Was sehen Sie: Vase oder Knarre?

Müde vom ganzen Überwachungsgedöns? Addie Wagenknecht katapultiert Sie im Haus der elektronischen Künste wieder mitten in den Wachzustand.

Kleiner Tipp: Sterben kann durch diese Dinger niemand. Auch keine Blumen.

(Bild: Hanneke Wetzer)

Müde vom ganzen Überwachungsgedöns? Addie Wagenknecht katapultiert Sie im Haus der elektronischen Künste wieder mitten in den Wachzustand.

Manchmal reicht ein einziger Satz: «As we look at our screens, they look at us», sagt Addie Wagenknecht 2014 in einem Interview mit «Art in America»

Es ging um eine Ausstellung in einer New Yorker Galerie, in der die Künstlerin und Hackerin Wagenknecht grosse Leiterplatten installiert hatte, die Daten aus nahe gelegenen Wlan-Netzen sogen und in blinkenden grünen Lichtern visualisierten.

Eine Mechanik so kompliziert, dass man seine ganze Aufmerksamkeit darauf verwenden musste, sie zu durchschauen und dann zu fertig für die grossen Fragen war. Das Interview ähnlich geekig: Wagenknecht im Gespräch mit einem versierten Digitale-Technologien-Journalist, es ging um trügerische Strategien von Facebook und Co., um Europa und Überwachung, um Metadaten und soziale Währungen. 

Aber dieser eine Satz blieb hängen: Wir schauen auf unsere Bildschirme und sie schauen zurück.

Was stellen digitale Technologien mit uns an? Wie verändern sie unsere Kultur, unsere Denkweisen, Haltungen? Fragen, die so penetrant herumschwirren, dass man ihrer müde geworden ist. Dann wird halt jeder meiner digitalen Fussabdrücke aufgezeichnet und in irgendeinem Datensilo in einer amerikanischen Wüste gebunkert, so what?

Die grosse Überwachungsparanoia ist vorbei, man hat sich damit abgefunden. Das ist beklagenswert, weil es die Unlust legitimiert, sich mit diesen dringlichen Themen auseinanderzusetzen. Also muss man den Spiess umdrehen und Wege finden, die Fragen so zu stellen, dass sie nicht als Fragen rüberkommen.

Nichtfragen über Nichtfragen

Wie «Wir schauen auf unsere Bildschirme und sie schauen zurück.» Hier wird gefragt: Wieso schauen wir? Was suchen wir? Wer schaut genau zurück? Ist es unser Bildschirm? Kann er wirklich schauen? Ist er vielleicht sowas wie ein kleines Lebewesen? Nein? Aber behandeln wir ihn nicht manchmal so? Und wenn es nicht der Bildschirm ist, wer ist es dann? Wer steckt dahinter?

Und schon rattern die Gedanken wieder.

Eine andere Möglichkeit ist eine Ausstellung (denn wer ist besser darin, Fragen als Nichtfragen zu tarnen und sich ins Bewusstsein reinzuschleichen als die Kunst?), bestenfalls mit den Erzeugern solcher Sätze. Wie das erfolgreich gemacht wird, zeigt zurzeit das Haus der elektronischen Künste (HeK) mit «Liminal Laws», einer Einzelausstellung mit der amerikanischen Künstlerin und Hackerin Addie Wagenknecht.



Die Künstlerin, die Drohnen für sich malen lässt: Addie Wagenknecht vor einem Drohnen-Action Painting.

Addie Wagenknecht vor einem Drohnen-Action Painting. (Bild: Hanneke Wetzer)

Der Titel, etwas sperrig mit «kaum wahrnehmbare Gesetzmässigkeiten» zu übersetzen, ist Programm. Die gelernte Informatikerin bewegt sich in Grenzzonen, zwischen Legalität und Piraterie, zwischen Kunst und Aktion: Sie holt sich ihre Skulpturen aus dem 3D-Drucker, ihre Bilder malen zu Pinseln umfunktionierte Drohnen. Gesteuert durch simple Flugsteuerungs-Kommandos wie «take off» oder «land» verteilen die kleinen Maschinen Farbpigmente auf Papier. Das sieht dann so aus:




«Die Drohne ist ein Symbol unserer Zeit», sagt Wagenknecht bei der Medienführung und erzählt von Kindern in Kriegsgebieten, die in ihren Träumen von der Gestalt dieses anonymen Objekts heimgesucht werden. «Drohnen werden zu einem Teil unserer Kultur – für die einen gefährliche, sichtbare Realität, für die anderen saubere Anonymität.»

