Wenn Veganismus als Deckmantel für Essstörungen hinhalten muss

In Online-Foren für Magersüchtige wird Veganismus als Waffe gegen Kalorien angepriesen und als sichere Methode, um unangenehmen Fragen auszuweichen. Forscher fürchten ein gefährliches Zusammenspiel: Mutiert der Food-Trend zum Deckmäntelchen für  Essstörungen?

Veganismus wird gerne als ethisch vertretbare Lebenseinstellung angepriesen. Doch dahinter kann sich eine schwere Krankheit verbergen. 

Instagram und Youtube gehören zu den liebsten digitalen Tummelplätzen von Veganern. Die sozialen Medien sind randvoll mit Bildern von veganen Smoothie-Bowls, gepostet von wunderschönen Menschen – Hashtag healthy. Die rein pflanzliche Ernährung wird von vielen Influencern und Models fast missionarisch propagiert. Restriktives Essen zum Wohle von Tier, Umwelt und Mensch ist ein Kassenschlager.

Veganismus ist aber auch umstritten. Da ist die vieldiskutierte Gefahr einer Mangelernährung. Und ein dunkles Kapitel eröffnet sich, wenn man tiefer ins Netz taucht, bis zu den hinteren Ecken durchbricht. Dort offenbart der freundliche Food-Trend nämlich eine trügerische Fratze. Er verkommt zur Maske für eine lebensbedrohliche Erkrankung: Anorexia Nervosa. Im Volksmund wird diese Essstörung auch Anorexie oder Magersucht genannt.

Bestürzende Foren-Beiträge

«Zu Beginn wurde ich vegan, um dem ganzen Müll, den mir die Leute anbieten, aus dem Weg zu gehen. Und um Restaurants zu meiden. Ich tat es, um meine Essstörung zu verstecken. Und um Gewicht zu verlieren.» (23. September 2018)

Dieses Zitat, aus dem Englischen übersetzt, stammt wie die folgenden aus einem sogenannten Pro-Ana-Forum. Diese geben Einblick in eine bestürzende Welt. Meist junge Frauen diskutieren dort über ihre Anorexie. Und sie unterstützen sich gegenseitig. Nicht im Kampf gegen, sondern für die Krankheit. Sie dokumentieren die Kalorien ihrer Mahlzeiten, feuern sich zu tagelangem Fasten an, posten Fotos ihrer Körper oder geben Tipps, wie sich Magersucht vor Freunden und Familie verschleiern lässt.

«Ich sehe ständig diese dünnen, veganen Models auf Instagram und denke, ich sollte das auch versuchen.»

Beitrag in einem Pro-Ana-Forum

Nebst den Foren finden sich online zahlreiche Pro-Ana-Blogs. Darin huldigen Mädchen ihrer Magersucht, ihrer «Ana». Die Personifizierung lässt die Krankheit lebendig werden. Für die Betroffenen wandelt sie sich zu einer Freundin, Ana eben. Eine Freundin mit ganz klaren Vorstellungen. Auf vielen der Websites finden sich die «Gesetze» Anas. Ein Punkt, der immer wieder auftaucht, meist im selben Wortlaut:

«Werde Vegetarierin oder Veganerin. Dann kannst du evtl. dein eigenes Mittagessen kochen, natürlich fettarm.»

Das ist nicht so harmlos, wie es klingt. Der Veganismus, wie er sich hier zeigt, hat nichts mit Tierliebe, Ökologie oder Gesundheit am Hut. Es geht ums Hungern, und zwar so, dass möglichst niemand Fragen stellt. Angefeuert und legitimiert auf Pro-Ana-Foren und -Blogs. Und durch all die schönen, schlanken und veganen Menschen in den sozialen Medien.

«Ich bin so so durcheinander im Moment. Ein Teil von mir will eine ketogene, pflanzenbasierte Diät, und der andere Teil ist so: Komm, versuchs direkt mit einer veganen Vollwertkost. Ich sehe ständig diese dünnen, veganen Models auf Instagram und denke, ich sollte das auch versuchen.» (27. August 2018)

Die unheilige Allianz aus fleischlosem oder Tierprodukt-freiem Food-Trend und Essstörung findet sich nicht nur in den Foren. Auch die Fachwelt hat sich ihrer angenommen. Eine Studie aus dem Jahr 2012 von Forschern verschiedener US-Universitäten hat Zusammenhänge zwischen Vegetarismus und Essstörungen untersucht. Die Forscher befragten 93 Frauen, die unter einer Essstörung litten oder leiden, sowie 67 Frauen ohne solche Krankheitsgeschichte.

«Das Weglassen kalorienreicher Lebensmittel kann ganz einfach mit der Hipster-Ernährung kaschiert werden.»

Andreas Schnebel, therapeutischer Geschäftsführer Anad e.V.

