Sexuelle Übergriffe auf Kinder nehmen in Basel zu

Die Opferhilfe verzeichnet deutlich steigende Zahlen. Seit 2012 haben die registrierten Übergriffe auf Kinder und Jugendliche um die Hälfte zugenommen. 

Sexuelle Übergriffe auf Kinder: Die Täter stammen fast immer aus dem Bekanntenkreis oder der Familie.

Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche bleibt in Basel ein Problem. Das geht aus dem aktuellen Kinderschutzbericht hervor, den das Basler Erziehungsdepartement alle zwei Jahre erstellt. Thomas Mächler, Bereichsleiter Jugend, Familie und Sport, sagt: «Die Zahlenentwicklung ist nicht extrem, aber es sind noch immer zu viele Fälle. Wir müssen uns bemühen, die Opferzahl zu senken.» Mächler spricht von einer «nennenswerten Zahl an Missbrauchsfällen für einen kleinen Stadtkanton».

Besonders auffällig ist die Statistik der Opferhilfe beider Basel. Die von den Basler Kantonen finanzierte Beratungsstelle kümmert sich um die Opfer von Straftaten, darunter Sexualdelikte. Ihre Klienten werden ihr von Polizei und Fachleuten zugewiesen. 

Hohe Dunkelziffer 

Die Fallzahlen 2017 stellen einen Höchststand dar in den letzten sieben Jahren. So registrierte die Opferhilfe 2012 noch 113 Fälle von sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche. 2017 schlagen 175 Fälle zu Buche – ein Anstieg um mehr als die Hälfte. Die Tendenz ist über die Jahre deutlich ansteigend, trotz Schwankungen nach oben und unten.

Elena Spinnler, zuständige Fachfrau bei der Opferhilfe, ist zurückhaltend mit Erklärungen für den Anstieg: «Inwiefern dies nun zurückzuführen ist auf statistische Schwankungen, ist schwierig zu sagen – insbesondere da wir von einer hohen Dunkelziffer bei solchen Übergriffen ausgehen.»

Der Anstieg könne auch auf eine Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins zurückzuführen sein, sagt Spinnler: «Grundsätzlich stellen wir in unserer Beratungsarbeit die Tendenz fest, dass das Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder weniger tabuisiert wird.»

Gewalt nimmt auch unter Jugendlichen zu

Die sexuelle Gewalt gegen Kinder geht fast ausschliesslich vom engen Umfeld aus. Laut der Basler Jugendanwaltschaft sind die Täter praktisch immer in der Familie und im Bekanntenkreis zu finden: 95 Prozent der minderjährigen Opfer kennen ihren Peiniger.

Auch die Jugendanwaltschaft stellt steigende Opferzahlen fest. 2012 gab es 29 Ermittlungsverfahren wegen Kindsmisshandlung und Sexualdelikten, 2016 waren es 49 und 2017 46.

Einen weiteren Anstieg der Fallzahlen stellt die Opferhilfe bei der sexuellen Gewalt von Kindern gegen Kinder fest, ohne detaillierte Zahlen zu veröffentlichen. «Wir stellen fest, dass Jugendliche unter sich recht rabiat miteinander umgehen», kommentiert Thomas Mächler vom Erziehungsdepartement, der den Überblick über die zahlreichen Kinderschutzorganisationen hat. «Wir müssen schneller eingreifen», sagt Mächler. Dazu will er die Vernetzung der vielen verschiedenen Angebote fördern, für das nächste Jahr sind Weiterbildungen aller Involvierten geplant.

«Es wird schwieriger, wegzuschauen»

Dass sexuelle Übergriffe auf Kinder oft zu spät oder gar nicht entdeckt werden, ist ein bekanntes Problem. Zuletzt erkannte der Bundesrat in einem Bericht zur Gewalt gegen Kinder in der Familie grossen Handlungsbedarf in der Schweiz. Die Früherkennung ist schwach entwickelt, es fehlt an einheitlichen Kriterien, wer wann wie interveniert. Trotzdem unternimmt die Regierung nichts. Kantone und Gemeinden seien dafür zuständig, heisst es im Bericht.

Trotzdem dürften die Fallzahlen in den kommenden Jahren weiter ansteigen. Ab 2019 gilt eine Meldepflicht beim Verdacht auf Kindsmisshandlung. Dann müssen Kita-Mitarbeiter oder auch Fussballtrainer sich an die Behörden wenden, wenn sie begründeten Anlass haben, einen Missbrauch zu vermuten. «Es wird schwieriger, wegzuschauen», sagt Mächler.

https://tageswoche.ch/gesellschaft/so-schuetzen-sie-ihr-kind-vor-sexueller-gewalt/

Konversation

  1. Ich behaupte jetzt einfach mal aus dem hohlen Bauch heraus, dass die Übergriffe nicht zunehmen, sondern einfach vermehrt angezeigt werden.

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    1. Das ist sicher richtig so – man ist sensibilisiert und meldet früher. Diese Meldestellen gibt es ja noch nicht solange. Zudem nicht ch der steigende Umgang mit Sozialen Medien.

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