Schwul und schwanger

Vor 24 Jahren sorgte ein provokatives Plakat für Diskussionen.

(Bild: Walter + Spehr)

Vor 24 Jahren sorgte ein provokatives Plakat für Diskussionen.




(Bild: Walter + Spehr)

Eines Abends im fernen 1991 erhielten wir in unserem frisch eröffneten Fotostudio einen unangekündigten Besuch, Norbert Salcher hiess der Mann und wollte in den Nationalrat. Dazu brauchte er ein tolles Foto. Er kandidierte für die homosexuelle Liste und hatte eine absurde Idee: Er wollte mit Schwangerschaftsbauch fotografiert werden. 

Die absolute Zeugungspflicht des Mannes sollte «als Zielscheibe dienen und das durchschnittliche Männlichkeitsbewusstsein ins Herz treffen».

Technisch war das damals gar nicht so einfach. Das heute allgegenwärtige Bildbearbeitungsprogramm Photoshop steckte noch in den Kinderschuhen. Und das Budget der Auftraggeber war zu bescheiden, um einen guten Retoucheur als Bauchpinsler zu engagieren. So hat ein Dekorateur mit Messer und Feile einen Styroporklotz bearbeitet. Nach mehreren Versuchen und Diskussionen, wo der Bauch anfängt und wie er sich von einem Bierbauch unterscheidet, entstand endlich eine geeignete Form, die noch gespachtelt und geschliffen werden musste.



Making of Wahlplakat 1991.

Making of Wahlplakat 1991. (Bild: Walter + Spehr)

Der Übergang zwischen echter und falscher Haut wurde mit Schminke kaschiert. Das ist auf der Abbildung immer noch sichtbar, bemerkt hat es aber niemand.

Das Plakat schlug ein wie eine Bombe, aufgebrachte Bürger wollten es verbieten, auch das Brustpiercing sorgte für Leserbriefe. Sogar der deutsche «Spiegel» publizierte das umstrittene Plakat als Kuriosum, heute ist es in diversen Plakatsammlungen vertreten.

Der 2010 verstorbene Norbert Salcher erreichte 749 Stimmen, der Schwulenaktivist Peter Thommen (nicht auf dem Plakat) sogar 953 Stimmen. Die meisten Stimmen kamen aus dem Kleinbasel. Die Schwulen und Lesben wurden damals vom Staat noch in vielen Bereichen diskriminiert und kämpften auf diesem Weg für ihre Rechte. Die Homosexuelle Liste existierte von 1988 bis 2008. Sie hat es nie in ein Parlament geschafft.

Viele der politischen Forderungen der HLB sind heute erfüllt: Der Diskriminierungsschutz, die eingetragene Partnerschaft,  gleiches Schutzalter für alle. Doch die Adoption eines Kindes ist immer noch verboten.

Mittlerweile hat fast jede Partei ihren schwulen oder lesbischen Nationalrat. Ein bekennender homosexueller Bundesrat ist aber noch weiterhin Zukunftsmusik. 

Konversation

  1. Wenn Homosexualität ein „Bekenntnis“ sein soll, dann muss Kindschaft auch ein Bekenntnis sein. Aber: Ist Kindschaft von Lesben und Schwulen auch eines? Und was für eines?
    Ich war immer wieder „schwuler“ Vater diverser „schwuler Kinder“, wie mir spontan mitgeteilt wird. Diese soziale „Vaterschaft“ ziehe ich allen anderen vor!

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  2. offensichtlich besitz die TAWO eine gemächter sammlung
    inkl. bild rechten von verblichenen.
    ob mann frau sowas sehen will ist geschmacksache.
    zudem Bundesräte/innen sind sexuelle neutren, da läuft
    nichts mehr, ausser politik von morgen bis tief in die nacht……
    ebenso ist dies bei den päpsten zukunftmusik, was diese als junge
    priester so alles gemacht haben.

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  3. Es gäbe ja noch eine andere Antwort:
    Eine erfolgsorientierte geschäftstüchtige Frau sucht sich einen eher häuslich orientierten Parnter, der dann auch die Kinder austrägt.
    So wäre sie nicht in ihrer beruflichen Karriere behindert und den entsprechenden Typ Mann gibt es garantiert auch.

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