So soll das Basler Kasernenareal aussehen

Mit einem luftigen Entwurf hat das junge Basler Architekturbüro Focketyn del Rio studio den Projektwettbewerb für sich entschieden. Gastrobetriebe und Kreativwirtschaft sollen künftig Leben in die Bude bringen – und eine Verbindung zum Rhein und zum Quartier schaffen.

Zwei Wege führen zum Rhein: der seitliche Torbogen und die Türen und Treppen im Hauptbau. (Bild: Focketyn del Rio studio)

Mit einem luftigen Entwurf hat das junge Basler Architekturbüro Focketyn del Rio studio den Projektwettbewerb für sich entschieden. Gastrobetriebe und Kreativwirtschaft sollen künftig Leben in die Bude bringen – und eine Verbindung zum Rhein und zum Quartier schaffen.

«Ein Haus für alle. Und das Neue.» Auweia. Am Slogan kann es nicht gelegen haben, dass das Projekt Nummer 34 beim Wettbewerb für die Neugestaltung des Kasernen-Kopfbaus als Sieger hervorging. Liest sich dieses doch so: «Für alle. Und die anderen auch.» Eine solch schwammige Überschrift würde in unserer Branche in den Abfluss gespült, weil «Weder Fisch noch Vogel». Aber hier ging es ja nicht um einen catchy Titel, sondern um ein architektonisches Projekt, auf das die Stadtbevölkerung seit einem halben Jahrhundert wartet. Auf eine räumliche und inhaltliche Antwort, wie mit dem unglücklich bespielten Dauerprovisorium, diesem mächtigen Hauptbau der ehemaligen Basler Militärkaserne umgegangen werden soll.

39 Büros haben sich von den Vorgaben des Stadtkantons inspirieren lassen und Pläne sowie Konzepte entworfen. «Darunter auffällig viele junge Büros», wie Kantonsbaumeister Fritz Schumacher bei der Präsentation betonte.

Junges Basler Team setzte sich durch

Nur wenige arrivierte Architekten hätten teilgenommen, man könne fast von einem Nachwuchswettbewerb sprechen, sagte Schumacher. Und das habe sich gar nicht als Nachteil erwiesen. Viele interessante Ideen seien gesichtet worden, am durchdachtesten aber erwies sich die Eingabe des jungen Basler Duos Hans Focketyn und Miquel del Rio Sanin. «Jacques Herzog hat sich ganz begeistert gezeigt, sprach von einem «super Entscheid», so Schumacher träf, «was bei ihm ja nicht selbstverständlich ist.» Wie wahr!

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Jacques Herzogs Begeisterung mischt sich hier wohl auch mit Stolz: Denn wie uns der 33-jährige del Rio Sanin erklärt, habe er die Herzog & DeMeuron-Schule durchlaufen. Seit diesem Jahr erst sind er und Focketyn ein eigenes Zweier-Team. Und nun also gleich ein solch grosser Erfolg. Der gebürtige Spanier war in entsprechend aufgeräumter Stimmung.

Durchbrüche und Crèmeschnitten

Was sprach für das Siegerprojekt? Etwa die teilweise Aushöhlung des Hauptbaus zugunsten eines grossen, sich über drei Stockwerke erstreckenden Entrées, wodurch das tiefergelegene Rheinufer und der Kasernenplatz für Passanten miteinander verbunden wird. «Mit dieser vertikalen Lösung wird das Gebäude nicht zur Crèmeschnitte», lobte Schumacher. Allein damit hob sich Focketyn del Rio studio von der Konkurrenz ab. Diese spielte zwar mitunter mit radikaleren Ideen, etwa einem Durchbruch zum Rhein. Doch wäre damit kein Mehrwert geschaffen worden, so Schumacher. Und auf den Mehrwert legte man grössten Wert, ebenso auf die Formgestaltung mit Seitenblicken auf Statik und Kosten (Fachjury-Vorsitz: der Berner Architekt Ueli Laedrach).

Kreativwirtschafter einbezogen

Ideen für den Mehrwert holten sich die Architekten bei bekannten VertreterInnen der lokalen Kreativbranche: Laura Pregger und Moritz Walther (bekannt vom Depot Basel) sowie Jan Schlomo Knopp und Angie Ruefer (Leuchtturm Kreative Wirtschaft) haben sie mit Inputs und Bedürfnissen der Kulturbranche gefüttert, welche in Nutzungsideen einflossen: Proberäume wären ebenso denkbar wie Kunstateliers, Büros und Anlaufstellen. «Interdisziplinär» lautet das etwas sperrige und zugleich überstrapazierte Fremdwort für das, was sich in den Räumen abspielen soll. Eine Begegnungszone auch, Ort des Austauschs. Aber nicht nur für Kreative.

