Schüler schaffts nicht ans Progymnasium, weil er nicht basteln kann

Erziehungsdirektor Conradin Cramer will die Selektion an den Basler Schulen verschärfen. In Einzelfällen hat sie jetzt schon absurde Züge erreicht.

Handarbeiten und Werken: Nette Nebenbeschäftigung oder wichtige Fähigkeiten?

A.* ist ein sehr guter Schüler. Der Sechstklässler schrieb lauter 5er und 5,5er. Nur zwei 4er stehen in seinem Zeugnis. In Handarbeiten und Musik – die Fächer also, die am Gymnasium keine Rolle mehr spielen.

Doch vorher zählen sie. In A.’s Zeugnis tragen sie zum Notenschnitt von 5,1 bei. Das reicht just nicht, dass A. von der Primarschule in das höchste Niveau der Sekundarschule, den P-Zug, wechseln kann.

Der P-Zug bereitet Schülerinnen und Schüler aufs Gymnasium vor – deshalb auch die Abkürzung P wie «progymnasial».

Die Weichen seien für den Sohn damit gestellt, befürchtet der Vater von A. «Und das nur, weil er in Handarbeiten nicht basteln konnte. Das ist doch absurd.» Der Vater findet die Regelung ungerecht, weil der Sohn in den Kernfächern Deutsch und Mathematik jeweils eine 5,5 hatte.

Rekordhohe Gymi-Quote

Tatsächlich schreibt die Laufbahnverordnung einen Notendurchschnitt von 5,25 vor, damit ein Primarschulkind in den P-Zug in der Sekundarschule wechseln darf. Für das mittlere Niveau, den E-Zug, ist ein Schnitt von 4,5 notwendig. Alle Schülerinnen und Schüler, die darunter liegen, kommen in den A-Zug – A steht für «Allgemeine Voraussetzungen», E für «Erweiterte Voraussetzungen».

Während der Sekundarschule können Schülerinnen und Schüler immer noch in ein höheres Niveau wechseln, wenn sie sehr gute Noten haben. Der Vater von A. befürchtet aber, dass sein Sohn im mittleren Zug bleibt. Die Lerninhalte im E-Zug seien so gestaltet, dass ein Wechsel in das höhere Niveau praktisch unmöglich sei. Somit werde es sein Sohn in drei Jahren nicht ans Gymnasium schaffen.

Doppelt unverständlich wirkt der Zuteilungsentscheid für ihn, weil die Gymi-Quote in diesem Schuljahr bei 45 Prozent liegt. Also fast jeder zweite Schülerin oder Schüler der neunten Klasse wechselt im Sommer aufs Gymnasium. Und da soll A. nicht dazugehören? Wegen fehlenden Bastelfertigkeiten?

Nur die Kernfächer oder alle Fächer zählen?

Erziehungsdirektor Conradin Cramer (LDP) kündigte aufgrund der hohen Gymnasialquote bereits an, die Selektionierung an den Sekundarschulen zu verschärfen. Diese Ankündigung sorgte wiederum bei Lehrerorganisationen für Kritik.

Gaby Hintermann, die Präsidentin der Kantonalen Schulkonferenz, kann verstehen, dass die Eltern von A. frustriert sind. Sie sagt aber auch: «Ob es gerecht ist oder nicht, liegt nicht in meinem Ermessen.» Die Laufbahnverordnung sei eben so, wie sie ist.

Innerhalb der Lehrerschaft sei die Übertrittsregelung ein Streitpunkt. «Es gibt diejenigen Lehrpersonen, die finden, nur die Kernfächer müssten für die Niveauzuteilung gelten. Andere sagen, alle Fächer zählen dazu – nicht zuletzt deshalb, weil Gestalten und Musik nicht bloss nette Nebenbeschäftigungen sind.»

«Es ist sicher falsch, zu glauben, dass mit einem solchen Entscheid alle Chancen fürs Leben vorbei seien.»

