Zwischennutzer auf dem Abstellgleis

Der Kanton hatte grosse Pläne im Basler Hafen: Kreative Projekte sollten das Klybeckquai beleben. Nun macht sich Ernüchterung breit. Ein verhinderter Zwischennutzer spricht gar von falschen Versprechungen.

«Perron 4» wird wohl nie mehr sein als eine gute Idee, hübsch visualisiert auf einer Kunststoffplatte. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Der Kanton hatte grosse Pläne im Basler Hafen: Kreative Projekte sollten das Klybeckquai beleben. Nun macht sich Ernüchterung breit. Ein verhinderter Zwischennutzer spricht gar von falschen Versprechungen.

So hätte sich Grossstadt­stimmung angefühlt: eine laue Sommernacht, ein kühles Getränk in Hafenatmosphäre. Dazu Livemusik auf einer kleinen Bühne.

An einem alles andere als lauen Morgen zeigt uns Tom (eigentlich Thomas) Brunner den Ort, wo er und zwei andere Kulturveranstalter «Perron 4» bauen wollten. «Wollten», weil nun alles anders kommt als erhofft, weil der Standort nun doch nicht zur Verfügung steht, weil es sich die Eigen­tümerin des Geländes, die Schweizerischen Rheinhäfen (SRH), anders überlegt hat.

«Perron 4», das wäre eine Radiostation geworden, eine Bar auch und eine Bühne. Alles zusammen kompakt in einen Turm gepackt und auf Zug­rädern befestigt (siehe Projekt­visua­lisierung). Ein ambitioniertes Projekt, technisch komplex und aufwendig im Betrieb. Aber Brunner hat einschlägige Erfahrung, er ist Toningenieur, Radiomacher, DJ und Kulturveranstalter (livingroom.fm, Stadtmusik-Festival, «Ladybar»).

Ambitionen gab es auch aufseiten des Kantons und der SRH. Mit einer Ausschreibung im Dezember 2011 sollten kreative Zwischennutzer mit schönen Ideen gefunden werden. Der Plan: Dank spannenden Projekten wird die Uferstrasse belebt, aufgewertet und für die langfristigeren Ziele («Rheinhattan») vorbereitet.

Zwischennutzer wurden schon mehrfach vertröstet

Eine hochdotierte Jury bestimmte im März 2012 aus den rund 60 eingegangenen Vorschlägen die acht Siegerprojekte. Schon im Frühjahr 2012 sollten die «neuen Freiräume» der Öffentlichkeit übergeben werden. Doch es kam anders, es gab Verzögerungen wegen des Rückbaus der riesen Migrol-Tanklager. Die Sieger wurden vertröstet, im 2013 würde es bestimmt klappen, hiess es.

Inzwischen hat die Novartis gegen ein Baubegehren Einspruch erhoben, welches endlich die Voraussetzungen für die weiteren Zwischennutzer hätte schaffen sollen. Damit blockiert der Pharmakonzern die Projekte. Auch dieses Jahr kann also die Zwischennutzung im Hafen nicht ausgebaut werden. Die Einsprache verhindert konkret die vier Projekte, die auf der Promenade entlang des Rheinufers angesiedelt worden wären. Wobei «Perron 4» neben der Novartis-Einsprache noch mit weiteren Widrigkeiten zu kämpfen hat.

Tom Brunner schreitet die Gleise ab. Er war schon oft hier, hat Mes­sungen gemacht, Pläne geschmiedet, ­Ideen gehabt und Ideen verworfen. Und dann immer wieder dieser Prellbock, ein Ungetüm aus Stahl und halb verwittertem Holz. «Der ist eigentlich schuld an allem», sagt Brunner. Frustriert ist er nicht mehr sosehr, aber das alles ärgert ihn immer noch gewaltig.

Zwei Schienenstränge ziehen sich vom Eingang des Geländes bis ungefähr zur Mitte des Migrol-Areals. In der Projektausschreibung stand, dass auch Standorte auf den Gleisen für Zwischennutzungen infrage kämen. Eine Karte mit dem Titel «Flächen­angebot» zeigt sogar genau dort einen roten Kreis, wo sich «Perron 4» einrichten wollte. Gemäss Legende ein «möglicher Anschlusspunkt» für Elektrizität und Wasser. «Irgendwann sagten uns die Vertreter der SRH, dass einer der beiden Schienenstränge nun doch weiter gebraucht werde», sagt Brunner. Auf dem wasserseitigen Gleis will die SRH lange Güterzüge abstellen, von 5 Uhr morgens bis 19 Uhr abends.

Kostspielige Vorbereitungen getroffen

Das Problem: Diese Information erfolgte nach einem von allen Zwischennutzern als verbindliche Zusage aufgefassten Schreiben vom 29. März 2012. Absender war das Auswahl­gremium, der Brief schliesst mit folgenden Worten: «Die Vertragsverhandlungen und Projektierung ist [sic!] sofort einzuleiten.»

