Wieder Giftmüllskandal in Hagenthal

Nachdem bereits 2007 auf offener Wiese Giftmüll entdeckt worden war, offenbart sich erneut ein skandalöser Umgang mit Chemieabfällen in Hagenthal-le-Bas. Unweit der Schweizer Grenze lagert seit über dreissig Jahren hochgiftiges HCH mitten auf einem Feldweg.

HCH-Fund in Hagenthal: Ein Mitarbeiter von Altlastenspezialist Martin Forter bei der Probenentnahme.

Nachdem bereits 2007 auf offener Wiese Giftmüll entdeckt worden war, offenbart sich erneut ein skandalöser Umgang mit Chemieabfällen in Hagenthal-le-Bas. Unweit der Schweizer Grenze lagert seit über dreissig Jahren hochgiftiges HCH mitten auf einem Feldweg.

Die Landschaft oberhalb des Klepferhofs ist liebliches Sundgau. Eine Herde junger Pferde jagt hin und her. Plötzlich richten die Rösser die Ohren auf und stehen still. Sie schauen verdutzt: Warum laufen die Typen da unten durchs nasse Gras und nicht auf dem Weg? «Da liegt überall Dreck, den habt ihr dann an den Schuhen», warnt Martin Forter. Er meint nicht die Wiese. Er meint den Weg.

Der Basler Altlastenexperte schlägt Alarm. Auf dem Feldweg liegen helle, fast weisse, Betonklumpen. Forter hat die Steine analysieren lassen: 25 Prozent Beton, 75 Prozent Gift. Hexachlorcyclohexan, kurz HCH. Ein Abfallprodukt des Insektenvernichtungsmittel Lindans, das heute verboten ist, aber bis 1976 in riesigen Mengen von der Fabrik Ugine-Kuhlmann in Huningue produziert worden war.

Giftiger Kies in der Grube

HCH kann beim Menschen Allergien auslösen, Schäden am Zentralnervensystem hervorrufen oder zu Fehl- oder Frühgeburten führen. Hochgiftiger Chemiemüll, der bei Hagenthal-le-Bas, ein paar hundert Meter von der Schweizer Grenze entfernt, in grossen Konzentrationen unter freiem Himmel herumliegt. Neben dem Weg liegt der Giftkies in einer von Brombeersträuchern überwucherten Grube.

Er liegt da seit über dreissig Jahren. Gekümmert hat es nie jemanden. Forter geht der Sache nach, seit er anfangs Jahr einen Tipp bekommen hat. 1972 schrieb der Maire von Hagenthal den Pariser Behörden einen Brief, in dem er auf den Missstand hinwies. Eine Antwort ist ausgeblieben. Auch dem Baselbieter Amt für Umweltschutz und Energie ist die Situation bekannt. 2005 nahm es im Gebiet Proben. Gehandelt hat es nie.

Die Schweiz ist von der HCH-Katastrophe am Rande betroffen. Der Regen wäscht das Gift aus dem Gestein, schwemmt es tiefer in den Boden, wo es irgendwann in der Talsohle wieder austritt und vom Lörzbach der Schweizer Grenze entlang und durch eine Reihe von Karpfenweiher getragen wird. Die Wurzeln der Weiden saugen es auf, die Fische nehmen es zu sich. Es sammelt sich im Fettgewebe an, erst beim Fisch, dann beim Menschen, wenn er den Fisch verspeist. Dort, sagt Forter, «reichert es sich an». Mehr und mehr, Jahr für Jahr.

