Stille Nacht, heiliger Platz

Openair-Kino, Herbstmesse – und neuerdings Weihnachtsmarkt. Auf dem Münsterplatz läuft was, könnte man meinen. Doch routinierte Einsprecher schaffen es immer wieder, Projekte zu verhindern.

Besinnlichkeit pur: Der Münsterplatz im Advent. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Wo die Kirche steht, findet das Leben statt – ausser in Basel. Die Kirche selber verhindert mehr Aktivitäten auf dem Münsterplatz.

Die Angst vor wildem Urinieren und Littering war gross. Auch vor Freudenrufen und Kreischgeräuschen. Und herumtollenden Jugendlichen.

Diese Formulierungen stammen von Vertretern der evangelisch-reformierten Kirche Basel-Stadt. Aus Angst, Urin, Lärm und Abfall könnten den Münsterbetrieb und die Ästhetik des Platzes stören, legten sie vor einem Jahr Einsprache gegen eine Eisbahn auf dem Münsterplatz nahe der Kirche ein.

Der Unternehmer Beat Leuppi hatte die Bahn als Ergänzung zum Weihnachtsmarkt geplant – zur Freude der Marktverantwortlichen. «Wir hätten das Projekt sehr begrüsst», sagt Sabine Horvath vom Standortmarketing.

Routinierte Einsprecher vor Ort

Knapp ein Dutzend Einsprachen sorgten dafür, dass Beat Leuppi sein Projekt zurückzog, der Weihnachtsmarkt ohne Eis über die Bühne ging – und die Kirchenvertreter keine «unsorgfältig abgelegten Schlittschuhe» bei der Galluspforte fürchten mussten. Ein Standort mitten auf dem Platz war wegen des Stadtlaufs ausgeschlossen.

Es ist nicht der erste gescheiterte Versuch, den Platz zu beleben: Die Kirchenverantwortlichen und einige Anwohner des Platzes sind routinierte Einsprecher. Kaum hat jemand die Idee, dem schönsten Platz der Stadt Leben einzuhauchen, stehen die Gegner auf der Matte. Die Argumente gegen Buvetten und Eisbahnen wiederholen sich: Lärm, Littering, Verunstaltung.

Kirche will keine Ausdehnung

Einzig Traditionsanlässe wie Herbstmesse und Openair-Kino bleiben unangetastet. Wobei die Kirchenverantwortlichen im Brief an Beat Leuppi auch die Herbstmesse erwähnen: «Auch während den Messewochen kennen wir eine Beeinträchtigung unseres Betriebes.» Gegen «eine weitere Ausdehnung» wehre man sich. Die Eisbahn wäre eine Ausdehung gewesen.

Was das Openair-Kino angeht, ist es bestimmt nicht so, dass sich alle Anwohner freuen über die dreiwöchige Beschallung. Der Anlass ist vorerst aber gesetzt: «Wir haben mit den Einsprechenden und dem Veranstalter verhandelt», sagt Stéphanie Balzer vom Baudepartement.

Der Veranstalter habe Ordnung und keine Mikrofonansprachen mehr nach den Filmvorführungen garantiert – darauf seien die Einsprachen zurückgezogen worden. Aus Protest gegen das Kino schicken manche Ansässige ihre Gratiseintrittskarten trotzdem zurück.

Tische, Stühle und sonst nichts

Mit der Neugestaltung besteht Hoffnung auf mehr Leben. Von allen Seiten kommt die Idee, mehr Gastronomie anzubieten. Auch der sonst für Besinnlichkeit kämpfende Kirchenratspräsident Lukas Kundert sperrt sich nicht dagegen. Eine Gartenwirtschaft «à la française» unter den Bäumen könne er sich durchaus vorstellen: Tische, Stühle – und sonst kein Mobiliar.

Baudirektor Hans-Peter Wessels ist von der Idee ebenfalls angetan. Bestehende Wirte könnten dort weitere Gäste bedienen, sagt er. Das Problem ist nur: Es gibt keine Wirte direkt am Plätzchen.

Die beiden Restaurants am Münsterplatz sind verhältnismässig weit von den Bäumen entfernt. Und Gastronomie-Pläne der ansässigen Lesegesellschaft seien inzwischen «keine Option mehr», sagt Verwalter Andreas Lang.

Einzige sinnvolle Lösung wäre, eine Gartenbeiz mit Bar und Kühlschrank zu errichten – aber: «Das wäre dann wiederum eine Buvette», sagt Stéphanie Balzer. Und dieses Kapitel sei am Münsterplatz vorerst abgeschlossen.

«Attraktivität nicht ausgeschöpft»

Die Idee einer Buvette stammte ebenfalls von Beat Leuppi. Auch bei dem Projekt hatte er Unterstützung vom Kanton; deren Vertreter waren sogar Feuer und Flamme dafür. «Das Baudepartement will eine Buvette», hiess es vor zwei Jahren noch – auch nach Ablauf der Einsprachefrist.

Nach Prüfung der Einsprachen war aber klar: Die Gegner haben gewonnen. Mit Gestaltungsargumenten lehnten sich Kirche, einige Anwohner, Denkmal- und Heimatschutz gegen das Projekt auf. Und der befürchtete «hässliche Container» fand nie den Weg auf den Münsterplatz.

Sabine Horvath bedauert, dass nur wenig Raum für Gastronomie besteht: «Die Attraktivität als stimmiger Begegnungsort ist nicht ausgeschöpft.» Mehr Beizen wären kein Widerspruch zur Besinnlichkeit, ist sie überzeugt.

