Wie Gaskraftwerke das Klima schützen

Gaskraftwerke produzieren neben Strom auch CO2 und tragen damit zum Klimawandel bei. Doch Gaskraft, verknüpft mit einer klugen Energiepolitik, kann den CO2-Ausstoss auch vermindern. Beides hängt von einer Vielzahl von Unbekannten ab.

An Stelle des thermischen Kraftwerks in Chavalon (Wallis) soll ein Gaskraftwerk entstehen. (Bild: Keystone)

Gaskraftwerke produzieren neben Strom auch CO2 und tragen damit zum Klimawandel bei. Doch Gaskraft, verknüpft mit einer klugen Energiepolitik, kann den CO2-Ausstoss auch vermindern. Beides hängt von einer Vielzahl von Unbekannten ab.

Seit Sonntagszeitungen enthüllten, Bundesrätin Doris Leuthard plane den Bau von inländischen Gaskraftwerken, läuft die energie- und klimapolitische Debatte heiss. Das sei «klimapolitisch unverantwortlich», kritisiert die Cleantech-Lobby und fordert eine stärkere Förderung der erneuerbaren Energie. So habe man das mit dem Atomausstieg nicht gemeint, tönt es bei BDP und CVP. «Wirtschaftlich unrentabel», konstatiert die Stromlobby, die weiterhin an ihren Gesuchen für drei neue AKW festhält. Und der «Tages-Anzeiger» betitelte die «Pläne der Energieministerin» gar mit den Worten «Skandalöser Vorschlag».
 
Doch dem schnellen Pingpong fehlt der Ball. Denn bis heute weiss niemand, was Leuthard dem Bundesrat genau vorschlagen wird. Allein schon die Zahl der Gaskraftwerke, die Leuthard bis 2050 – also für die nächsten 38 Jahre – angeblich plant, schwankt zwischen vier und sieben. Unbekannt ist deren Grösse. Und ebenso unbekannt ist das Konzept, das dem Einsatz dieser fossilen Kraftwerke zu Grund liegt. Letzteres aber ist entscheidend. Das lässt sich mit folgenden Extrem-Szenarien erläutern:

Direkter Ersatz für Atomkraftwerke

Heute laufen in der Schweiz fünf AKW. Zusammen verfügen sie über eine Leistung von 3200 Megawatt und produzieren während knapp 8000 Jahresstunden rund 25 Milliarden Kilowattstunden Strom. Wollte man diese Atomkraft direkt mit Gaskraft ersetzen, brauchte es acht grosse Gaskombi-Kraftwerke mit je 400 Megawatt Leistung. Diese müssten (mit Ausnahme von einem Monat Revision) ebenfalls rund um die Uhr auf Volllast Strom produzieren. In der Fachsprache heisst das «Grundlast-Betrieb».

Acht Gaskraftwerke mit je 400 Megawatt Leistung erzeugen im Grundlastbetrieb neben Strom jährlich auch neun Millionen Tonnen CO2. Zum Vergleich: Haushalte, Wirtschaft und Verkehr in der Schweiz pufften 2010 Treibhausgase im Umfang von 54 Millionen Tonnen CO2-Equivalent in die Atmosphäre (siehe auch Bericht auf Seite …); davon entfielen 45 Millionen Tonnen auf CO2 allein. Das heisst: Der direkte Ersatz der Atom- durch Gaskraft würde den Ausstoss von Treibhausgasen in der Schweiz um einen Sechstel (16,6 %) erhöhen. Das wäre klimapolitisch tatsächlich fragwürdig.

Gaskraft als Teil der Energiewende

Denkbar ist aber auch ein ganz anderes Szenario. Demnach könnten neue Gaskraftwerke Teil eines Konzeptes sein, welches die Schweizer Energieversorgung insgesamt wandelt. das Energiesparen sowie die vermehrte Nutzung erneuerbarer Energie flankiert und damit unter dem Strich den CO2-Ausstoss vermindert. Dazu das zweite Beispiel:
 
Der Bundesrat beschliesst eine ökologische Steuerreform. Damit wird die Energie langfristig voraussehbar verteuert. Das beschleunigt energetische Gebäudesanierungen, macht Solarkollektoren zur Erwärmung des Boilerwassers rentabel und erhöht die Energieeffizienz auch im Verkehr. Als Folge davon wird der fossile Energieverbrauch und mithin der CO2-Ausstoss bis 2050 halbiert. Der Stromverbrauch hingegen nimmt trotz Sparmassnahmen weiter zu, sagen wir um 20 Prozent bis 2050. Grund: Fossile Energie wird nicht nur gespart, sondern zum Teil auch durch Elektrizität ersetzt, sei es durch den Umstieg vom ineffizienten Auto aufs effiziente Elektrobike oder durch mehr Wärmepumpen.

Die Öko-Steuerreform fördert automatisch auch die Rentabilität und damit den Zubau von Photovoltaik-Anlagen. Damit kann Solarstrom bis 2050 die Hälfte des wegfallenden Atomstroms plus die Hälfte des zusätzlichen Stromverbrauchs decken. Doch nachts produzieren Solaranlagen keinen und im Winter weniger Strom als im Sommer. Solche Schwankungen lassen sich ausgleichen, unter anderem mit Gaskraft. Gehen wir nochmals von acht Gaskombi mit je 400 Megawatt Leistung aus. Doch statt auf Grundlast während 8000 Stunden laufen diese Gaskraftwerke nur als Reservewerke  während 2000 (Spitzenlast) bis 4000 Stunden (Mittellast) pro Jahr und produzieren statt neun jährlich nur etwa vier Millionen Tonnen CO2. In diesem Szenario erleichtern Gaskraftwerke  eine Energiewende, die unter dem Strich den CO2-Ausstoss reduziert.

Die Wirklichkeit ist anders

Beide gezeigten Beispiele werden – wie alle Szenarien – nie Wirklichkeit. Denn wie sich die Energieversorgung bis 2050 entwickelt, hängt weniger von Perspektiven des heutigen Bundesrates ab als von äusseren Einflüssen. Dazu gehört etwa der grenzüberschreitende Strommarkt (sofern das Schweizer Volk einer weiteren Marktöffnung zustimmt). Oder das Angebot an Erdgas. Unter den aktuellen Marktverhältnissen und bei konsequenter Umsetzung des CO2-Gesetzes lässt sich heute kein einziges Gaskraftwerk in der Schweiz rentabel betreiben. Naheliegender sind darum vermehrte Stromimporte. Doch diese Verhältnisse können sich bis 2050 noch mehrmals ändern. Das relativiert jede Energiestrategie, welche die Energieministerin plant, und über die der Bundesrat heute Mittwoch – vielleicht – beraten wird.

Konversation

  1. Herr Guggenbühl zeigt uns anschaulich auf, dass es durchaus denkbar wäre, intelligente und ökologisch verträgliche Energiekonzepte zu entwickeln.
    Allerdings wird dies wirksam verhindert, weil die so genannte Energiepolitik nur das Kräftespiel der betroffenen Lobbys abbildet. Daher ist sie rein ökonomisch bestimmt – frei von Konzepten und jeder Vernunft.
    Ich teile den Pessimismus: Die Schweiz ist keine Insel, allzu viele Abhängigkeiten verhindern langfristige Konzepte zum Wohl der Gemeinschaft.
    Nur eine massive Energiesteuer könnte dazu führen, dass die technisch mögliche Energieersparnis von 20-30% endlich durchgesetzt würde. Dass eine solche Ersparnis rentabel, sogar rentabler als die meisten alternativen Quellen ist, wurde schon vor mehr als 20 Jahren nachgewiesen.

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