Schnelle Küche, arme Hühner

Coop und Migros betonen gern und oft ihr Engagement für Nachhaltigkeit. Mit dem Pouletfleisch in ihren Fertiggerichten können sie jedoch nicht punkten.

Das Huhn, gemästet, ausgebeutet, am Boden (Bild: Tobias Dürring)

Coop und Migros betonen gern und oft ihr Engagement für Nachhaltigkeit. Mit dem Pouletfleisch in ihren Fertiggerichten können sie jedoch nicht punkten.

Haben Sie weder Zeit noch Lust, eine Stunde und mehr in der Küche zu stehen? Oder Ihre Kochkenntnisse beschränken sich gerade mal auf ein Drei-Minuten-Ei? Kein Problem, Convenience heisst das Rezept. Von Älplermakkaroni über Spaghetti Carbonara bis zu Green Thai Curry ist alles zu haben. Von «Anna» oder «Betty Bossi» fixfertig gekocht und so praktisch verpackt, dass die Mahlzeit direkt in der Schale in die Mikrowelle oder den Backofen geschoben werden kann.

«Damit Sie mehr vom Leben haben», lautet denn auch der Slogan der Migros, mit dem sie ihre «Anna’s Best»-Menüs anpreist. Tatsächlich, ich kann zum Beispiel länger arbeiten oder früher vor den Fernseher sitzen oder länger mit den Kollegen dem Apéro frönen – was auch immer, die grossartige Haushaltshilfe Anna zaubert mir innert Minuten und für nur ein paar Franken ein Mah-Mee auf den Tisch.

Annas Arbeitgeberin Migros freuts auch, Convenience-Produkte lassen ihre Kasse fröhlich klingeln. Umsatzzahlen gibt man zwar «grundsätzlich nicht bekannt», heisst es auf Anfrage. Stattdessen gibts das etwas schwammige Statement: «Convenience ist ein Wachstumsmarkt, und die Migros-Produkte haben sich stückmässig positiv entwickelt.»

In der Schweiz verboten

Genaueres erfährt man aus der Betty-Bossi-Küche von Coop: Als vor 2002 die Frischconvenience-Produkte eingeführt worden seien, habe man nach einem halben Jahr bereits einen Umsatz von 93,8 Millionen Franken erzielt. Ein Ergebnis, schreibt die Pressesprecherin von Coop, das weit über den Erwartungen gelegen sei. Schon ein Jahr später habe sich der Umsatz mit rund 360 Millionen Franken fast vervierfacht.

In den folgenden Jahren kochte «Betty Bossi», was ihr Rezeptbuch hergab; sie erweiterte ihr Angebot laufend und bescherte Coop immer höherere Gewinne. 2011 machte das Unternehmen mit «Betty Bossi» einen Umsatz von 445 Millionen Franken, das Sortiment umfasst inzwischen mehr als 600 Produkte.

Wenig Grund zum Jubeln haben dagegen die Hühner, deren Fleisch in sehr vielen, vor allem in den asiatischen Gerichten enthalten ist. Der Werbeslogan «Mehr vom Leben» gilt für sie definitiv nicht, im Gegenteil. Wie der Schweizer Tierschutz STS in seiner aktuellen Kampagne beschreibt, sind die Lebensumstände eines grossen Teils des Geflügels, das auf unseren Tellern landet, katastrophal. Die Tiere so zu halten, wie sie in Brasilien, China und auch in EU-Ländern gehalten werden, «wäre in der Schweiz schlicht verboten», sagt Barbara Marty, alt Nationalrätin aus dem Kanton Zürich und Vorstandsmitglied beim STS und bei KAGfreiland.

Zum Muskelprotz gemästet

Lustig hats ein Masthuhn in einem grossen Betrieb wohl auch hierzulande nicht, aber immerhin müssen ihm gemäss Tierschutzgesetz mindestens 1400 Quadratzentimeter Platz sowie Sitzstangen und Einstreu zur Verfügung gestellt werden. Ausserdem, sagt Marty, könnten in den schweizerischen Geflügelfarmen über 80 Prozent der Mast- und Legehennen über Volieren nach draussen und kämen so zu Sonne und frischer Luft sowie zum Scharren und Picken. «EU-Hühner verbringen ihr ganzes Leben bei Kunstlicht.»

In riesigen Hallen, wo bis zu 100 000 Hühner auf engstem Raum zusammengepfercht sind und so gemästet werden, dass sie laut einem Bericht des STS innert knapp sechs Wochen «vom flaumigen, 50 Gramm schweren Küken zu einem etwa 1,6 Kilogramm schweren, vor allem brust- und schenkelbemuskelten Babyhuhn» heranwachsen. Als Folge dieser einseitigen Zucht auf extremen Brustfleischzuwachs komme es häufig zu Kreislaufversagen und schmerzhaften Veränderungen des Beinskelettes.

