Vor Nadars Linse

Paris von oben, Paris von unten: Tausendsassa Nadar (1820–1910) erschloss der Fotografie neue Bereiche.

Da war Geduld gefragt: In Katakomben musste Nadar ein Bild bis zu 18 Minuten lang belichten, um ein befriedigendes Resultat zu erzielen.

Ob aus der Luft oder unter der Erde: Gaspar-Felix Tournachon, genannt Nadar, erschloss der Fotografie neue Bereiche.

Keine Frage: Von Gaspar-Felix Tournachon, wie Nadar mit bürgerlichem Namen hiess, liess man sich gerne fotografieren. Nadar war stets bemüht, die Qualität der Aufnahmen zu verbessern. Und so erstaunt es nicht, dass mehr als 300 der in Nadars Atelier aufgenommenen Porträts erhalten blieben. Unter den von Nadar Fotografierten finden wir Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Politik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sarah Bernhardt etwa stand ebenso vor seiner Kamera wie Jacques Offenbach, Charles Baudelaire oder die Anarchisten Pierre-Joseph Proudon und Michail Bakunin.

Nadar wurde am 6. April 1820 in Paris geboren. Seine Laufbahn begann er zunächst als Journalist und Zeichner. Dann entdeckte er die Fotografie und eröffnete 1854 ein Atelier für fotografische Porträts.

Die Welt von oben

Ein anderer Fotograf hätte sich vielleicht damit zufrieden gegeben, berühmte Zeitgenossen ins richtige Licht zu rücken. Nadar genügte das nicht. Er wollte höher hinaus, in die Luft nämlich, um die Welt von oben zu fotografieren. Zu diesem Zweck mietete er einen Ballon, installierte in der Gondel ein Fotolabor (damals mussten die belichteten Platten sofort entwickelt werden) und traf jegliche erdenkliche Vorkehrung, damit das Experiment gelang. Aber es war wie verhext: Die Aufnahmen misslangen stets von Neuem. Erst als er eines Tages, da nicht mehr viel Gas im Ballon war, mit geschlossenem Ventil aufstieg, kam Nadar dahinter, wo das Problem lag.

In seinen im Jahr 1900 erschienenen Erinnerungen «Als ich Photograph war» bemerkt er dazu: «Nach dem Gebot der elementarsten Vorsicht lässt der Luftschiffer dieses Ventil bei jedem Start offen, um dem überschüssigen Gas, das sich beim Aufsteigen immer mehr ausdehnt, einen Ausweg zu lassen und somit eine Explosion zu verhüten. Nun, bisher hatte dieses Ventil bei jedem Aufstieg ganze Wolken von Schwefelwasserstoff in mein Jodsilberbad gespien; aber Jodsilber und Schwefelwasserstoff geben eine schlechte Ehe, die zu ewiger Kinderlosigkeit verdammt ist.» 




Nadar wusste nun, worauf er zu achten hatte, und in den ersten Frühlingstagen des Jahres 1856 gelang ihm die erste brauchbare Luftaufnahme von Paris. «Bei all ihrer Unvollkommenheit», so Nadar, «bewies diese Aufnahme erstmals die praktische Durchführbarkeit der Luftfotografie, und mehr hatte ich nicht erstrebt.»

Im Pariser Untergrund

Mit seinen Luftaufnahmen erschloss Nadar der jungen Kunst der Fotografie ein neues Wirkungsfeld. Ebenso wichtig für die Entwicklung ihrer Möglichkeiten waren Nadars Experimente mit künstlichen Lichtquellen, erlaubten es diese doch, auch dort zu fotografieren, wo kein Sonnenlicht hinkam.

