Was bleibt, ist die Sehnsucht

Die Europameisterschaft hat das Sportjahr 2012 mitgeprägt. An was werden wir uns erinnern, wenn wir uns in zwei Jahren wieder vor dem Fernseher treffen? Und spielt das überhaupt eine Rolle?

Germany's Mats Hummels smiles as Joris Mathijsen of the Netherlands, right, and Rafael van der Vaart, second left, argue during the Euro 2012 soccer championship Group B match between the Netherlands and Germany in Kharkiv, Ukraine, Wednesday, June 13, 20 (Bild: Vadim Ghirda)

Endlich, ist man versucht zu sagen, haben wir die Europameisterschaft hinter uns gebracht. An was werden wir uns erinnern, wenn wir uns in zwei Jahren wieder vor dem Fernseher treffen? Und spielt das überhaupt eine Rolle?

Wahrscheinlich hätten wir es spätestens vor vier Jahren merken müssen, als die Uefa mit ihrem Markenprodukt zu Gast in der Schweiz und Österreich war. Aber die Nähe trübte unseren Blick, wir waren zu aufgeregt all der Möglichkeiten wegen, die eine Europameisterschaft in den eigenen Stadien versprach.

Dabei spielte es damals schon keine Rolle, welchen Hintergrund die Uefa mit ihrer glitzerndklebendenteuren «Euro»-Folie überzog. Die Uefa hat es in den letzten zwei Jahrzehnten geschafft, ihr Produkt derart zu konfektionieren, dass die Unterschiede zwischen den Turnieren verwischen. Ganz ehrlich: Was war polnisch, was war ukrainisch an dieser Europameisterschaft? Der Europop zur Eröffnung, die turnfestaesken Ringelspiele vor dem Finale, die singenden Nonnen. Aber sonst?

Was nicht passt, gibt es nicht

Es ist kein Zufall, dass Michel Platini in Kiew laut über die Idee nachgedacht hat, die Europameisterschaft in Zukunft in zwölf Stadien und zwölf Ländern zu veranstalten. Die Infrastruktur-Probleme (das war das ukrainischste an dieser Euro) würden wegfallen, das Bild des Turniers gleich bleiben. Wie perfekt kontrolliert dieses Bild geworden ist, zeigte uns der Final schauderhaft genau. 80 Prozent des Stadions waren von fussballfernen Sponsoren und Anverwandten besetzt, die Stimmung war entsprechend lau. Übermittelt wurden aber nur sorgfältig ausgewählte (und irgendwann aufgenommene) Bilder der buntbemaltesten Fans, die dann nach Belieben eingespielt werden konnten.

Der Handshake zwischen Buffon und Casillas nach dem Final wurde dem hundertsten Torero-Fan geopfert. Was stören könnte, was nicht ins Bild des «Fussballfests» passt – es wird ausgeblendet. Dass die Uefa dabei keine Mühe hat, die Realität ihren Ansprüchen anzupassen, zeigten die Episoden mit Jogi Löw und dem Ballbuben und jene mit der weinenden Deutschen, die beide zeitversetzt gesendet wurden – in einem völlig anderen Kontext.

Eigentlich abscheulich

Führt man sich diesen totalen Kontrollzwang einmal richtig vor Augen, dann müssten wir uns eigentlich eingestehen, die letzten vier Wochen einer abscheulichen Veranstaltung beigewohnt zu haben. Obwohl wir das wissen, obwohl wir das schon immer gewusst haben, werden wir uns in zwei Jahren zur WM in Brasilien wieder versammeln, und werden auch unsere Besorgnis über den neuen Modus und die erweiterte Teilnehmerzahl pünktlich zum Anpfiff der Euro in Frankreich 2016 überwunden haben.

Warum eigentlich? Warum kehren wir dem übernationalisierten, verkommerzialisierten Uefa-Fussball nicht endlich den Rücken und schauen nur noch den FCB? Weil wir hoffnungslos romantisch sind. Und weil wir die Sehnsucht nach etwas Grösserem noch nicht verloren haben.

Je konfektionierter die Turniere der Fussball-Grossorganisationen werden, desto mehr stechen die wirklich aussergewöhnlichen Dinge heraus. Die Pose von Balotelli. Der Penalty von Pirlo (überhaupt Pirlo. Er ist der letzte alte Fussballer). Die singenden Iren. Das Gesicht von Buffon bei der Nationalhymne. Die tausend Kinder der Spanier. Die Arroganz der Russen. Das Penalty-Überholmanöver von Nani. Die vier Schritte rückwärts und den einen zur Seite von Ronaldo. Der seine Pflegemutter küssende Balotelli (von Balotelli gäbe es noch ein paar Szenen mehr). Die wollene Mütze von Slaven Bilic. Der letzte Auftritt von Schewtschenko. Van Bommel und Robben an der Seitenlinie, ihre Körper der menschgewordene Jammer.

Wir alle zusammen

Wir erinnern uns an diese Szenen, weil wir sie gemeinsam gesehen haben. Denn das ist doch der wahre Grund, warum wir uns die Fussball-Ereignisse immer wieder antun. Weil wir es gemeinsam tun. In unserer überindividualisierten und arg vereinzelten Zeit fühlt es sich gut an, wieder einmal über die gleichen Dinge zu sprechen, sich zu streiten, leidenschaftlich, und doch das gleiche zu spüren. Das ist es, was bleibt, nach jeder Euro und jeder WM. Die Sehnsucht, Teil eines grösseren Ganzen zu sein. Und gemeinsam Aussergewöhnliches zu erleben.

Letztes aus dem Hinterhof
Sehr schön gemeinsam konnte man diese Europameisterschaft im Hinterhof verbringen. Thilo Mangold, der Kopf hinter dem «Fussballsommer 2012» zieht Bilanz:

Fussball für alle. Auch für solche die Schweden und die Ukraine selbst nach einem Tor von Ibrahimovic noch nicht unterscheiden können.
Fussball für viele. Ab Halbfinale war auch die Strasse vor dem Hinterhof von Schuttigaffern besetzt.
Fussball für Laute. Böller zünden, Schlager grölen, Jubel zelebrieren – im Hinterhof wurden die Italos Europameister.
Fussball in die Leisten. Mein Lieblingsclip.
Fussball mit Yves. Yves erklärte uns den Fussball auf seine Weise.
Fussball mit der Doppelspitze. Genau und humorvoll. Treffend weil fundiert. Fussball mit Spanien. Gratulation.
Fussball mit Sauce. Knoblauch im Atem, Lomito im Magen.
Fussball mit Mario. Nicht ein Spielzug, nicht ein Tor, nicht ein Penalty bildeten Inhalt vieler EM-Smalltalks, sondern Balotellis Halbfinaljubel.
Fussball mit Freunden. Plus Bier. Plus Schweiss. Gleich Fussballsommer. Eine schöne und einfache Gleichung.
Fussball ohne Schweizer Nationalmannschaft. Scheissegal. Bald spielt der FCB wieder.

 

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