Ihr Resultat: 52 Prozent der Erkrankten oder ehemals Erkrankten waren oder sind Vegetarierinnen. Bei der Gruppe ohne Essstörungen waren es lediglich zwölf Prozent. Zudem gaben über zwei Drittel der Frauen mit Krankheitsgeschichte an, dass ihre vegetarische Ernährung mit ihrer Essstörung zusammenhängt oder -hing und der Beginn der Krankheit mit der Ernährungsumstellung zusammenfiel.

Es seien kleine Fallzahlen, geben die Forscher zu. Dennoch decken sich ihre Erkenntnisse mit denjenigen vorhergehender Studien – der wenigen, die es gibt. Es ist ein kaum erforschtes Feld.

«Ich war zuerst Vegetarierin. Dann wurde ich vegan, um meine Auswahl an Essen noch stärker einzuschränken.» (29. August 2018)

In Bayerns grösster Therapieeinrichtung für Essstörungen Anad e.V. zog man vor einem Jahr einen Schlussstrich: Eine rein pflanzenbasierte, also vegane Kost ist den Patienten seither nicht mehr erlaubt. Der therapeutische Geschäftsführer Andreas Schnebel findet im Interview mit «HuffPost Deutschland» klare Worte: «Das zwanghafte Weglassen zahlreicher kalorienreicher Lebensmittel kann in der Öffentlichkeit ganz einfach mit der Hipster-Ernährung kaschiert werden. Wieder frei, flexibel, angstfrei und spontan essen zu können, das sind die Top-Themen in der Ernährungstherapie bei Anad. Unser Behandlungsansatz ist daher strikt Anti-Diät.»

Wenige Studien mit wenigen Fällen: Die Zusammenhänge zwischen pflanzenbasierter Kost und Anorexie liegen noch weitgehend im Verborgenen.

Viele Veganer werden an dieser Stelle wohl protestieren, dass Veganismus weder «Hipster-Ernährung» noch Diät sei, sondern eine ethisch vertretbare Lebenseinstellung. Das ist nicht falsch. Nur: Wie will man wissen, ob jemand auf ein Stück Käse verzichtet, weil die Milch von Kühen stammt, oder ob er es nicht isst, weil der Käse so viele Kalorien enthält?

«Ich bin seit einiger Zeit Vegetarierin und werde nun vegan, weil ich mehr für die Tiere tun will. Die Tiere sind ein Grund. Ich sage allen, es sei der einzige Grund. Ich sage es auch mir selber. Aber tief in mir drin weiss ich, dass ich es mache, weil ich die Kontrolle will. Ich will es möglichst vermeiden zu essen. Es fühlt sich so verdammt komisch an, das zu schreiben. Aber es ist die Wahrheit. Vielleicht klingt es egoistisch.» (26. August 2018)

Das Bundesamt für Gesundheit hat 2012 eine erste Studie zur Verbreitung von Essstörungen in der Schweiz veröffentlicht. Laut dem Bericht sind 3,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung an Anorexie, Bulimie oder einer Binge-Eating-Störung erkrankt. Der europäische Schnitt liegt einen Prozentpunkt tiefer. Die Forscher hinter der Studie gehen von einem steigenden Trend aus.

https://tageswoche.ch/allgemein/anorexie-und-veganismus-haben-gemeinsamkeiten/

Dann wäre da noch die Orthorexia Nervosa – die Phobie vor «ungesunden» Lebensmitteln. Die Krankheit ist offiziell nicht anerkannt. Auftrieb erhielt sie seit den 2000er-Jahren durch jüngere, sehr restriktive Ernährungsformen wie etwa die Steinzeit-Diät (Paleo-Diät). Oder eben den Veganismus. Orthorexie gilt als auffälliges Essverhalten – und als erster Schritt in eine handfeste Essstörung.

Wenn vegane Kost heilt

Kann also Veganismus Menschen in eine Magersucht treiben? Die Basler Psychologin und Psychotherapeutin Claudia Gramespacher bestreitet im Interview mit der TagesWoche einen Kausalzusammenhang. Allerdings gebe es sehr wohl Gemeinsamkeiten zwischen Veganismus und Anorexie. Aber der Fall sei nicht schwarz und weiss, es handle sich um Grautöne. Die vegane Ernährung müsse nicht verteufelt werden.

Auf Youtube wird der Veganismus gerne als heilende Hand dargestellt. In unzähligen Videos berichten junge Menschen davon, wie sie mit einer pflanzlichen Ernährung aus ihrer Essstörung fanden. Wie sie der Veganismus aus ihrer krankhaften Furcht vor der Gewichtszunahme schälte, ihnen den Kontrollzwang abnahm, sie gesunden liess.

Es sind schöne Geschichten. Ob sie auch wahr sind?