Mondfest als einzige Neuigkeit

Ähnliche Probleme wie jetzt gab es bereits vor einigen Jahren. Damals hiess die Hoffnung «Aktionsplan Stadtentwicklung 2008». Zuvor schon wurden die Parkplätze auf dem Platz aufgehoben. Von einem Biergarten und einem Hotel war die Rede. Geschehen ist nichts. Einzig Stadtpräsident Guy Morin schaffte es im vergangenen Sommer mit seinem Mondfest, den Platz in einen «chinesischen Volksgarten» zu verwandeln – für einen Tag.

Baudirektor Hans-Peter Wessels ist überzeugt, dass der Münsterplatz ein «supertoller Platz» wird, sobald die Baustelle weg ist. Wichtig sei die Frage nach der Art der Nutzung, die man sich – vor allem im Sommer – wünsche. «Je mehr Grossanlässe durchgeführt werden, desto schwieriger ist es, gastronomische Angebote hinzubekommen.»

Buvette im Kinoareal

Beat Leuppi hätte mit der Buvette keine solchen Probleme gehabt: Mit den Kinobetreibern prüfte er, die Buvette ins Kinoareal zu integrieren. «Die Gespräche waren auf gutem Weg», sagt er. Am Ende wurde der Platz ohne Buvette bespielt. Das wird auch im kommenden Sommer so sein. Konkrete Pläne für den Platz gibt es keine. Ideen dafür umso mehr.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 23/12/11

Konversation

  1. da gibt es Leute, die behaupten, dass bei den Kirchen das Leben stattfinde, in diesem Fall also bei den Münstern. Mir ist kein Münster in der Schweiz bekannt, bei dem wie in Basel Herbstmesse, Weihnachtsmarkt oder Kinoveranstaltungern stattfinden; weder in Bern, Zürich, St. Gallen, Lausanne, Fribourg usw. Und in Mailand, Florenz oder Rom schon gar nicht. Die Frage, warum alle Plätze unbedingte bespielt werde MÜSSEN, sollte man sich auch einmal stellen. Stellt Ruhe keinen Wert mehr dar? Da wird der Mensch eben auf sich selbst zurückgeworfen und das ist offenbar nicht mehr gewünscht oder kann nicht mehr ausgehalten werden. Ruhe gehört aber auch zum Leben. Und dieser Teil des Lebens, der einem Befdürfnis entspricht, findet eben auf dem Münsterplatz statt.

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  2. Noch ist der Münsterplatz eine Oase der Ruhe in der Innerstadt. An allen anderen Ecken und Enden ist ständig was los. Zu ausgedehnten Tages- und Nachtzeiten bekommen wir dort Food und Drinks angeboten, als ob wir ohne Unterbruch Hunger und Durst leiden müssten. Auf dem Münsterplatz gibt es schon zwei Restaurants, das sollte doch eigentlich genügen. Es braucht dort nicht noch mehr Verkaufsstellen. Hingegen wären einige Bänke eine Wohltat. Man könnte in Ruhe verweilen, vielleicht mal mit anderen ins Gespräch kommen. Vielleicht in der Mittagspause das mitgebrachte homemade Sandwich verspeisen. Es gibt in der Innerstadt zuwenig öffentliche, nicht an Konsum gebundene Sitzplätze. In Zürich (hoffentlich sitzt dieser Stachel) haben die in der Innerstadt Werktätigen viel mehr Gratis-Openair-Sitzplätze für ihre Mittagspause. Oft sind diese sogar grün bepflanzt.

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  3. Natürlich braucht es Zeiten der Besinnung, in denen man zur Ruhe kommen kann und sich für neue Herausforderungen sammeln kann. Aber gleichzeitig braucht es auch das Ventil, um angestaute Emotionen loslassen zu können, Platz zum Lachen und Fröhlichsein. Leider scheinen das die Kirchenobersten aber immer wieder zu vergessen. Sie schotten sich in ihren Kirchenmauern ab und verpassen es, nach aussen ins „richtige Leben“ zu gehen, daran teilzuhaben und ihre Anliegen und Werte hinauszutragen. Wie wollen sie die Leute erreichen, wenn sie nicht den Kontakt suchen? Ich schliesse mich Esther an. Der Weihnachtsmarkt wäre dazu die ideale Gelegenheit gewesen. Sie wurde verpasst. Und die Kirchen werden weiter so leer bleiben, bis sich die Institution Kirche das Leben hereinlässt.

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  4. …ist für mich die Haltung der Kirche. Statt sich zu öffnen und die Gelegenheit zu ergreifen, die Menschen einzuladen und mit ihnen in Beziehung zu treten, die durch eine vermehrte „weltliche“ Nutzung des Münsterplatzes in ihrer Nähe Zeit verbringen, sieht es fast so aus, als sehe sie am liebsten um die Kirche herum (und in der Kirche?) bloss Leere.
    Weshalb zB. nutzte die Kirche nicht die Gelegenheit des eben zuende gegangenen Weihnachtsmarktes auf dem Münsterplatz, dort einen Stand zu betreiben. Man hätte ja nicht unbedingt Souvenirs verkaufen müssen, aber zB. Kaffee/Tee und Gebäck und Gespräche anbieten können. Die Stimmung jedenfalls war schön und trotz des vermuteten und ach so bösen Kommerzes friedlich und fröhlich. Stattdessen wurde der Markt einfach „geduldet“ und eine Chance, wieder näher zu den Menschen und ihrer Lebenswelt zu rücken, verpasst. Schade irgendwie….

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