Die vom Kanton gestellte Aufgabe war «enorm anspruchsvoll», sagte Regierungspräsident Guy Morin. «Gerade weil so unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt werden sollen.» Entsprechend vielfältig seien die 39 Projekte herausgekommen, die die Jury an drei November-Tagen begutachtet, fachlich und sachbezogen diskutiert und beurteilt habe – dies übrigens ohne zu wissen, wer hinter den Eingaben stecke, um Voreingenommenheit auszuschliessen. Was sich Kanton wünschte und die Jury prüfte, waren folgende Vorgaben:

– eine Begegnungszone für die gesamte Bevölkerung

– einen Ort für die Kleinbasler Quartierbevölkerung

– eine Aufhebung des massiven Blocks zwischen Rhein und Kasernenplatz

– neue Räume für Kulturschaffende und Kreative; Ateliers, Proberäume, Büros, Anlaufstellen

– Zusammenspiel mit bestehenden Institutionen (Kaserne, Junges Theater, Parterre)

– Zusammenspiel mit Open-Air-Veranstaltungen wie Basel Tattoo, Herbstmesse oder Festivals

– Sorgfalt im Umgang mit dem kulturellen Erbe, das in den Köpfen festgesetzte Stadtbild also erhalten

– und all das in Form einer Einheit.

Ein Entrée über drei Stockwerke

Am Ende überzeugte also dieses Projekt mit seiner vertikal angelegten Passage, die zugleich als riesiger Wintergarten verstanden werden kann (ohne Durchzug!). Zusammen mit den gastronomischen Angeboten sollen die Leute ins Gebäude hineingezogen werden. Daneben, ans alte Kloster Klingental angrenzend, wird der Zwischentrakt seitlich durchbrochen. Im Siegerprojekt wird dieses Mauerstück nicht gänzlich entsorgt, sondern wie eine umgekehrte Krone als Tor dienen.

Auf dem Turm soll eine Bar zum Sonnenuntergangs-Apéro mit Rheinblick einladen. «Wichtige Elemente», sagte Moritz Walther, der an der Seitenlinie stand, «denn eine so grosse Gesamtfläche will zuerst mal mit Menschen gefüllt werden!» An die 9000 Quadratmeter werden umgebaut und neu genutzt.

Mit dieser Lösung, frohlockte Guy Morin, komme man jetzt endlich einen grossen Schritt weiter in der Gestaltung des Areals. Er erinnerte daran, wie viele Jahrzehnte lang sich Basel schon den Kopf darüber zerbrochen hat, was mit der ausgedienten Kaserne alles geschehen soll, wie sie sich zum Quartier öffnen und allen möglichen Ansprüchen gerecht werden könne.

Arealverwaltung wird konzentriert

Mit der Projektierungsphase geht eine Aufräumaktion in Sachen Verwaltung einher. Die Kasernen-Interessen laufen beim Präsidialdepartement zusammen, das neu alle Mietverträge unter sich hat und dafür besorgt sein will, die Konfusionen der letzten Jahrzehnte aufzuheben. Wir erinnern uns: Es kam auch schon vor, dass sich mehrere Departementsvertreter um den Kasernen-Brunnen reihten und rätselten, wer denn hierfür zuständig sei. Die Regierung will jetzt eine Arealverwaltung, wie sie schon lange gefordert wird, installieren. Und, besonders wichtig, sich auch von alten Zöpfen trennen.

«Für den Hauptbau ist bei der Bespielung keine klassische Intendanz vorgesehen», betonte Morin zudem. «Wir wollen auch keine festen Einnistungen!», ergänzte er, wohl in Anspielung auf die Atelierräume im Klingental, wo manche Künstler zum Teil jahrzehntelang zu günstigen Zinsen arbeiten konnten. Eine starre Bespielung ist auch für Kulturchef Philippe Bischof ein No-Go. «Wir wollen ein pulsierendes Haus mit Rotationen bei den Mietparteien.»

Das Präsidialdepartement behält auch aus diesem Grund die Fäden in der Hand, die Regierung will aktiv verwalten und Interessenkonflikten (sowie Vetternwirtschaft) vorbeugen, sich aber bei Vergaben von Fachgremien beraten lassen.

Für die Realisierung rechnet Morin mit Gesamtkosten von 30 Millionen Franken. Er hofft, dass der Grosse Rat im nächsten Jahr grünes Licht gibt, so dass der Bau 2016 beginnen und 2018 abgeschlossen werden kann.

Die Ergebnisse des Wettbewerbs können an der Maiengasse 11 (St. Johann) betrachtet werden.
Vernissage ist am 18. Dezember um 17.30 Uhr.

Der Jurybericht ist auf der Website des Hochbauamts einsehbar.

Einen aktuellen Plan der Mieterorganisationen auf dem Areal (ohne Freiluftgäste wie Tattoo, Herbstmesse oder Viva con Agua) finden Sie auf der Web-Seite von Pro Kasernenareal.

Ausführlichere Dokumentation der Geschichte des Kasernenareals in Buchform oder im Web.

Konversation

  1. Ein Facelifting, ein paar Implantate, etwas Silikon und das Entfernen störender Ecken und Kanten. Das kann der alten Dame nur gut tun. Das Dekolté wird dadurch offener, und man verspührt mehr Lust, sich vom Rhein zum Kasernenplatz hin und her zu bewegen… Sexy!

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