Viel fehlt nicht zu einem ganz grossen Skandal

Wie ein aufziehendes Gewitter braut sich zusammen, was am Sonntag im St.-Jakob-Park zur Entladung führt: Fans des FC Zürich sorgen mit ihren brennenden Fackeln und Böllern für eine Unterbrechung der Partie. Am Ende des Tages muss man froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist.

Eine brennende Fackel landet knapp neben Fotografen am Spielfeldrand im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Basel und dem FC Zuerich im Stadion St. Jakob-Park in Basel, am Sonntag, 12. April 2015. (KEYSTONE/Georgios Kefalas) (Bild: Keystone/GEORGIOS KEFALAS)

Wie ein aufziehendes Gewitter braut sich zusammen, was am Sonntag im St.-Jakob-Park zur Entladung führt: Fans des FC Zürich sorgen mit ihren brennenden Fackeln und Böllern für eine Unterbrechung der Partie. Am Ende des Tages muss man froh sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist.

Es ist lange Zeit ruhig geblieben am Platz Basel. Ausschreitungen von Fussballfans, zumindest solche in grösserem Ausmass, hat es nicht mehr gegeben. Und dennoch beschlich einen bei der Lektüre eines gut gemeinten Leitkartikels in der Samstagsausgabe der «bz Basel» ein ungutes Gefühl. «FCB gegen FCZ – und keiner redet mehr von Hooligans» war der Beitrag überschrieben. Seit Sonntagnachmittag kann die These so nicht mehr gehalten werden.

Im Nachgang der Partie:
FCZ-Fans blockieren den Zugverkehr

Um 17.33 Uhr unterbricht Schiedsrichter Sascha Amhof die Partie zwischen dem FC Basel und dem FC Zürich in der 73. Minute und schickt beide Mannschaften in die Garderobe. Er tut dies gemäss den Richtlinien, eine solche Entscheidung liegt in seinem Ermessensspielraum. Die Unterbrechung sorgte dafür, dass sich die aufgeheizte Atmosphäre etwas beruhigen konnte.

Am Ende des Tages, der sportlich aus Basler Perspektive ein Fest war und aus Zürcher in jeglicher Hinsicht ein Desaster, kann man festhalten, dass es glimpflich ausgegangen ist. Bis am späten Sonntagabend war nichts bekannt von Menschen, die Schaden genommen hätten.



Die Zuercher Fans brennen Fackeln ab im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Basel und dem FC Zuerich im Stadion St. Jakob-Park in Basel, am Sonntag, 12. April 2015. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Der Sektor der Fans des FC Zürich und brennenden Fackeln. (Bild: Keystone/GEORGIOS KEFALAS)

Den Schaden hat der Fussball, der auf den Rängen wieder einmal seine hässliche Fratze offenbart hat. Beide Vereine werden hohe Bussen aufgebrummt bekommen. Der FC Basel, weil in solchen Fällen immer ein Mangel in der Sicherheitsarbeit unterstellt wird, und ausserdem, weil auch in der Muttenzerkurve Petarden gezündet wurden.

Der FC Zürich wird die noch höhere Busse erhalten für seine Fans, die schon früh an diesem Nachmittag mit Kanonenschlägen Mark und Bein der 32’000 Zuschauer im St.-Jakob-Park erschüttert hatten.

Das Gewitter, das sich zusammenbraut

Es war wie ein aufziehendes Gewitter, was sich da im St.-Jakob-Park im Sektor der Gäste zusammenbraute. Die Atmosphäre knistert ohnehin, der sportliche Kriechgang der Mannschaft paart sich derzeit mit der Degradierung des Torhüters David da Costa, und das Verhältnis der Clubführung zur Südkurve ist angespannter als auch schon.

Und dann passieren all die aufwühlenden Momente der Neuauflage des Klassikers im St.-Jakob-Park unmittelbar vor dem mit gut und gerne 1500 FCZ-Fans besetzten Sektor. Erst das Basler Führungstor, dann die beiden Platzverweise, die Rudelbildungen der Spieler, der zweite Basler Treffer. Die Emotionen gehen hoch, und das nicht nur unter den FCZ-Anhängern, aber bei ihnen ist das Frustpotenzial besonders hoch.

Eine erste Knallpetarde detoniert in der Zürcher Ecke, in der zweiten Halbzeit eine zweite, aus der Basler Ecke kommt eine entsprechende Antwort. Im Zürcher Sektor werden Pyros gezündet und geworfen, wahllos. Die Fotografen, die an dieser Spielfeldecke Position bezogen haben, müssen sich um ihre leibliche Unversehrtheit und ihr Material sorgen.