Gaby Hintermann, Präsidentin Kantonale Schulkonferenz

Die Aussage, ein guter E-Zug-Schüler werde abgehängt und könne in Zukunft nicht ans Gymnasium, sei aber nicht richtig. Bereits im ersten Quartal in der Sekundarschule sei ein Wechsel möglich. Bis dann können Lehrpersonen nämlich den Zuteilungsentscheid der Primarschule korrigieren, ohne dass der Schüler oder die Schülerin eine Übertrittsprüfung macht. Zudem sei nach jedem Halbjahr erneut ein Wechsel möglich, wenn das Schulkind über einem Notenschnitt von 5,25 liege.

Wie Hintermann sagt, sind ein Zeugnis und eine Zuteilung immer nur eine Momentaufnahme. In einem Fall wie dem von A. sei es darum wichtig, dem Schüler Mut zu machen. «Es ist sicher falsch, zu glauben, dass mit einem solchen Entscheid alle Chancen fürs Leben vorbei sind», so Hintermann.

Das Erziehungsdepartement war bis zur Veröffentlichung des Artikels aufgrund einer Abwesenheit der Volksschulleitung nicht für eine Stellungnahme erreichbar.

Konversation

  1. Das Gymnasium ist die Schule für das Bildungsbürgertum, dazu gehört eine breite Allgemeinbildung. Das lässt sich nicht auf Deutsch und Rechnen reduzieren. Ich finde es gut, dass alle Fächer zählen. Was ist mit Schülern, die in Musik und Werken super sind, aber in Mathe nur eine vier haben? Wäre es gerecht, diese zu benachteiligen, indem nur die Hauptfächer zählen? Worüber man diskutieren könnte wäre aber den nötigen Durchschnitt tiefer anzusetzen. Zwei Vierer sind ja nicht wirklich schlecht, und wenn alle anderen Fächer top sind, sollte man ihm die Chance trotzdem geben. Hätte einer aber eine zwei in Musik und Werken, dann hätte er auf dem Gymnasium nichts zu suchen.

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    1. Da bin ich sehr dagegen.
      Herr Hawking muss in Sachen „Werken“ sehr schlecht gewesen sein. Von so manchem Professor geht das Gerücht, dass man ihm nie einen Schraubenzieher in die Hand drücken dürfe, es bestände für ihn absolute Lebensgefahr, weil er nicht damit umgehen kann.
      Natürlich soll man beides fördern, aber daraus dann ein Selektionskriterium zu machen, ist für mich eine kulturlose Sauerei.
      Wir vergeben uns damit die Leute, die sehr gut im Kopf und geistig sind, aber gewisse Dinge einfach nicht können.

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    2. Seit wann zählt im Bildungsbürgertum denn Handarbeit? Musik lässt sich ja noch verstehen, aber Handwerkerei überlassen wir doch lieber den Kleinbürgern a.k.a. Spiessern. Die brauchen doch auch etwas, auf das sie stolz sein können.

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  2. Ich finde es generell extrem schwierig von 14-16jährigen zu verlangen, dass sie wissen, was sie lernen und für den Rest ihres Lebens machen wollen.
    Darum unter anderem versteh ich dieses Maturandenquoten züchten alles andere als gut. Wer bestimmt denn, welche Quote gut ist? Braucht es überhaupt eine Quote? Ich sage nein. Bei Quoten gewinnen die, welche sich besser auf die Hürde vorbereiten können. Und das geht schlussendlich übers Portemonnaie, wie wir sehr gut in Zürich sehen.

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  3. Die Anzahl Gymi Schüler ist in der Tat zu hoch, dass man da die Hürden etwas höher setzt ist er richtige Weg.
    Der Schüler resp. seine Eltern hätten die Möglichkeit gehabt Rekurs einzulegen und eine Nachprüfung zu verlangen. So läuft das zumindest bei benachbarten Kantonen. Dann werden die betroffenen Schüler zusammengezogen und machen, meist in den Frühlingsferien einen Leistungstest unter Aufsicht. Aufgrund dessen Ergebnisse wird dann nochmals eingestuft.
    Ansonsten hat der Schüler auch im ersten Jahr die Möglichkeit wieder ins P aufzusteigen. Die Lehrkraft sollte das entsprechend einschätzen können und hat ja auch kein Interesse im E einen totalen Überflieger drin zu haben.

