Warum wir fremden Menschen «Gesundheit» wünschen

In der Öffentlichkeit sind wir schüchtern. Trotzdem wünschen wir jedem Niesenden oder Essenden, dem wir über den Weg laufen, «Gesundheit» beziehungsweise «en Guete». Wieso eigentlich?

(Bild: Nils Fisch)

In der Öffentlichkeit sind wir schüchtern. Trotzdem wünschen wir jedem Niesenden oder Essenden, dem wir über den Weg laufen, «Gesundheit» beziehungsweise «en Guete». Wieso eigentlich?

Wenn wir uns in der Öffentlichkeit befinden, beschränken wir die Kommunikation mit Fremden gerne auf ein Minimum. Die Dame in der Supermarktschlange will über die neueste Salami-Aktion plaudern? Lieber nicht drauf eingehen. Das Gegenüber im Pendelzug zeigt sich besonders kommunikativ? Schnell die Kopfhörer aufsetzen.

Solche Annäherungen lassen die Alarmglocken des urbanen Mitteleuropäers läuten: Wagt es jemand, die Grenzen meiner imaginären Privatsphäre zu überschreiten?

«Wahnsinn Alltag!»
Der Alltag bietet manches Ärgernis, aber auch manche Freude. Diese beschreiben wir möglichst lebensnah und manchmal auch mit einem 😉 versehen in unserer Rubrik «Wahnsinn Alltag!». Und machen – wo’s nötig ist – den Faktencheck.

Doch es scheint zwei Ausnahmen zu geben, bei denen diese kulturelle Regel nicht gilt: Wenn jemand niest oder wenn jemand isst. Es spielt keine Rolle, ob es der oder die Unbekannte in der Warteschlange oder das Gegenüber im Drämmli ist – beim Niesen sagen wir «Gesundheit», beim Essen wünschen wir «en Guete». Immer.

Aber wieso überwinden wir unsere Kommunikationsangst im öffentlichen Raum genau in diesen Situationen?

Die einfachste Erklärung wäre natürlich: Es ist eine Anstandsregel, die wir nicht nur im vertrauten Freundes- und Familienkreis verwenden, sondern auf die Öffentlichkeit erweitert haben.

Ein Blick in Knigges Handbuch des Anstands zeigt jedoch: Unser Benehmen ist höchst seltsam. Sowohl das Wünschen einer bekömmlichen Mahlzeit als auch die Gesundheits-Floskel ist in den meisten Situationen unangebracht.

Durch das Wünschen guter Gesundheit wird die Aufmerksamkeit auf den Niesenden gelenkt – und ganz ehrlich: Das will eigentlich keiner.

Ausserdem ist das «Gesundheit» ursprünglich eine rein egoistische Aussage – zu mittelalterlichen Zeiten wurde die Formel als Selbstschutz vor gruseligen Krankheiten verwendet. 

Auch das «en Guete» ist laut Knigge unhöflich – auf der entsprechenden Website wird allerdings nicht erklärt, warum. Stattdessen hilft uns da Stil.de weiter: Laut dem Beratungsunternehmen sollte, wer selbst gekocht hat, eine verbale Einladung zum Essen unterlassen – das sei lediglich Selbstlob.

An offiziellen Anlässen können die Gastgeberin oder der Gastgeber als Einleitung einfach zum Besteck greifen.

Natürlich sind sich die meisten dessen nicht bewusst. Und genau deshalb folgen wir diesen Anstandsregeln so brav – schliesslich wollen wir ja höflich sein. Ausserdem: Wir wären gerne kommunikativ – Schüchternheit in der Öffentlichkeit hin oder her. Wie praktisch, dass diese Pseudo-Anstands-Formeln einen sicheren Übungsrahmen für eine unverfängliche Kontaktaufnahme bieten.