Minutenlang brennen die leuchtend roten Fackeln am Spielfeldrand ab. Man erinnerte sich an den 2. Mai 2008, als FCZ-Fans brennende, 1000 Grad heisse Signalfackeln in den Bereich der Basler Zuschauer geworfen hatten.



Eine von unzaehligen Fackeln, welche durch Zuercher Fans geworfen wurden, brennt auf dem Spielfeld, im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Basel 1893 und dem FC Zuerich am Sonntag, 12. April 2015, im Stadion St. Jakob-Park in Basel. (KEYSTONE/Patrick Straub)

Eine von unzähligen Fackeln, die aus dem Block der Zürcher Fans im St.-Jakob-Park geworfen wurden. (Bild: Keystone/PATRICK STRAUB)

Dann knallt es wieder, unmittelbar mit dem ersten Treffer der Zürcher. Wieder fliegen brennende Flackeln. Tomas Vaclik, der FCB-Torhüter, eilt aus seinem Tor zu den Schiedsrichtern. Später erklärt er, dass er durch den gewaltigen Kanonenschlag irritiert war. Wahrscheinlich war das auch die Absicht des Absenders.

Jedenfalls zögert Schiedsrichter Amhof nach Beratschlagung mit seinen Assistenten am Spielfeldrand nicht lange. Er schickt beide Teams in die Kabine.

Der Basler Praesident Bernhard Heusler schaut nach dem Unterbruch des Spieles auf die Uhr im Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Basel und dem FC Zuerich im Stadion St. Jakob-Park in Basel, am Sonntag, 12. April 2015. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Besorgter FCB-Präsident Bernhard Heusler nach dem Spielunterbruch. (Bild: Keystone/GEORGIOS KEFALAS)

Den Spielunterbruch erachtet Bernhard Heusler für richtig. Der Präsident des FC Basel hält sich zum Zeitpunkt des Unterbruchs schon im Innenraum des Stadions auf. Die Pause soll Gelegenheit schaffen, damit sich die Stimmung abkühlt.

«Es wurde eine Grenze überschritten», sagt Amhof bei «Teleclub» zum Spielunterbruch, «wir haben zusammen mit den beiden Vereinen entschieden, ein Zeichen zu setzen. Und die Entscheidung hat uns recht gegeben: Es war nachher ruhiger.» Der 35-jährige Referee aus dem Aargau, der sein 50. Super-League-Spiel leitete, macht auch klar: Bei einem weiteren Knall hätte er die Partie endgültig abgebrochen.

Schiedsrichter Sascha Amhof erläutert vor der Teleclub-Kamera sein Vorgehen (mit einem Klick auf das Bild geht es zum Video):

Zehn Minuten dauerte der Unterbruch. Während dieser Zeit kommt Marco Streller, der zuvor ausgewechselt worden war und sich bereits in der Garderobe aufhielt, zurück ins Stadioninnere und redet mit Leuten aus der Muttenzerkurve. Was gesprochen wurde, darauf will der Captain nicht eingehen. Strellers Mitspieler Fabian Frei meint zur Unterbrechung des Spiels nur: «Man darf sich davon nicht ablenken lassen.»

Von den FCZ-Exponenten ist niemand präsent

12.04.2015; Basel; Fussball Super League - FC Basel - FC Zuerich; Praesident Anchillo Canepa (Zuerich) (Claudia Minder/freshfocus)

Schimpft auf die «Vollidioten» in der Kurve: FCZ-Präsident Ancillo Canepa. (Bild: Claudia Minder/freshfocus)

Auf der anderen Seite tut sich während der zehn Minuten nichts. Von den FCZ-Exponenten ist niemand zu sehen, der versucht hätte, in irgendeiner Weise Einfluss auf die Fans im Gästesektor zu nehmen. Auch nicht Ancillo Canepa, der Präsident, der sich in der Nähe der Zürcher Trainerbank aufhält. Die Zurückhaltung Canepas erscheint angesichts des angespannten Verhältnisses zur Kurve nachvollziehbar, vielleicht bleibt ihm auch gar keine andere Möglichkeit,

Nach dem Spiel wettert Canepa über «Vollidioten» und sagt: «Es ist ein Skandal, was passiert ist, absolut unterste Schublade. Das schadet uns und dem Schweizer Fussball. Eine gewisse Zeit hatten wir Ruhe vor solchen Leuten, aber es gibt einen Bodensatz, den wir nicht erreichen.»

