Sind Migranten bei der Lehrstellensuche im Nachteil? – der Faktencheck

Die TagesWoche hat gefragt, ob es rassistisch ist, dass ausländische Jugendliche benachteiligt werden bei der Lehrstellensuche. Doch findet eine Diskriminierung wirklich statt? Wir haben nachgeforscht.

Müssen in der Schweiz fünfmal mehr Bewerbungen schreiben: Lehrstellensuchende aus Ex-Jugoslawien. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Die TagesWoche hat gefragt, ob es rassistisch ist, dass ausländische Jugendliche benachteiligt werden bei der Lehrstellensuche. Doch findet eine Diskriminierung wirklich statt? Wir haben nachgeforscht.

Begegnet die TagesWoche «Vorurteilen mit Vorurteilen», wie es Leser Grummel ausdrückt in einem Kommentar zur Serie «Ist es rassistisch, dass…?». Ein berechtigter Einwand: Wer fragt, ob ein Handlungsmuster rassistisch ist, muss zunächst nachweisen, dass es dieses Handlungsmuster gibt.

Hartnäckig hält sich seit einigen Jahren der Vorwurf, dass es Lehrstellensuchende schwerer haben, wenn ihr Name sie als Migranten oder Secondo ausweist. Auch wir haben diese Behauptung aufgestellt. Weil die Community der Meinung ist, es fehlten stichhaltige Beweise, eine kleine Recherche zur Überprüfung unserer Annahme.

Akuter Lehrlingsmangel

Die aktuelle Situation auf dem Lehrstellenmarkt lässt zunächst vermuten, dass die Diskriminierung ausländischer Lehrstellensuchender kein Thema mehr ist. In der Schweiz herrscht seit einigen Jahren ein Mangel an Lehrlingen, was den Konkurrenzkampf entschärft haben müsste und den Pool an Anwärtern verkleinert, aus dem ein Lehrbetrieb schöpfen kann.

Das Interesse an einer Berufslehre hat laut dem Lehrstellenbarometer des Bundes nachgelassen. Im April 2006 standen 137’000 Jugendliche vor der Entscheidung, welchen Ausbildungsweg sie beschreiten wollen. 79’000 davon zeigten Interesse an einer Berufslehre. 2014 sank dieser Wert auf 73’000.

Genau umgekehrt verläuft die Entwicklung bei den Lehrbetrieben: 2006 gab es in der Schweiz 73’500 freie Lehrstellen, 2014 sind es 80’000. Lehrstellen sind also nicht mehr knapp. In allen Branchen herrscht dieses Jahr ein Mangel an Bewerbern. Im April, wo der Bewerbungsprozess bereits weit fortgeschritten ist, waren erst 71 Prozent aller Lehrstellen für den August vergeben.

Die Tendenzen im Schweizer Lehrstellenmarkt.

Die Tendenzen im Schweizer Lehrstellenmarkt. (Bild: Lehrstellenbarometer des Bundes)

 

Die naheliegende Vermutung: Wenn ein Betrieb keinen Schweizer finden kann, nimmt er auch einen Lehrling mit Migrationshintergrund. Zumal das Interesse ausländischer Jugendlicher an einer Berufslehre mit 71 Prozent zu 62 Prozent bei den Schweizern deutlich höher ist. 

Im Lehrstellenbarometer hat sich das aber nicht niedergeschlagen. Trotz Lehrlingsmangel hatten im April erst 54 Prozent aller ausländischer Bewerber eine Zusage – gegenüber 74 Prozent bei den Schweizern.

Ausländer landen häufiger im Brückenangebot

Weitergehende Analysen nimmt das aktuelle Barometer nicht vor. Man solle bei den Kantonen nachfragen, meint die zuständige Bundesstelle. Interessanterweise erlaubten die Barometer vergangener Jahre deutlich mehr Vergleiche zwischen der Situation von Migranten und Schweizern. Zum Beispiel wurde 2012 festgestellt, dass ein ausländischer Lehrstellensuchender im Schnitt 28 Bewerbungen schreiben muss, ein Schweizer hingegen nur 11.

Dennoch ein Anruf beim Kanton Basel-Stadt: Herr Diesch ist am Apparat, der Vizeleiter des Amts für Berufsberatung, Berufs- und Erwachsenenbildung. Sämtliche abgeschlossene Lehrverträge gehen bei ihm über den Tisch. 

Dass der Weg zum Berufsleben anders abläuft je nach Herkunft, das belegen seine Zahlen, die eben erst erhoben wurden. Demnach wechseln rund 40 Prozent aller Schweizer Abgänger der vorbereitenden Weiterbildungsschule (WBS) direkt in eine Berufslehre, 35 Prozent absolvieren zunächst ein sogenanntes Brückenangebot. Bei den ausländischen Abgängern ist die Verteilung genau umgekehrt. 20 bis 25 Prozent finden eine Lehrstelle, 60 Prozent treten den Umweg über das Brückenangebot an.

Bei der Interpretation der Zahlen ist allerdings Vorsicht geboten. Darauf weist auch René Diesch hin. Die Zahlen lassen nicht die Gründe für die Unterschiede erkennen. Sind es sprachliche Defizite oder schlechtere Noten – oder ist es nicht doch eine rassistisch motivierte Ablehnung durch den Lehrbetrieb, die ausländische Jugendliche in ein Brückenangebot zwingen? Weil das Bauchgefühl sagt, der Junge kanns nicht? Weil die Mitarbeiter mit einem «Jugo» Mühe haben würden? Weil Pünktlichkeit und Einsatz angezweifelt werden?