Und plötzlich ist der Tarnumhang weg

Ein Ding also, das dafür gebaut wird, möglichst unsichtbar möglichst viel Schaden anzurichten. Schön und gut, denkt man da und droht wieder, in den Faulheitsmodus zu verfallen: Militärs sitzen in Kommandozentralen und steuern unbemannte Maschinen in die Konfliktherde der Welt. Schlimm, ja, aber mit mir hat das doch eher wenig zu tun.

Also greift Wagenknecht zu drastischen Massnahmen: Sie antwortet auf den Titel der Ausstellung und macht die Gesetzmässigkeiten sichtbar. Sie befreit das Ding von seinem Tarnumhang – und stellt es in seiner ganzen Grösse mitten in den Ausstellungsraum.



Bäm! Drohne im HeK.

Bäm! Drohne im HeK. (Bild: Lukas Zitzer)

Wir werden schlagartig mit der Objekthaftigkeit dieses Mythos Drohne konfrontiert, sie steht da und drängt sich auf. Ein Riesending, das man – im Wissen um seine schreckliche Funktion – sofort subjektifiziert und mit Attributen versieht: Gefährlich sieht sie aus, unheimlich. Aber auch geschmeidig und elegant. Unberechenbar. Wie Maleficent, die böse Fee aus Dornröschen. Die Assoziationen kommen sofort, und in ihnen liegt die Schlagkraft solcher Werke: Eine Mischung aus Identifikation und Abstossung. Ab da hat es dann eben doch wieder was mit uns zu tun.

So, genau so

Ähnlich verhält es sich mit den Skulpturen aus dem 3D-Drucker: Man kann sich Druckbögen für Waffen im Internet besorgen und sich zu Hause ein funktionstüchtiges AR-15-Sturmgewehr ausdrucken, bekannte Sache. Und irgendwie ganz schön weit weg. Aber was geschieht, wenn wir solche Dinge vor die Nase gesetzt bekommen? 

Hier geht Wagenknecht noch einen Schritt weiter: Sie stellt nicht die Waffen als Skulpturen aus, sondern verfremdet sie so weit, dass aus den tödlichen Instrumenten Dekorationsgegenstände werden. Man seufzt entzückt und erschrocken zugleich, vor so viel Schönheit und Entsetzen. So, denkt man, genau so soll Kunst wirken.

Ein Moment, der in der Ausstellung immer wieder vorkommt. Sei es bei der Videoarbeit, wo sich Wagenknecht mit Standard-Username und -Passwort – Admin/1234 – in rund 70’000 Überwachungskameras getippt hat und per Livestream deren Filmmaterial zeigt (in unserem Fall eine Aufnahme von acht frisch geborenen Welpen auf einem weissen Tisch, die wohl unter ärztlicher Überwachung standen).

Oder ganz am Ende der Ausstellung, wo Kuratorin Sabine Himmelsbach lachend einem manipulierten Staubsauger-Roboter hinterherrennt, der in einen anderen Raum ausgebüxt ist: «Jetzt hat er sich wieder aus dem Staub gemacht!» Als wäre er ein kleiner Junge, der abgehauen ist. Wir denken an Wagenknechts Bildschirm-Satz. Er hätte auch lauten können: Wir schauen auf den Staubsaugerroboter und schauen durch ihn auf uns zurück.

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«Addie Wagenknecht: Liminal Laws», 15. September bis 6. November, HeK (Haus der elektronischen Künste Basel), Freilager-Platz 9, Münchenstein.

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