Brunner und seine Kumpane trieben danach ihr Projekt mit aller Kraft voran. Sie liessen von einem Architekten Pläne zeichnen. Ein Ingenieur musste statische Berechnungen durchführen. Ein Lärmgutachten wurde erstellt, ein Warenlift und die fahrbaren Untersätze für die Bauten wurden angeschafft. Alles in allem habe «Perron 4» bis jetzt rund 35’000 Franken gekostet, sagt Brunner. Viel Geld für etwas, das wohl nur eine gute Idee bleiben wird. Dazu kommt, dass Brunner auch das diesjährige Stadtmusik-Festival im Innenhof des Kunstmuseum ausfallen liess, da er sich vollständig auf «Perron 4» konzentrieren wollte.

Die SRH dagegen erklärt, dass man das besagte Schreiben von Ende März 2012 nicht als verbindliche Zusage verstanden habe. «In diesem Schreiben vonseiten Kanton und SRH wurde lediglich kommuniziert, welche Projekte vom Auswahlgremium zur Vertiefung vorgeschlagen werden», sagt Nina Hochstrasser, Mediensprecherin der SRH. Den Projekt-Initianten sei mitgeteilt worden, welche Projekte an welchen Standorten noch hinsichtlich ihrer Machbarkeit untersucht werden müssten.

Keine Rückerstattung für die verhinderten Zwischennutzer

Ein sehr teures Missverständnis also. Wird die SRH den «Perron 4»-Leuten die Ausgaben zurück­erstatten? «Nein», sagt Hochstrasser. Allerdings sei auch noch keine solche Anfrage bei der SRH eingegangen.

Bleibt noch der Widerspruch der Gleisnutzung. Weshalb wurde eine Fläche zur Zwischennutzung ausgeschrieben, welche offensichtlich dafür gar nicht zur Verfügung steht? Hochstrasser relativiert auch diesen Vorwurf: «Die Gründe für die Nicht-Realisierbarkeit von ‹Perron 4› gelten nicht grundsätzlich für jede Art von Zwischennutzung an dieser Stelle.»

«Perron 4» wäre zu breit und hätte, obwohl nicht auf dem wasserseitigen Gleis stehend, den abgestellten Wagenkompositionen nicht genügend Platz gelassen. «Lichtraumprofil» nennt sich das. Dieses schreibt vor, wie gross der Abstand seitlich und oberhalb eines Zugwagens sein muss. Und ebendieser Abstand konnte neben dem «Perron 4»-Turm nicht eingehalten werden.

Gleis nicht zwingend benötigt

Allerdings gibt es alternative Standorte für die langen Zugkompositionen, wie Hochstrasser Recherchen der TagesWoche bestätigt. Zudem räumt die SRH-Sprecherin ein, dass die Gleise im ganzen Jahr 2012 wegen des Rückbaus der Migrol-Tanklager nicht verwendet wurden. Die SRH konnte folglich ein ganzes Jahr auf diese Gleise verzichten – ein Hinweis dafür, wie wenig die SRH wirklich auf diese Gleise angewiesen ist.

Warum wird dennoch an den Gleisen festgehalten? «Aus betrieblichen Gründen wollen wir keine Infrastrukturen leichtfertig aufgeben», sagt Hochstrasser. Ausserdem sei dieses Abstellgleis das längste auf dem ganzen Areal.

Es ist aber auch Geld im Spiel. Für den Betrieb der Gleise erhalten die SRH Bundessubventionen, denn dieser ­stehe im Zusammenhang mit der «rollenden Landstrasse», einer verkehrspolitischen Massnahme zur Reduktion des schweren motorisierten Lastverkehrs. Den genauen Betrag, den die SRH für dieses eine Gleis erhalten, will Hochstrasser nicht nennen. «Die Subventionen lassen sich nicht auf einzelne Gleise herunterbrechen», erklärt sie.

Flexibilität hilft

Philippe Cabane hat zwar das Auswahlverfahren konzipiert und betreut, kann die Zwischennutzungen am Klybeckquai inzwischen aber mit Distanz betrachten. Der Soziologe und einst Schlüsselfigur auf dem nt/areal ist seit dem Erscheinen des Juryberichts nicht mehr in das Projekt involviert.

Seiner Meinung nach wäre «Perron 4» mit etwas mehr Flexibilität und ohne Fixierung auf die Gleise besser bestellt gewesen. Andererseits hätten Kanton und die Rheinhäfen die in der Ausschreibung angebotenen Flächen nachträglich redimen­sioniert, was für Cabane angesichts des Engagements der vielen Beteiligten einen eindeutigen Vertrauensbruch darstelle. «Jetzt fliessen die ohnehin schon knappen Ressourcen mehr in die Bewältigung unnötiger Konflikte als in die Entwicklung eines neuen städtischen Freiraums.»

Dennoch ist Philippe Cabane optimistisch, was die Zwischennutzungen am Klybeckquai betrifft. «Meist ist es besser, wenn so etwas langsam geschieht», meint er. So hätten auch die kleine­ren, niederschwelligeren Projekte genügend Zeit, um sich zu entfalten: «Der Mainstream kommt dann noch früh genug.»

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 05.04.13

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