Sind jugendliche Migranten einfach schlechter?

Damit sind wir bei der Mutter aller Fragen angelangt und zum Daddy aller Kritik am Rassismusvorwurf: Vielleicht nimmt man manche nicht, weil sie halt wirklich schlechter geeignet sind.

Eine Antwort darauf findet sich zumindest andeutungsweise in der Mirage-Studie der Uni Fribourg aus dem Jahr 2012. Sie hat den Einstieg ins Berufsleben der leistungsstärksten Lehrabsolventen eines Jahrgangs und deren Biografien untersucht. Befragt wurden 800 Jugendliche, ungefähr hälftig «Einheimische» (EH) und solche mit «Migrationshintergrund» (MH).

Bei der Lehrstellensuche der späteren Super-Lehrlinge zeigten sich grossen Unterschiede zwischen EH und MH: 37,8 Prozent aller Einheimischen brauchte weniger als einen Monat, um einen Ausbildungsplatz zu finden – gegenüber 27,8 Prozent der MH. Doppelt so hoch ist auch der Anteil der Lehrlinge mit Migrationshintergrund, die länger als ein Jahr auf der Suche waren.

Migranten müssen fünfmal mehr Bewerbungen schreiben

Eine Studie des Bundesamts für Berufsbildung kam 2009 zum Schluss, das Jugendliche mit Migrationshintergrund fünfmal mehr Bewerbungen schreiben müssen, um an ein Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, als Einheimische. 

Erschreckend ist der Befund einer OECD-Studie aus dem Jahr 2012, welche die Arbeitsmarkt-Integration von Zuwanderern und deren Kinder untersucht hat. Die Schweiz weise einen deutlichen Rückstand auf im Kampf gegen die Diskrimierung von jungen Migranten auf Stellensuche aus Ex-Jugoslawien und der Türkei. Die Aussagen basieren allerdings auf Erhebungen, die mehrere Jahre alt sind. Interessanterweise wurde festgestellt, dass die Auswahl zum Vorstellungsgespräch in der Romandie deutlich fairer abläuft als in der Deutschschweiz.

Erfolgreicher im Beruf

Zum Schluss nochmals eine Erkenntnis aus der Mirage-Studie zu den leistungsstarken Lehrabgängern: Hatten die Jugendlichen mit Migrationshintergrund einmal ihre Lehre angetreten, berichtete die überwiegende Mehrheit, dass sie im Lehrbetrieb nie oder sehr selten wegen ihrer Herkunft diskriminiert wurden.

Auch nach der Lehre verlief die weitere Karriere reibungslos, auf Stellensuche befindet sich nur eine winzig Minderheit. Beruflich sind MH in den ersten drei Jahren nach dem Abschluss sogar deutlich erfolgreicher als ihre einheimischen Kollegen, was das Gehalt und den Status betrifft.

Konversation

  1. Ich kann nicht über Statistiken sprechen nur über unsere Lehrtochter: fleissig, passable Noten (also wie ich damals 😉 ) und im Umgang ein Goldschatz. Und ja der Nachnahme endet auf -ic und sie geht in etwa so häufig in die Moschee wie ich in die Kirche… Aber man macht sich halt häufig ein Bild aus den persönlichen Erfahrungen…

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  2. Es gibt offenbar auch die Tendenz, dass die hiesige Industrie ausländische Lehrlinge aus dem grenznahen Gebiet favorisiert, weil diese im Ø im Rechnen und Deutsch besser eingeschätzt werden als jene von Basler Schulen. Jetzt könnte man auch mit der These antanzen, dass dies diskriminierend sei gegenüber schweizer Lehrlingen. Am Schluss zählt Qualität – und bei Migranten deren Sozialisierung in der Gesellschaft. Migranten-Kinder von Ingenieuren und Architekten haben es logischerweise leichter, akzeptiert zu werden, als Kinder aus der Landwirtschaft ohne Ausbildungs Background.

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  3. Die Erfahrung hat die Betriebe folgendes gelehrt: Die MH-Lehrlinge brechen die Lehre häufiger ab. Das hat einen finanziellen Verlust für die Lehrbetriebe zur Folge. Denn am Anfang der Lehre muss der Lehrbetrieb Geld in die Lehrlinge investieren, welches er dann am Ende der Lehre wieder aus ihnen herausholen kann.
    Bricht ein Lehrling ab, bleibt der Lehrbetrieb auf der Investition hocken. Kann ein Lehrbetrieb den finanziellen Schaden reduzieren, indem er pauschal die keine MHs mehr ausbildet oder mit aller Kraft versucht nur EHs auszubilden, dann tut er das. Hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern mit Kapitalismus.
    Hätten sich die MHs in den Vergangenheit profitabler als die EHs erwiesen, würden die Zahlen heute genau anders rum aussehen. Die kapitalistische Wirtschaft hat keine Moral aber dafür Taschenrechner…

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  4. hab ja selbst auch «gschtämpfelet» – das hingegen ist jetzt wirklich sehr informativ und differenziert. danke!

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  5. Wie sieht es denn bei der Tageswoche mit ausländischen Lehrlingen aus?

    Und warum wird unter Migranten“ immer nur Osteuropäer verstanden? Jugendliche anderer Nationen fühlen sich dann doppelt diskriminiert.

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