Wenn die Lebensträume im King-Size-Bett versickern

Mit dem heiter-melancholischen Liederabend «King Size» verzaubern Christoph Marthaler und sein wunderbares kleines Ensemble das Publikum auf der Kleinen Bühne des Theater Basel.

«King Size»: Bendix Dethleffsen, Michael von der Heide und Tora Augestad (Bild: Simon Hallström/ICONIQ Studio G)

Mit dem heiter-melancholischen Liederabend «King Size» verzaubern Christoph Marthaler und sein wunderbares kleines Ensemble das Publikum auf der Kleinen Bühne des Theater Basel.

Willkommen in der ‚Suite türkise‘ des Romantikhotels Marthaler. Ein riesiges Bett – ein «King Size», wie der Titel des Abends besagt – beherrscht den samtig-plüschigen Raum mit seinem dicken blassblauen Spannteppich, der jegliche Schrittgeräusche verschluckt (Bühne: Duri Bischof). Die Bühne könnte das Dekor eines Verwechslungs-Schwanks sein. Das aber bekommt man nicht vorgesetzt, sondern einen Marthaler-Abend mit sehr viel Musik und vor allem herrlich verschrobenen Einfällen. Das zeigt sich bereits zu Beginn, wenn eine Tonbandstimme, untermalt von der weichgezeichneten Titelmelodie des ebenso weichgezeichneten Softpornofilmchens «Bilitis», das Publikum in fünf Sprachen dazu auffordert, die Mobiltelefone einzuschalten und es dazu ermutigt, Bonbons aus raschelnden Tüten auszupacken, sich zu räuspern und zu husten.

Das macht das Publikum dann aber keineswegs, denn rasch wird es von dem eingenommen, was auf dieser Bühne geschieht. In das Hotelzimmer treten ein Männlein (Michael von der Heide) und ein ihn um einen halben Kopf überragendes Weib (Tora Augestad), die sich im Laufe des 75-minütigen Abends, am Klavier und E-Piano begleitet von Bendix Dethleffsen, singend und im (oder auch mal unter dem) Bett liegend stufenweise vom Zimmermädchen- und boypaar zum grossen Gesangsduo im festlichen Smoking und Abendkleid emporspielt (Kostüme Sarah Schittek). Dieses Paar zeigt nun, dass es zwar hinreissend singen (und tanzen) kann, es aber nicht schafft, beisammen zu kommen, wie es im Kinderlied von den zwei Königskindern heisst.

«So lang‘ man Träume noch leben kann»

Das liegt zum einen am riesigen Bett, das zwischen Männlein und Weiblein stets eine grosse Lücke offenlässt. Aber auch am recht präsenten Geist der älteren Frau (Nikola Weisse), der sich auch noch im Zimmer befindet. Die Dame ist die verkörperte Desillusioniertheit, ein Mahnmal, das besagt, auch Ihr werdet so enden wie ich. Mit erfrorenem Gesichtsausdruck stellt sie einen Notenständer auf, um dann zu bemerken, dass dieser wohl noch nie Noten gesehen habe. Oder sie sinniert über das Leben, darüber, dass es wohl einen Sinn habe, wenn sie in ihrer Stube sitze und dies und das denke, aber nicht wisse welchen Sinn. Oder mit einem Rückenkratzstab Spaghetti aus ihrer Handtasche isst, wenn neben ihr mit wundervollen Stimmen «So lang‘ man Träume noch leben kann» gesungen wird.

Das sind diese herrlich abstrusen Momente, die diesen Marthaler-Abend so unverwechselbar und hinreissend machen. Und es ist das Personal, dem man ganz einfach sehr gerne zuschaut. Nikola Weisse begeistert mit ihrer umwerfend komischen Bühnenpräsenz, die ganz und gar ohne grosse Gesten oder Grimassen auskommt. Und mit Michael von der Heide und Tora Augestad ist ein Gesangsduo zu erleben, das nicht nur stimmlich zu überzeugen vermag, sondern sich auch mit einem hohen Masse an Selbstironie spielend durch die Musikgeschichte bewegt.

Von den The Kinks bis Alban Berg

Dazu kommen sie bei der von Bendix Dethleffsen ausgesprochen originell arrangierten und gespielten Musik, die eine enorme stilistische Bandbreite mit grosser Leichtigkeit zu verschmelzen vermag. Die Liste der Songwriter und Komponisten reicht von The Kinks und The Jackson Five über die Geschwister Schmid, Wagner, Mozart, Schumann, Beethoven und Michel Polnareff bis zu Alban Berg. Stets geht es um die grosse Liebe, um Lebensträume und den Schlaf oder das Schlafen.

«King Size – Eine enharmonische Verwechslung» erfreut durch seine heitere Melancholie, die an den richtigen Momenten durch komisch-abstruse Momente gebrochen wird. Es ist ein Marthalerabend der eher leichteren Art, der wie so oft bei diesem ungewöhnlichen Theatermann natürlich ebenfalls vom Scheitern handelt, aber auf die Momente der quälenden Langsamkeit oder der grossen Leere weitestgehend verzichtet. Es ist ein Liederabend fürs Gemüt, der aber dennoch einiges mehr ist als nur banales Abspulen von stimmigen Songs.

 

«King Size»
Eine enharmonische Verwechslung (UA)
Von Christoph Marthaler und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler, Musikalische Leitung: Bendix Dethleffsen, Bühne: Duri Bischof, Kostüme: Sarah Schittek, Dramaturgie: Malte Ubenauf
Mit: Tora Augestad, Michael von der Heide, Bendix Dethleffsen, Nikola Weisse
Theater Basel, Kleine Bühne
Die nächsten Vorstellungen: 8., 11., 21., 22., 25., 26. März und im April

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