Verdienen Basler Chefärzte wirklich 1 Million und mehr?

Chefärzte an Schweizer Spitälern verdienen laut Schätzungen im Durchschnitt eine Million Schweizer Franken pro Jahr. Das Unispital Basel wiegelt ab.

Bei privat- und halbprivatversicherten Patienten kassieren Chefärzte Zusatzhonorare – laut Gesundheitsexperten ein fataler Fehlanreiz. (Symbolbild)

Beim Kantonsspital Baselland (KSBL) gibt es 114 Kaderärzte, die zwischen 200’000 und 740’000 Franken im Jahr verdienen – im Durchschnitt 326’000 Franken. So viel Transparenz gewährt das Spital in einer Medienmitteilung, die sie am Mittwoch «aufgrund des medialen Fokus» verschickte.

Das Unispital Basel geht in Sachen Transparenz nicht so weit. Auf Anfrage sagt Mediensprecher Martin Jordan, alle Chefärzte verdienten unter einer Million Franken pro Jahr. Weitere Infos will er nicht preisgeben.

Ausgelöst hat die Debatte um Chefarztlöhne die «Rundschau», welche die Saläre an Schweizer Spitäler untersuchte: Diese sollen für Chefärzte zwischen 350’000 und 1,5 Millionen Franken im Jahr betragen. Manche verdienten sogar bis zu 2,5 Millionen Franken. Eine Million Franken sollen es jedenfalls im Durchschnitt sein. Darauf kam der Gesundheitsökonom Urs Klingler anhand von Berechnungen, die – vereinfacht gesagt – die Lohnsummen im Gesundheitswesen in Relation zu den praktizierenden Ärzte stellen.

Mehrheit unter 500’000 Franken

Über die Angabe des Unispitals zeigt sich Klingler überrascht: «Ich gehe davon aus, dass das Unispital die Wahrheit sagt. Vielleicht wissen sie einfach nicht, dass einige Chefärzte mehr verdienen als auf ihrer Lohnabrechnung steht.» Und: «Wenn es tatsächlich so ist, dass die Chefärzte inklusive aller Zusatzhonorare unter einer Million Franken Gesamtvergütung pro Jahr erhalten, erstaunt es mich, dass das Unispital Basel die Topärzte halten kann.»

Von den Lohnsummen beim KSBL ist Klingler hingegen nicht überrascht. Das Spital liege auf Platz 66 bei der Ärztevergütung. Weil das KSBL alle Kaderärzte beziffert – Chefärzte und leitende Ärzte – sei eine engere Bandbreite zu berücksichtigen. Die Auswertungen von Klingler decken sich in dieser Kategorie fast genau mit den Zahlen des KSBL.

Vom Gesundheitsdepartement Basel-Stadt ist zu vernehmen, dass die Mehrheit der Chefärzte am Unispital sowie alle Chefärzte am Felix-Platter-Spital und an den Universitären Psychiatrischen Kliniken weniger als 500’000 Franken verdienen. 

Einträgliche Zusatzhonorare

Der Lohn der Chefärzte setzt sich verschieden zusammen. Da ist zunächst der Fixlohn, der auch die Dozententätigkeit an der Uni enthalten kann. Dazu kommen die variablen Lohnbestandteile. Und die haben es in sich.

Ein Chefarzt kriegt in der Regel ein Zusatzhonorar, wenn er zusatzversicherte Patienten behandelt. Der Zusatzversicherte hat zum Beispiel eine Option, mit der er den Chirurgen wählen kann. Er wählt natürlich denjenigen Arzt, der den besten Ruf hat – das sind in aller Regel die Chefärzte.

Den Eingriff selbst bezahlt die Grundversicherung, das Spital kann aber mehr abrechnen als bei einem grundversicherten Patient. Die zusätzlichen Kosten werden dann von der Zusatzversicherung beglichen. Was das Unispital bei den Zusatzversicherten mehr verdient, kommt in einen Pool, wovon die Chefärzte am Ende der Abrechnungsperiode einen Anteil erhalten. Einfach formuliert: Je mehr Zusatzversicherte die Ärzte hatten, desto mehr Geld erhalten sie aus dem Pool. 

Der finanzielle Anreiz, mehr Privat- oder Halbprivatpatienten zu behandeln, ist also gegeben, denn diese Zusatzhonorare können in Einzelfällen bis zu 60 Prozent des Gesamtlohns ausmachen.

Wer mehr operiert, kriegt Boni

Am KSBL gibt es neben den Zusatzhonoraren noch einen weiteren Lohnanteil, der von der Leistung des Arztes abhängt. Chefärzte und leitende Ärzte erhalten Boni, wenn sie die Ziele erreichen, die mit der Spitalleitung vereinbart wurden. Zu zwei Dritteln seien das finanzielle Ziele, zu einem Drittel nichtfinanzielle Ziele, sagt KSBL-Mediensprecherin Anita Kuoni. Was unter finanziellen Zielen zu verstehen ist, präzisiert sie nicht. Denkbar, dass es hierbei um den Umsatz oder Gewinn geht, die eine bestimmte Abteilung erwirtschaftet.

Das würde bedeuten, dass ein Chirurg zum Beispiel mehr Lohn erhält, wenn er die Fallzahlen steigert. Das «Echo der Zeit» hat bereits vor sechs Wochen berichtet, dass ein «Nordwestschweizer Spital» Vorgaben macht, wie viele Fallzahlen im Orthopädie-Bereich erreicht werden müssten.

Anreiz für unnötige Operationen

Der Gesundheitsökonom Stefan Felder sieht es bereits kritisch, wenn Chefärzte Zusatzhonorare für privatversicherte Patienten erhalten. Damit komme es auch in der Grundversicherung zu Kostensteigerungen, weil ein Anreiz da sei, «unnötige Operationen durchzuführen».

Die Löhne der Chefärzte und die Fehlanreize im System beschäftigen in Basel-Stadt nun auch die Politik. SP-Grossrätin Sarah Wyss will via Interpellation wissen, wie viele Chefärzte im Kanton über 500’000 Franken verdienen und wie diese Löhne begründet seien. Ein ausgewogenes Salär sei auch wichtig, «um falsche Anreize für Behandlungen zu vermeiden».

Konversation

  1. Es wäre eine Schande, wenn die Basler Chefärzte tatsächlich so wenig verdienten. Ein Nr. 1 Gesundheitsstandort verdient auch entsprechende Löhne.

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  2. Da könnte man ja als Medizinstudent doch auf die Idee kommen, in den Bereich der Medizin einzusteigen, wo es am Ende lukrativer ist. Das wäre dann die Medizin, wo eher Bessergestellte in Behandlung sind.
    Wer heute Kinder hat oder psychische Probleme hat, gehört eher nicht dazu.
    …. Die entsprechenden Facharzttitel dürften dann auch eher weiter unten im Ranking rangieren.
    … Das erzeugt auf Dauer eine hochsomatisch orientierte Medizin, die besonders Technik-orientiert ist.

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  3. Genau da liegt das Problem. Je mehr Operationen ein Spital und ein Arzt im Spital macht, je besser stehen die da.
    Deshalb immer Zweitmeinung holen am besten von einer wenn möglich neutralen Seite.

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    1. Ich zweifle an Zweitmeinungen. Entweder man gerät an einen Quacksalber oder er deckt seine Berufskollegen. Sinnvoller wäre ein nationales Ärzteregister mit Bewertungssystem und Publikation von „Kunstfehlern“.

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