazin, Michael Schmidt Salomon, Jordan Peterson, Leon de Winter, Bill Maher …

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  4. Eine Berichtigung von diesem tendenziösen Artikel in der BaZ hat sich wirklich aufgedrängt! Es ist schon ein Armutszeugnis wer sich in der heutigen Zeitungslandschaft als „Journalist“ bezeichnen darf.

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  5. Seltsam, was da die BaZ als «journalistische Recherche» glauben machen will! Eine eiserne echt-journalistische Regel heisst, dass man einer in den Fokus einer Recherche geratenen Person obligatorisch Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben hat. Georg Kreis gilt aber, seitdem er sich mit dem Rassimus-Artikel exponiert hat und auf Distanz zu Blocher gegangen ist, bei der BaZ als persona non grata. Das geht so weit, dass redaktions-intern die Losung kursiert, den emeritierten Historiker-Professor der Universität Basel und Gründer des Europa-Instituts als «Geschichts-Verfälscher» hinzustellen und jeden Bezug zu ihm zu verleugnen (Insider-Info!). Der betreffende BaZ-Schreiber ist «His Masters Voice» – ein erbärmlicher Gefolgsmann ohne Berechtigung zum Titel «Journalist» im Sinne der Ethik-Regeln des Berufs-Registers BR.

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  6. So klingt eine Rechtfertigung von jemandem der Verantwortung haben, aber nicht tragen will.
    Ich habe nichts falsch gemacht. Gut es war möglicherweise nicht alles richtig, aber es waren noch andere daran beteiligt. Für den Fall, dass es doch nicht ganz richtig war, war es möglicherweise höchstens moralisch nicht ganz ok, juristisch aber gibt es nichts zu beanstanden.

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    1. Herr Arnold, im Gegenteil: die BaZ soll Verantwortung tragen und ihre Quellen offenlegen, wie man überhaupt darauf kommen kann, dass Informationen zurückgehalten worden sind (egal von wem), schlichtweg Verleumdung

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