Um 17.43 Uhr, nach zehn Minuten Unterbrechung, setzte der Schiedsrichter die Partie fort. Die Zuschauerreihen im Joggeli haben sich gelichtet, nicht wenige Besucher scheinen bereits den Heimweg angetreten zu haben. Vereinzelt werden im Zürcher Sektor weitere Fackeln gezündet und geworfen. Viel fehlt nicht für einen endgültigen Abbruch und einen ganz grossen Skandal.



Scharmuetzel zwischen Basel und Zuerich Fans nach dem Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Basel 1893 und dem FC Zuerich am Sonntag, 12. April 2015, im Stadion St. Jakob-Park in Basel. (KEYSTONE/Patrick Straub)

Sicherheitskräfte hindern FCB-Fans daran, sich dem Zürcher Sektor zu nähern. (Bild: Keystone/PATRICK STRAUB)



12.04. 2015; Zuerich; Fussball Super League - FC Basel - FC Zuerich; FCB Fan und ein Sicherheitsmitarbeiter mit Traenengasspritze gegen FCZ Fans nach dem Spiel (Andreas Meier/freshfocus)

Nach Spielende setzen Sicherheitskräfte Reizmittel ein. (Bild: Andreas Meier/freshfocus)

FCB-Präsident Heusler ist erleichtert, dass es nicht soweit gekommen ist. Aufgewühlt sagt er nach Spielende: «Pyros und Knaller wollen wir alle nicht im Stadion. Das Wichtigste ist, dass keine Menschen zu Schaden kommen.» Das passiert glücklicherweise auch nicht, als im Zürcher Sektor Sitze aus der Verankerung gerissen und von den Rängen hinab geworfen werden.

Nach dem finalen Abpfiff dauert es eine ganze Zeit, bis die Spieler des FCZ in die Kabine gehen. Einige von ihnen sprechen am Zaun mit FCZ-Fans, während die FCB-Spieler ihre Ehrenrunde drehen. Unterdessen versuchen einige, zum Teil vermummte Fans in den Farben des FCB Richtung Gästesektor zu gelangen. Das Sicherheitspersonal im Stadioninnern kann das verhindern. Es werden Reizmittel eingesetzt.

Mit einiger Verzögerung kommen die beiden Trainer zur Medienkonferenz. Urs Meier, der sportlich schon ein schweres Paket zu tragen hat, sagt: «Ich distanziere mich absolut von den Fans, die diesen Unterbruch hinbekommen haben.»

Bernhard Heusler versucht, sich über das Ergebnis zu freuen, den Umständen zum Trotz: «Wir dürfen das nicht in den Hintergrund drängen, sonst bekommen diese Leute mehr Bedeutung als der Sport.» Es wird für den Moment ein frommer Wunsch bleiben. Ähnlich wie die allzu naive Feststellung, dass keiner mehr von Hooligans und anderen Chaoten redet.

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» Eine Stellungnahme des FCZ zu den Vorfällen in Basel: «Der FC Zürich verurteilt diese kriminellen Handlungen auf das Schärfste und distanziert sich in aller Form von solchen Chaoten»



Die Spieler des FC Zuerich diskutieren mit den Fans nach dem Fussball Meisterschaftsspiel der Super League zwischen dem FC Basel 1893 und dem FC Zuerich am Sonntag, 12. April 2015, im Stadion St. Jakob-Park in Basel. (KEYSTONE/Patrick Straub)

Redebedarf: FCZ-Spieler, vorneweg Captain Alain Nef, nach Spielende im Dialog mit einigen ihrer Fans. (Bild: Keystone/PATRICK STRAUB)

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Konversation

  1. Das „Schönste“ daran ist, es ist für die Vandalen praktisch straffrei!
    Gehören fast bügerkriegsähnliche Zustände dazu?

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  2. Für mich zeigte sich gestern klar und deutlich das der repressive Weg mit dem Hooligankonkordat gescheitert ist und das Basler Modell, zwar nicht gänzlich sämtliche Vorfälle verhindern kann, was auch utopisch wäre, der gangbarere Weg ist. Dieser setzt vor allem auf den Austausch zwischen Verein, Fans und den Fanarbeitern. Deutlich wurde dies gestern, als nach einem Böllerwurf (welcher auch aus der Muttenzerkurve gekommen sein musste), sehr rasch mit Präsident Heusler, Captain Marco Streller und diversen Sicherheitsverantwortlichen zur Kurve gegangen sind und Gespräche mit den Fans gesucht haben. Dies vermisst man beim FC Zürich. Herr Canepa wettert lieber in den Medien über seine Fans, anstatt hinzugehen, zu beruhigen und Gespräche zu suchen. Auch in St. Gallen, wo man den gleichen Weg mit dem Konkordat geht, ist es am Mittwoch zu Fackelwürfen gekommen.