PS: Dass wir uns in Sachen Anstand überhaupt nach Knigge orientieren, ist eigentlich totaler Quatsch. Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge wurde 1752 in Bredenbeck bei Hannover geboren. Er studierte Rechtswissenschaften und war als Schriftsteller tätig. Sein bekanntestes Werk «Über den Umgang mit Menschen» ist heute bekannt als Benimmratgeber. Dabei war Knigge selbst alles andere als ein Fan von aufgesetzten Anstandsregeln. Vielmehr ist sein Werk eine soziologische Studie mit Beobachtungen, wie sich verschiedene Menschen mit verschiedenen Hintergründen benehmen. Sein Buch sollte die Kommunikation vereinfachen. Hilfsmittel: ja. Regeln: nein. Diese kamen erst später dazu und werden von Edition zu Edition stets ergänzt.

Konversation

  1. Das mit „Gesundheit“ gilt wohl vor allem für den Sprechenden.
    Mit ordentlich Niesen schafft man durchaus 12 Meter, also den ganzen Bus mit Viren voll zu nebeln. Das ist übrigens auch die Taktik des Virus, sich so zu verbreiten.
    Wenn also jemand in Anstandshörweite bei einem Niesenden ist, hat er so gute Chancen, dass die Viren bei ihm selber ein neues Zuhause finden werden.

    Niesen in den Ellenbogen, idem Husten etc. verbreitet weniger diese Viren.

    Von der Seite wären für den Niesenden eigentlich lobende Wort fällig:
    „Na, schöne Haustierchen gezüchtet, die nun auch gratis öffentlich zu haben sind?“
    Danach kann man ihn dann über die Schussweite eines „Hatschi“ aufklären.

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    1. Was mich regelmässig zum Niesen bringt, sind all die Stoffe, die in der Luft herumschwirren, die ich mit der Luft einatme und die wieder raus müssen. Das sind z.B. Parfums und stark riechende Deodorants, usw.
      Von da her gesehen ist Niesen eine gesunde Reaktion, fremde Stoffe und Gerüche subito wieder los zu werden. Kurz gesagt, man schickt sie wieder dorthin wo sie herkommen – nach aussen.

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  2. Seit ich vor fünfunddreissig Jahren in die Schweiz eingereist bin, geht mir diese Unsitte auf den Wecker. Leider bin ich zu höflich, jeweils dementsprechend darauf zu reagieren… 😉

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    1. @machata: Das sehe ich nur wenige Möglichkeiten, wie Sie ihr Problem lösen können:
      – Nach fünfundreissig Jahren wieder aus der Schweiz auszureisen
      – Den Wecker loszuwerden
      – In Gegenwart von anderen weder zu Niesen noch zu Essen
      – Sich persönlich weiterentwickeln und zu lernen, dementsprechend darauf zu reagieren
      Sonnige Grüsse

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  3. Ich verstehe auch immer nicht, warum Leute im Zug fragen „isch da no frei“, obwohl der betreffende Sitzplatz doch ganz offensichtlich unbesetzt ist. Wenn ich ihn für jemanden reservieren wollte, würde ich eine Jacke drauflegen. Noch schlimmer: wenn ich mich auf einen offensichtlich freien Platz setze, ohne jemanden, der zufällig im selben Abteil sitzt, um Erlaubnis zu fragen, und dann noch dafür zurechtgewiesen werde: „hier fragt man, ob der Platz frei ist, bevor man sich setzt!“. (Hm. Da hat wohl jemand aus meinen dunklen Haaren auf einen Migrationshintergrund mit Integrationsschwierigkeiten geschlossen. Was Knigge wohl davon halten würde…)

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    1. Man nannte das seinerzeit „Höflichkeit“: Damals war es eine Respektsbezeugung auch unter „einfachen Menschen“ (und zwar ganz einfach im zwischenmenschlichen Umgang).

      Davon wissen Sie nichts? Wer soll es Ihnen verdenken? Wer wegen seiner dunklen Haare jederzeit an „rassistische Übergriffigkeit“ denkt, der hat sowieso jede Bodenhaftung verloren. Übrigens: Sie tragen schöne Schuhe.

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