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  4. Die hohe Maturaquote kann ja nur durch aufgeblasene Noten entstehen. Hat der Schüler in Musik und Handarbeiten eine 4, bedeutet das eigentlich, dass er in diesen Fächern ungenügend ist. Ich vermute jedoch, dass die Noten je nach Fach unterschiedlich stark aufgeblasen werden. Umso tragischer!

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    1. Dann wären sie eigentlich nicht relevant, oder sie dienen einem anderen Zweck als offiziell deklariert.

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  5. Was das wohl soll?
    Braucht die SVP mehr Buurezmörgeler, die auch des Gurus gesalbte Worte sofort verstehen?
    Seien wir doch froh, dass da noch ein intelligentes Kind existiert – wozu muss man ihm aus Prinzip Steine zwischen die Füsse werfen?
    Dem Vater kann man nur raten, dass auch jenseits der Grenze des heiligsten Landes der Welt Schulen bestehen, auf denen Schüler sich auf die Universität vorbereiten können.

    Heidi, der Fluch deines Analphabetismus wirkt immer noch nach in diesem Lande!

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    1. Bitte behandelt den Cesna mit verzeihendem Verständnis für seine Unzulänglichkeit und Schwächen mit denen er den Internethimmel verschmutzt.

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    2. Ihr Lieben,
      es ehrt mich ausserordentlich, dass Ihr diese Zeitung auch wegen meinen Kommentaren lest, … auch um sie dann nachkommentieren zu können.
      DANKE!

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  6. Schulnoten sind Ordinalzahlen, es ist unzulässig, dafür arithmethische Mittel zu bestimmen. Mehr Lageparamter als den Modalwert und Quantile (z.B. den Median) sind nicht bestimmbar, auch wenn es erstens seit Urzeiten so gehandhabt wird und zweiten ja auch so einfach erscheint. Schulnoten verkörpern Prädikate, z.B. „gut“ (5) oder „schlecht“ (1), d.h. die Noten sind Indizes, quasi Codes der Prädikate, die man lediglich der Grösse nach ordnen kann. Die Operationen müssen also auch für die Prädikate sinnvoll bleiben, aber addieren Sie mal z.B. „gut“+“genügend“+“schwach“ und teilen es durch 3…

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    1. Naja, unter https://de.wikipedia.org/wiki/Ordinalskala#M%C3%B6gliche_Operationen steht u.a.: „Da es sich bei Schulnoten in der Regel um ordinalskalierte Merkmale handelt, ist die Bildung von Durchschnittsnoten eigentlich nicht sinnvoll, wird aber in Bildungseinrichtungen regelmäßig durchgeführt.“ Und unter https://de.wikipedia.org/wiki/Ordinalskala#Beispiele steht zudem „Schulnoten werden oft so verwendet, als wären sie intervallskaliert, indem z. B. der Durchschnitt berechnet wird. Problematisch wird es, wenn eine solche Verwendung ernste Konsequenzen hat, z. B. bei der Beurteilung verschiedener Unterrichtsmethoden.“ Tja.

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  7. Wenn nun einer, der später an der Uni Musik studieren möchte, es nicht ans Gymnasium schafft weil sein 6er in Musik nicht mehr zählt – ist das dann gerecht?

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    1. „…einer, der später an der Uni Musik studieren möchte…“

      Das wird schwierig mit der Gerechtigkeit – wie sieht es denn mit jenem aus, der trotz unterirdischer handwerklicher Fähigkeiten studierter Zahnmediziner werden will?

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  8. Jeder weiss der Conradin kann Basteln. Er ist kein Künstler.
    Er ist ein Poli tiker, Dank dem klüngeln des Daigs.
    Cramer geht garantiert mit 50 in Rente, vieleicht wird der
    junge Mann sein Nachfolger und vermiest ihm die Rente.

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