    Zu verhindern sind solche Vorfälle nicht, vor allem nicht mit „einfachen“ Lösungen, welche zwar beim Wähler gut ankommen, aber nur Augenwischerei sind.

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    1. Danke für die Ausführungen. Zusätzlich halte ich es für äusserst fragwürdig, wenn die FCZ-Spieler nach dem Schlusspfiff den „Gästen“ zum Dank noch Leibchen verteilen.

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  3. Heute im Basler St. Jakob-Park ist das geschehen, was sich eigentlich niemand wünschte: Das Spiel FC Basel 1893 gegen den FC Zürich geriet zur Nebensache! Chaoten nutzten den Sport für ein – zumindest in Basel – vergessen geglaubtes Szenario. Pyro-Fakeln in Serie wurden aus der Fankurve der FCZ-Anhängerschaft an den Spielfeldrand geschmissen; Knallpetarden wurden gezündet; das Spiel musste unterbrochen werden; ein Spielabbruch wäre zumindest nicht verwunderlich gewesen.

    Es erübrigt sich, diese unglaublich dummen Szenen an dieser Stelle näher zu beschreiben. Das wird die Presse im Allgemeinen, die Boulevardpresse exzessiv in den kommenden Tagen zelebrieren.

    Was mir aber sehr zu denken gibt, ist ein Artikel der «bz basel» im Vorfeld dieser Partie. Unter dem Titel «FCB gegen FCZ – und keiner redet mehr von Hooligans» wird hier das filigrane Gefüge geschildert, das in den letzten Jahren rund um den St. Jakob-Park gegriffen hat – bis heute!

    Für mich stellt sich die Frage, warum diese Lobhudelei nur gerade einen Tag vor diesem kapitalen Match mit hoher Brisanz auch ausserhalb des sportlichen Gehalts, publiziert wurde.

    Und dabei kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass die «bz basel» im besten Falle unbedarft, ja unsensibel vorgegangen ist.

    Der Verdacht, dass die «az medien» den Zeitpunkt des Erscheinens dieser «Beweihräucherung» der «Basler Idylle» bewusst gewählt haben, darf zumindest angedacht werden. Mit dieser zeitlichen Verknüpfung konnte man zumindest davon ausgehen, dass sich ein unverbesserlicher militanter Teil rund um den FCZ dazu angestachelt fühlte, das «Basler Modell» zumindest für einmal ins Leere laufen zu lassen.

    Betrachtet man aber die politische Ausrichtung des Dachs dieser Zeitung, dann lässt sich auch Manipulation als mögliches Motiv ins Feld führen. Denn das Kopfblatt, die «az medien», steht jenen bürgerlichen Kreisen nahe, welche auf biegen und brechen das Hooligan-Konkordat verwirklichen wollen. Dem stehen aber beide Basler Parlamente ablehnend gegenüber.

    Gut möglich, wenn auch sehr traurig, wenn ein Medienunternehmen die Interessen «seiner Klientel» auf derart billige Weise und unter Gefährdung eines unbedarften Publikums einerseits und unter Inkaufnahme der mutwilligen Zerstörung jahrelanger Arbeit von Club und Fan-Verantwortlichen durchzudrücken vermag.

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    1. Ich stimme Ihnen natürlich zu, möchte aber präzisieren: Es geht nicht um das Hooligan-Konkordat an sich. Dort ist auch BS und BL dabei, sondern um die Sinnferne politisch motivierte Verschärfung, welche in BS kaum Änderungen und noch weniger Wirkung hätte und daher nur von uninformierten Politikern unterstüzt wurde.
      Zudem ist jedem welcher den Verantwortlichen für das „Basler Modell“ in den letzten Jahren zugehört hat auch klar, das selbiges kein Garant für das gänzliche Verhindern solcher Vorfälle ist, sondern nur deren Reduktion auf ein grösstmögliches Minimum. Diesen Erfolg kann man auch anhand der Entwicklung rund um das Joggeli klar belegen. Und daran ändern diese Idioten von Sonnatg nichts. Dies, ganz im Gegensatz zu den Kantonen wo diese Verschärfung angenommen wurde.

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