Vorbeugend gibts Antibiotika

«Wegen der riesigen Herden», so Marty, «ist im Ausland zudem der Einsatz von Antibiotika der Normalfall.» Zwar dürfen in der EU seit 2006 Antibiotika nicht mehr als Mastfördermittel verwendet werden. Aber es gebe ein Schlupfloch namens «Metaphylaxe», schreibt Stefan Johnigk, Diplom-Biologe und Geschäftsführer von Provieh, einem deutschen Tierschutzverband (siehe Rückseite dieses Artikels). Sobald bei einzelnen Tieren ein Erreger auftrete, werde der gesamte Bestand vorbeugend behandelt.

Gemäss Johnigk erhalten in Deutschland neun von zehn Masthühner während ihres kurzen Lebens mindestens einmal antibiotische Wirkstoffe verabreicht. «Für die Humanmedizin ist diese Entwicklung verheerend», sagt Barbara Marty. «Auch wenn die Hühnermäster es nicht hören wollen: Der Zusammenhang zwischen Massentierhaltung und Antibiotikaresistenzen ist zweifelsfrei belegt. Das wird gefährlich für kranke Menschen.»

Geflügel ist beliebt, so beliebt, dass es laut Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, im vergangenen Jahr auf der Fleischkonsum-Hitliste das Rindfleisch vom zweiten Platz verdrängt hat. An erster Stelle steht zwar immer noch das Schweinefleisch, aber während vom Schwein in jüngster Zeit etwas weniger gegessen wurde, stellt Proviande beim Geflügel im Dreijahres-Vergleich eine «deutliche Tendenz nach oben» fest.

Die Erklärung: Es ist im Vergleich zum meist hierzulande produzierten Rind- und Schweinefleisch günstig, ausserdem enthält es kaum Fett und steht deshalb bei immer mehr schlankheitsfixierten Essern ganz oben auf der Einkaufsliste. Im Durchschnitt verzehrte 2011 jeder Einwohner in der Schweiz 11,43 Kilogramm Geflügelfleisch. Es ist klar, dass dieser grosse Bedarf von einem kleinen Land wie der Schweiz nicht abgedeckt werden kann. So wird rund die Hälfte des Geflügels, das wir hier essen, importiert, jährlich etwa 50 000 Tonnen.

Konsument hat keine Wahl

Doch während der Konsument an der Fleischtheke immerhin zwischen dem teureren Bio-Huhn und dem billigen Importpoulet wählen kann, hat er diese Möglichkeit, wenn er denn partout auf die Schnelle ein Menü auf dem Teller haben will, nicht. Ausser er entscheidet sich beispielsweise für die vegetarischen Frühlingsrollen. Denn sowohl bei Migros als auch bei Konkurrentin Coop stammt das Pouletfleisch in den Convenience-Produkten nahezu ausnahmslos aus dem Ausland, meistens aus Brasilien. Bei einigen Gerichten ist die Herkunft mit «aus dem EU-Raum» angegeben. Letzteres bedeutet gemäss Coop hauptsächlich Deutschland, Polen und die Niederlande.

Eine genaue Länderbezeichnung werde im Fall der EU nicht gemacht, so die Erklärung von Coop, um bei Engpässen in einem der Lieferländer schnell zu einem anderen wechseln zu können, ohne die Verpackung wegwerfen zu müssen. Klar, bekanntlich beteuern Coop und Migros bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wie sehr ihnen ökologischer und fairer Handel am Herzen liegt. Im Konkurrenzkampf zwischen den beiden Grossen im Detailhandel geht es längst nicht mehr nur um Preise und Margen, sondern vor allem darum, wer grüner ist.

Es war denn auch beiden ein bisschen peinlich, auf die Herkunft des Poulets in ihren Convenience-Produkten angesprochen zu werden. Migros redete sich mit der Erklärung heraus, «das von uns importierte Geflügel wird nach vorgegebenen Richtlinien und Tierschutzbestimmungen des jeweiligen Landes aufgezogen». Zudem würden die Partner in Brasilien «laufend die Parameter wie Hygiene, Einstreu, Stallklima oder Futter nach den Grundlagen wissenschaftlicher Studien und praktischen Erfahrungen optimieren».

