Was Anständiges draus machen

Immer der Liebe nach: die Geschichte eines Samstagabends im Basler Nachtleben in drei Stationen, vom Café Johanniter über die Jägerhalle in den Irrsinn-Keller.

Stumme Zeugen eines langen Abends: Bartheke im «Irrsinn»-Keller. (Bild: Cedric Christopher Merkli)

Immer der Liebe nach: die Geschichte eines Samstagabends im Basler Nachtleben in drei Stationen, vom Café Johanniter über die Jägerhalle in den Irrsinn-Keller.

Knurrer faltet die Samstags­ausgabe der «Basellandschaftlichen ­Zeitung» zusammen, strafft den Schnauz, zieht die schlaffe graue Stoffjacke zu und steigt aus einem Abend aus, der nicht mehr seiner war. Knurrt: «Dann halt heimwärts.» Also raus, Erst­semestrige rein, sie kreuzen sich im Eingang zum Café Johanniter, das sich jedes Wochenende verdächtig füllt. Ein Spunten, wie es sie unverständlicherweise zu Dutzenden in ­Basel gibt, der aber über eine besondere Anziehungskraft verfügt.

Tischgespräch: «Bei mir ists auch grad schwierig, ein neues Mädchen ist eingezogen.»
«Gibts Stress?»
«Könnte sein.»
«Mach doch was Anständiges draus.»

Gegen zehn Uhr im «Johanniter», eine Nacht kommt in die Gänge, der leere Stammtisch bleibt nicht lange leer. Aziz tischt Bier im Tower auf, setzt ihn unter das Stilleben mit den verliebten Blumen. Erleichtert auch ihm die Arbeit, muss er nicht so viel servieren, und ausserdem ist das Servicemädchen krank.

Das Leben kann schwierig sein an der Pforte zur Erlenmatt.

Aziz ist Gabelstapler gefahren in der Chemie, dann wollte er nicht mehr und übernahm das «Johanniter». Die ersten Jahre erging es ihm schlecht. Dann kamen die Studenten, und die Studenten sagten zu Aziz: «Aziz, wenn du willst, dass noch mehr von uns kommen, senk die Preise.» Jetzt hat er die billigsten Preise, die Stange verkauft er für 3.50 Franken, den Mojito für 7, «aber schreib das nicht, denn weisst du, es ist nicht so ein echter Mojito».

Am Billiardtisch steht Samuel aus Ormalingen, der mal Zirkus gemacht hat und ans Lehrersemi will, vielleicht. Tim Cuénod kommt rein, um zu jassen. Der Juso-Politiker, der den Einzug in den Grossen Rat um 15 Stimmen verpasst hat und jetzt warten muss, bis einer abtritt. Jusos kämen gerne ins «Johanniter», sagt er, und Pfadis. Wegen der Authentizität und wegen der Preise.
Cuénod jasst bis zwei Uhr, unsere Zeit ist vorher schon gekommen, ­«Johanniter», bleib so, wie du bist.

Gestörte Totenruhe

Vor der «Jägerhalle», Securitas (I): «Und die haben mir 14 Monate reingewürgt.» Securitas (II): «Wem sagst du das.»

Die «Jägerhalle» war lange dafür ­bekannt, dass es hin und wieder aus unerklärlichen Gründen brannte. Brannte es gerade nicht, gab es dort Spaghetti à discretion für 12.50 Franken. Jetzt sind dort Bar und Club und an diesem Samstag Night Talk und Alphonse du Toit.

Ein solid gebauter Blonder fängt uns ab.
«Bist du von Night Talk?»
Handschlag. (Kennen wir uns?)
«Ja, genau vom Night Talk … Halt, nein, von der TagesWoche.»
«Ach so, TagesWoche find ich gut, ist so was, wie das, was Alain und ich hier machen. Klar läuft im Kleinbasel viel, aber hier hinten ist alles tot.»

Das Leben kann schwierig sein, gerade an der Pforte zur sanft entschlafenen Erlenmatt-Überbauung. Die ersten paar Abende fuhr die Polizei ein, sagt Valentin, Psychologe mit Master-Abschluss eigentlich, seit einer­ Weile jedoch das Basler Nacht­leben umgestaltend.

Valentin hat die Totenruhe gestört, jetzt regt es sich im Quartier – mit Lärmklagen aus allen Ecken. Also hat er 150 Briefe an die Anwohner verschickt und um Goodwill gebeten.

Ob die Sache für ihn gut ausgeht, wissen wohl nicht mal die Jungs von Night Talk, sollten sie noch auf­gekreuzt sein. Vielleicht gibts bald wieder ganz viel Pasta. Ein Bier rein, besser zwei, SMS lesen.

Nachricht von Willi: «Punkt 12: ravage fix (rawintoxicatedpunk), anschliessend fuxx n off crew. alles im loch.»

Wodka im Loch

Runter ins Loch, in den Keller der Irrsinn-Bar, bekannt für einen veritablen Wasserschaden und den Wodka, der hin und wieder aufs Haus geht.

Begegnung auf der Treppe. Innig, klein, ernsthaft, mit der Kappe ins Gesicht gezogen, das Mädchen kauert eine Stufe unter ihm. Klaps auf die Kappe, wird schon.

Willi steht hinter der Bar, das Geld verdient er als Gärtner, sein Herz aber steckt in der Subkultur. Vor ihm haben sich zwei Mädchen platziert, sie trinken still, rauchen Selbst­gedrehte. Die eine schaut dem Willi zu, die andere ihr.
Bargespräch: «Spät schon. Bleibst du noch? Weisst du, vielleicht mach ich was Anständiges draus.» 

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 01.02.13

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