Unklare Zuständigkeiten

Das sich nie jemand bemüht hat, das HCH zu entfernen, liegt auch an der Verflechtung zwischen Hagenthal und Schönenbuch. «Seit jeher haben wir Elsässer Boden bewirtschaftet. Wir unterhalten selbst die Feldwege. Frankreich kümmert sich nicht um das Grenzgebiet», sagt der Schönenbucher Gemeindepräsident Markus Oser. Die Zuständigkeiten sind unklar, Strassburg ist weit weg, Paris ein anderer Kosmos und die Baselbieter wollen sich nicht mit noch mehr Giftmüll auseinandersetzen. So macht es zumindest den Anschein. «Wir haben immer wieder nachgefragt beim Kanton, aber es ist keine Antwort gekommen. Also gehe ich davon aus, dass es kein Problem gibt», sagt Oser. Er ist überzeugt: «Eine Gefährdung der Bevölkerung liegt nicht vor.»

Adrian Auckenthaler, Leiter Ressort Gewässer und Altlasten im Amt für Umweltschutz, bestätigt, 2005 nichts gefunden zu haben: «Es waren nur Spuren feststellbar.» Deshalb sei auf weitere Schritte verzichtet worden. Im Grundwasser, und das sei zentral, «konnte gar kein HCH festgestellt werden». Jetzt würden Forters Resultate ausgewertet und dann allenfalls weitere Proben genommen, sagt Auckenthaler. «In der Pflicht sind aber die französischen Behörden.»

Fische belastet

Wie ernst die Lage ist, lässt sich nur schwer beurteilen. Forters Proben haben eine Konzentration von 60 Nanogramm HCH pro Liter Bachwasser ergeben. Der Grenzwert liegt bei 20 Nanogramm. Auch in einem toten Fisch aus dem dritten Weiher wurden Rückstände entdeckt, allerdings unter dem zulässigen Grenzwert. Forter glaubt, dass die Fische im ersten Weiher deutlich stärker belastet sind, doch «zeigen kann das nur eine umfassende Untersuchung». Forter fordert, den Fischfang und die Nutzung des Bachs als Viehtränke solange zu verbieten, bis der Beton und der Giftkies entsorgt sind.

Zuständig dafür ist der französische Staat. Der Industriekonzern Pechiney Ugine Kuhlmann ist 1981 in wirtschaftliche Not geraten und verstaatlicht worden. Heute gehört die Firma dem Bergbau-Riesen Rio Tinto. Rechtlich verpflichtet die Altasten zu beseitigen ist Rio Tinto nicht, doch für Forter liegt eine «moralische Verantwortung» vor.

Zumal Ugine Kuhlmann mit HCH zumindest fahrlässig umgegangen ist. Bis anfangs der 1970er-Jahre wurde HCH unter freiem Himmel in grossen Haufen gelagert. Der Wind trug das Gift bis in die Schweiz, wo zeitweise ein Still- und Melkverbot verhängt wurde. «Spiegel» und «Stern» berichteten über den HCH-Skandal.

Toxischer Kies in Schönenbuch

Später liess Ugine Kuhlmann giftigen Kies vom Gelände entfernen und in Hagenthal und Umgebung ausstreuen. Auch in Schönenbuch wurde ein Weg damit bestreut, doch wegen des Gestanks, den der Kies absonderte, nicht für lange. Ob noch Rückstände vorhanden sind, ist unklar. Gemeindepräsident Oser sagt: «Gewissheit gibt es nicht.» Auf dem Feldweg in Hagenthal, wo heute die toxischen Klumpen liegen, hätten laut Forter Arbeiter getestet, ob sich HCH mit Beton verbinden und so einfach verbauen lässt.

Kontaminiert sollen noch weitere Orte in Klepferhof sein, darunter einer mit dem vielsagenden Namen «Rosshimmel».  

Konversation

  1. «Eine Gefährdung der Bevölkerung liegt nicht vor.» Ein Satz, den Behörden fast mantra-artig immer wiederholen, sobald irgendwo ein Schadstoff entweicht oder herumliegt. Wird er dadurch wahrer? Wohl kaum. Aber er beruhigt ungemein. Vor allem kann man weiter die Hände in den Schoss legen und nichts tun. Und in Ruhe den Schwarzen Peter weiterschieben, bis wieder Gras über die Sache gewachsen ist.

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