«Ich denke, Veganismus würde mir nach meiner Genesung helfen. Weil ich immer noch mein Essen kontrollieren könnte und gleichzeitig «genesen» wäre. Aber ob es wirklich eine Genesung ist, wenn du dein Essen kontrollierst? Keine Ahnung.» (28. September 2018)

Was ist sie nun, die Wahrheit? Ist der Veganismus nun Eingangstor in, Deckmantel für oder Ausweg aus einer Essstörung?

Die Frage ist wohl falsch gestellt. Wir sollten uns lieber selber fragen: Wieso esse ich, was ich esse? Und wieso esse ich gewisse Dinge nicht? Esse ich zu viel? Oder zu wenig?

Seien Sie ehrlich zu sich selber. Es könnte Ihnen das Leben retten.

Konversation

  1. wie reaktionär, auf den Veganismus einzuprügeln, aber man wird damit sein eigenes schlechtes Gewissen los, und gleichzeitig heimst man den Applaus von allen ein, die schon immer vom Veganismus verunsichert waren.

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  2. So, und jetzt bitte noch eine Artikel über die Essstörungen von Fleischesserinnen und Milchverzehrerinnen, die bekanntlich überdurchschnittlich oft an Übergewicht leiden…

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  3. Natürlich kann ich die Überlegungen verstehen, die die Autorin des Textes anstellt. Essstörungen sind ein Thema, welches wir besonders auch in Zeiten von Insta-Influencer*innen im Auge behalten sollten.

    Dass es offenbar eine gewisse Korrelation zwischen Veganismus und Essstörungen geben mag, scheint mir einleuchtend.

    Nur muss man einfach im Kopf behalten, dass nicht der Veganismus diese Essstörungen hervorgebracht hat, sondern dass sich diese Menschen diese Ernährungsform – wie im Titel geschrieben wird – als Deckmantel ausgewählt haben (so wie sich übrigens zahlreiche Männer mit Essstörungen in proteinreiche, fleischlastige Diäten stürzen, um dann im Fitnessstudio angeblich mehr Muskeln generieren zu können).

    Das bedeutet jedoch auch, dass eine vegane Ernährung nicht einfach dafür verantwortlich gemacht werden kann; denn letztendlich handelt es sich dabei um eine Lebenseinstellung, um möglichst wenig tierliches Leid zu verursachen und dabei noch unsere Umwelt und unser Klima zu schonen.

    Auf die Anzahl aufgenommener Kalorien sagt das grundsätzlich noch nichts aus. So kann man als Veganer*in immer noch leidenschaftlich schlemmen und über die Stränge schlagen. Ungesund ernähren geht natürlich ebenso.

    Was ich jedoch diesbezüglich wichtig finde, ist, dass wir jetzt nicht einen Aufschrei erleben und jede junge Person, welche sich für den (sinnvollen) Weg einer pflanzenbasierten Ernährung entscheidet, gleich als potenzielles Opfer einer Essstörung stigmatisieren, sondern dass wir insgesamt eine bessere Sensibilität dafür entwickeln, wann eine Essstörung anfängt (eben auch hinsichtlich exzessivem, männlichen Fitnessstudio-Verhalten) und dass wir mit den entsprechenden Menschen empathisch in Kontakt treten und mit ihnen Lösungen suchen.

    Es wäre gut, wenn wir in der veganen Community (mich eingeschlossen) ein grösseres Verantwortungsbewusstsein bezüglich Essstörungen entwickeln würden, so dass wir nicht nur diese Menschen vor (gesundheitlichem) Schaden bewahren können, sondern auch der Ruf unserer sozialen und ökologischen Bewegung.

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  4. Danke, Tageswoche!

    So wird Journalismus wieder „griffig“ – ohne Angst an den Tabus rütteln, die sich im Umfeld der eigenen Leserschaft gebildet haben.

    Nicht mit dem Finger auf die „anderen“ zeigen und sich damit wohlfühlen, sondern die „eigenen“ kritisch hinterfragen.

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  5. Vor den meisten Krankheiten wird irgendwie gewarnt, bei den Esstörungen findet man in jeder schon mittelmässigen Buchhandlung ausgiebig Literatur zwecks Anleitung dazu, immer wieder was Neues.
    Die Modewerbung benutzt immer noch viele dieser Hungerhäkchen für ihre Kleider und impliziert bei den Frauen, dass dünn auch noch schön sein soll. Die Barbie-Puppe an sich ist ja schon eine anorektische Verführung und sollte eigentlich langsam an ihrer Hungerkrankheit selber sterben.
    Wenn man andere Stoffe oder Probleme derart propagieren würde (so sauft euch doch mal hübsch und schön!), bekäme man bald mit den Gesetzen Probleme, nur hier nicht!

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