«Aber bei Alex war es schlimm»

Im Museum für Gegenwartskunst ist eine Videoinstallation zu sehen, die leer schlucken lässt: Die Basler Künstlerin Lena Maria Thüring hat mit Männern gesprochen, die in ihrer Primarschulzeit missbraucht wurden.

Preisgekrönte Installation, der ein beklemmendes Thema zugrunde liegt. (Bild: Lena Maria Thüring, «Kreide fressen», 2013 MGK Basel/Manor Kunstpreis, Foto Gina Folly)

Im Museum für Gegenwartskunst ist eine Videoinstallation zu sehen, die leer schlucken lässt: Die Basler Künstlerin Lena Maria Thüring hat mit Männern gesprochen, die in ihrer Primarschulzeit missbraucht wurden. Schauspieler tragen die Erinnerungen vor.

Die auf drei im Raum hängenden Projektionsflächen gezeigte Video-Installation der Basler Manor-Kunstpreisträgerin Lena Maria Thüring beginnt mit vordergründig harmlosen Schilderungen aus der Schulzeit: Man wurde umplatziert, wenn man sich nicht benahm, die Frau des Hausmeisters beschimpfte die Kinder, man rutschte die Treppengeländer hinunter und man spielte mit Flaschendeckeln Fussball. Dass der Lehrer darauf achtete, dass nach dem Schwimmen nackt geduscht wurde und die Jungen sich überall gut abtrockneten, heben die Erzähler zwar hervor, erklären aber, dass dies alles nur «wegen der Hygiene» war.

In den nüchtern vorgelesenen Schilderungen tauchen immer mehr Brüche auf. Sätze wie «Das Pult des Lehrers stand rechts neben der Wandtafel. Seine Hände rochen nach Seife», lassen aufhorchen. Es wird deutlich: Der Primarlehrer hat Grenzen überschritten, hier handelt es sich um Schilderungen von sexuellem Missbrauch: Lukas erzählt: «Am nächsten Tag gingen Tom und ich zusammen spazieren. Im Wald kam uns der Lehrer mit Alex entgegen. Ich sprach mit Alex. Und hörte Tom lachen und sagen:Ich sah noch, wie der Lehrer die Hand aus seiner Hose zog.»

«Und dann kam das Abschlusslager.»

Im Abschlusslager der Primarschulzeit wird den Buben klar, dass sie Missbrauch erleben. Alex entscheidet sich, es seiner Mutter zu erzählen. Tom: «Ich war erleichtert, dann musste ich nicht darüber sprechen.» Die Reaktion der Eltern, der Verlust der Freundschaft zu Alex und die Konsequenzen für den Lehrer werden erzählt oder angedeutet.

Künstlerin Lena Maria Thüring (Jg. 1981) hat Interviews mit mehreren jungen Männern geführt, die in ihrer Primarschulzeit Missbrauch erlebt haben. Untereinander haben diese nie wieder darüber geredet. Sie waren einfach froh, nach den Sommerferien ins Gymnasium zu kommen. «Alles andere konnte man vergessen.» Doch: «Die Scheisserinnerungen kamen danach.» Mit solch reduzierten Sätzen schafft Thüring Lücken für die eigene Vorstellung.

Verstehen, wie sowas passieren kann

Die Leistung der Künstlerin liegt darin, dass es ihr gelingt mit dieser überaus aktuellen Thematik subtil und zurückhaltend umzugehen. Den in ihrer Arbeit gesprochenen Text hat sie selbst geschrieben und aus den transkribierten Interviews heraus kondensiert. Ihr geht es nicht um Sensation, sondern um ein Verstehen, wie so etwas passieren kann, wie die jungen Männer sich über 20 Jahre später an das Geschehene erinnern oder eben nicht.

«Kreide fressen» wurde mit drei synchronisierten Kameras aufgenommen, die in unbewegter Einstellung jeweils einen der drei vorlesenden Schauspieler zeigen. Zwei Aufnahmen hat Thüring hintereinander geschaltet, sie loopt diese. Der gesprochene Text ist der gleiche, doch Betonung und Timing der abwechselnd und teilweise ineinander fliessenden gesprochenen Sätze variieren leicht. Auch Mimik und Gestik sind verschieden. Indem Thüring auf die schauspielerische Interpretation fokussiert, schafft sie nochmals Distanz zum Gesagten. Mit diesem formalen Mittel zeigt sie auch auf, wie jede Erinnerung durch das wiederholte Erzählen zu einer anderen Geschichte wird.