Zunächst experimentierte Nadar mit elektrischem Licht in seinem Atelier, wo er es bei Porträtaufnahmen einsetzte. «Die ersten Abzüge», so Nadar rückblickend, «gerieten hart und nuancenlos, tiefschwarze Kleckse in den zerhackten Gesichtern, die Pupillen durch die grelle Beleuchtung ausgelöscht oder wie zwei Nägel aus dem Bild hervorstechend.» Die Qualität der Aufnahmen stimmte erst, als Nadar Reflektoren aus weissem Drillich und eine doppelte Garnitur von grossen Spiegeln aufstellte, die das Licht auf die stark beschatteten Partien verteilten.

1861 ging Nadar in den Untergrund. Während dreier Monate fotografierte er zusammen mit seinen Gehilfen in den unterirdischen Abwasserkanälen und Katakomben von Paris. An manchen Orten betrug die Belichtungszeit bis zu 18 Minuten. Weil kein vernünftiger Mensch so lange still stehen kann und Nadar das auch niemandem zumuten mochte, steckte er Schaufensterpuppen in die Kleidung von Kanalarbeitern, wenn er eine «Person» als Referenzgrösse im Bild haben wollte. Diese Fotos aus dem Pariser Untergrund strahlen auch heute noch eine starke Faszination aus.

Kommunikation in Zeiten des Krieges

Während des Experimentierens mit der Luftfotografie erwachte in Nadar auch die Begeisterung für die Fliegerei. Das ging so weit, dass er in den 1860er-Jahren eine «Gesellschaft zur Förderung der Luftschifffahrt mit Schwerer-als-Luftapparaten» gründete, deren Ziel es war, eine Alternative zum Ballon zu entwickeln.

Das Vorhaben hatte rasch grossen Zulauf: «Sie strömten uns von allen Seiten zu, Erfinder, Mechaniker, Mathematiker, Physiker, Chemiker und was es sonst noch gibt.» An Ideen fehlte es nicht, aber an Geld. Da verfiel Nadar auf den Plan, die Geldmittel mit Ballonflügen zu beschaffen. Kurz entschlossen liess er einen Riesenballon von bisher nicht gekannter Grösse bauen. Das Publikum strömte in Scharen herbei, trotzdem ging die Rechnung nicht auf. In seiner Begeisterung hatte Nadar es unterlassen, eine funktionierende Buchhaltung einzurichten: «Hunderttausende Francs gingen ohne jede Kontrolle ein und wurden nicht mehr gesehen.»

Während des deutsch-französischen Kriegs von 1870/1871, in dessen Strudel auch die Herrschaft Napoleons III. zu Ende ging, erwachten in Nadar die Erinnerungen an die heroischen Tage der Ballonfliegerei. So versuchte er die Regierung der nationalen Verteidigung dazu zu bringen, «die verloren gegangene Tradition der nicht hoch genug einzuschätzenden militärischen Luftschifffahrt von Staates wegen» wiederaufzunehmen. Mit seinem Ansinnen hatte er bei der Regierung allerdings keinen Erfolg.

Schliesslich wurde ein Luftpostdienst für die durch die feindliche Blockade eingeschlossenen Pariser auf privater Basis aufgebaut. Nadar bemerkte in seinen Memoiren dazu: «Mangels anderer patriotischer Ruhmestaten war mir wenigstens die Befriedigung vergönnt, unseren Luftpostdienst zu organisieren und einzuweihen. Am 25. September 1870 überquerte der ‹Neptun› mit Duruof an Bord als erstes unserer Luftpostschiffe die feindlichen Linien.»

In jenen Kriegstagen setzte der Luftpostdienst auch Brieftauben ein. Damit von ihnen möglichst viele Briefe transportiert werden konnten, wurden diese auf eine Art Mikrofilm aufgenommen und am Zielort wieder vergrössert. Nadar, dem die Idee dafür zugetragen wurde, trat mit Erfolg für die Anwendung dieser neuen Technik ein.

Nach dem Ende des deutsch-französischen Kriegs und der Niederschlagung der Pariser Commune sollte Nadar noch fast 40 Jahre leben. Er starb am 21. März 1910 in Paris, kurz vor seinem 90. Geburtstag.

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