Blick in eine bessere Zukunft

Bei Coop versuchte man gar nicht erst, die Gegenwart zu beschönigen, sondern richtete den Blick in eine bessere Zukunft: Man sei daran, mit den Lieferanten in der Schweiz die inländischen Geflügelbestände weiter aufzubauen. «Parallel verfolgen wir auch bei Fertiggerichten mit Geflügel das Ziel, die Lieferanten auf Schweizer Standard zu bringen.» Aber auch bei Migros tut sich offenbar etwas. Man baue gegenwärtig, so lässt sich die Medienstelle vernehmen, Partner auf, die sich für mehr Tierwohl engagieren. «Wir haben erste Ställe in einer Testphase.»

Der Schweizer Tierschutz fordert derweil eine Deklarationspflicht, wonach Fleisch aus Massentierhaltungen mit dem Vermerk «aus in der Schweiz nicht zugelassener Haltung» angeschrieben werden soll. Isabelle Chevalley, grünliberale Nationalrätin aus dem Kanton Waadt, hat im Juni eine entsprechende Interpellation eingereicht. Doch die politischen Mühlen in der Schweiz mahlen, wie man weiss, langsam – vielleicht haben bis dahin die Superköchinnen Betty und Anna ein paar asiatische Gerichte ohne Fleisch mehr in ihrem Angebot?

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 03.08.12

Konversation

  1. War das ironisch? Die Tageswoche vom 3. August hat sich dem Thema Hühnerfleisch gewidmet. Die Problematik wird dargestellt: steigender Konsum, unwürdige Produktionsbedingungen, mangelnde Transparenz in den Herkunftsangaben, vom Qualitätsmangel des Endproduktes gar nicht zu sprechen. Dann kommt die Debatte: was ist wichtiger? Leben und Würde anderer Lebewesen, menschliche Gesundheit, Umweltschutz, soziale Gerechtigkeit und Nahrung für alle…oder der Genuss beim Essen von Fleisch. Anscheinend kommen nicht alle bei dieser Abwägung zum selben Schluss. Das alles wäre gar nicht so schlimm. Dann müssen sich aber Vegetarier noch den Vorwürfe der Lebensgeniesser anhören. Warum bist du denn Vegetarier, fragen Sie, als müsste man ausgerechnet den Verzicht auf Fleischkonsum rechtfertigen. Die objektiven und sachlichen Argumente liegen ganz klar auf Seite der Vegetarier, die dann trotzdem als fanastische Dogmatiker wahrgenommen werden. Das Fazit, dass jeder aus dem Artikel der Tageswoche entnehmen sollte ist, der Konsum von Hühnerfleisch muss zurückgehen, wir müssen weniger Geflügel essen. Glücklich über diese Aufklärungsarbeit blättert man weiter durch die Zeitung und stösst dann auf den Rezeptvorschlag der Woche. Was ganz leckeres wird empfohlen: Hühnerfleisch. War das nun ironisch gemeint?

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  2. Ich stimme Ihnen zu, dass über die Missstände in der Fleischproduktion (schon dieses Wort ist schrecklich) zuwenig berichtet wird. Nur teile ich Ihre Hoffnung nicht, dass durch vermehrte Berichterstattung sich etwas ändern würde. Denn jedem, der ein Stück Fleisch zu Dumpingpreisen kauft, müsste klar sein, dass solche Preise nur durch Sparmassnahmen und Billigstproduktion überhaupt möglich sind. Und in erster Linie wird dort gespart, wo der Widerstand der Betroffenen – in diesem Fall die Hühner – am geringsten ist, Möglichkeit für „Luxus“ wie Einstreu und Sitzstangen, geschweige denn ungenutztes Land für Auslauf gibt es da nicht.

    Und zeigen nicht die täglichen Berichterstattungen über Kriegsgeschehen und andere von Menschen geschaffenen Katastrophen nicht, dass wir die Bilder zwar sehen, aber nicht bereit sind, Konsequenzen daraus zu ziehen? Nein, der Mensch ist ein Weltmeister im Verdrängen, das ist leider auch beim Tierwohl nicht anders.

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  3. solche berichte über die zustände von hühnerfleich etc werden in der öffentlichkeit einfach zuwenig kommuniziert. viele menschen würden solche sachen nie kaufen, wenn sie wüssten was mit der nahrung zuvor passiert. da herschen schon bald amerikanische verhältnisse, wo es verboten ist, hühnermasthäuser zu fotografieren oder das fleisch korrekt zu etikettieren was antibiotika und haltung anbelangt. ich kann da nur den film „food inc.“ empfehlen, er ist (noch) auf youtube verfügbar. danke liebe TaWO!

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