Der Titel «Kreide fressen» des Werks bedeutet als Redewendung «sich scheinbar friedfertig geben» und geht auf das Märchen «Der Wolf und die sieben Geisslein» der Gebrüder Grimm zurück. Die Geisslein werden in der Geschichte vom Wolf gefressen, weil dieser, nachdem er Kreide gefressen hat, die Geisslein mit seiner hohen, zarten Stimme täuschen kann. Sie öffnen ihm die Tür. Ein Geisslein kann sich verstecken und die Geissenmutter rettet anschliessend ihre anderen Zicklein und füllt den Bauch des schlafenden Wolfes mit Steinen. Die Kleinen kommen davon, der «Wolf im Schafspelz» wird bestraft.

  • Der Manor Kunstpreis Basel ist mit einer Einzelausstellung im Museum für Gegenwartskunst verbunden. Zudem erscheint eine monografische Publikation. Katalogpräsentation und Gespräch mit der Künstlerin findet am 3. Dezember im Elaine MGK statt.
  • Die Ausstellung „Lena Maria Thüring“ dauert noch bis 5. Januar 2014. Der vollständige Text von «Kreide fressen» liegt im Museum als Saaltext auf und kann auch über die Website des Kunstmuseums heruntergeladen werden.
  • Ein Porträt der Künstlerin finden Sie hier.

Konversation

  1. Geschätzter IggyK,
    im Grunde genommen bin ich bestrebt, die Kommentar-Funktion in Online-Zeitungen so selten wie möglich zu benutzen – und wenn dann auch nur, wenn ich mich im Stande fühle, eine in irgendeiner Hinsicht nützliche Aussage zu treffen. Doch wenn ich Kommentare wie der Ihre lese, die ich nicht nur als eine Aneinanderreihung unreflektierter, rückständiger Stammtischparolen, ohne jeglichen Mehrwert für andere Leser empfinde, sondern tatsächlich als Affront, möchte ich dies nicht einfach widerstandslos hinnehmen.
    Wie kommen Sie zum Beispiel dazu zu behaupten, die im Artikel beschriebene Arbeit sei orientierungslos und weltfremd? Deckt sie sich nicht mit Ihren Vorstellungen? Kennen Sie die Welt so gut, dass Sie sagen können, was die Realität ist und was nicht? Und wissen Sie ganz nebenbei auch noch, in welcher Richtung sich die künstlerische, die kuratorische und die journalistische Tätigkeit zu richten haben?
    Den absoluten Tiefpunkt erreicht Ihr Kommentar meiner Meinung nach aber in der Behauptung, etwas Erbauendes sei an dieser Stelle, d.h. im Museum nützlicher, als dem braven Bürger die Missstände der Gesellschaft aufzuzeigen. Selbst wenn ich die mir verhasste Formulierung des braven Bürgers ausser Acht lasse, komme ich nicht umhin zu glauben, Sie seien der Meinung, Missstände dürften nur dann und an den Orten aufgezeigt werden, die Sie als legitim erachten. Dies empfinde ich als abscheuliche Bevormundung und Heuchelei. Daran ändert auch Ihr Postskriptum nichts.

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  2. Sind mer in unserer Gsellschaft so wiit das de Künstler zum Journalist wird? Die Frog stellt sich mir wenn i de Musee oft Arbeite vo junge Künstler atriff, wo passender wiis no Video bruche wie in däm Bispeil und e art Journalismus betribe mit Künstlerischen astrich. Am Sunntig nomitag wärde am brave Bürger im Museum d Misständ vo dr Gsellschaft uf zeigt wo miner Meinig nooch öpis erbauendes nützlicher wär.
    Oder isch die Form vo Kunst schicht e Spiegelbild vo unsere Gsellschaft: Elitär gwordeni, eitli Problem ufbauschig, in woorheit e Orientierigslosiges realitätsfremdes Schaffe uf Materiell hohen Niveau! I chas nit anderst sage, soory Künstlerin, mir fehlt bi däre Arbeit eigentlich nur no eins: hätsch sötte Fotomodels näh zum vorläse das hät no meh idruck hinterloh!!! D Kritik goht au an ali wo so öpis möglich mache. Werdet wider realistischer denn für mi isch das e Weltfremdes getue in dr Kunstscene wo i schrecklich find. ( PS: I möcht das Problem wo agsproche wird nit chleirede i sag nur das es in dr Kunst in däm Rahme am falsche ort isch)

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