Achtung Kunst? Die Fondation Beyeler und die umstrittenen Mädchen-Bilder von Balthus

Die Fondation Beyeler stellt mit Balthus das Schaffen eines Künstlers aus, der für seine lasziven Mädchen-Portraits bekannt ist – und für die Kontroversen, die seine Bilder auslösen. Ob er trotzdem ein grosser Meister der Moderne sein kann, lässt sich deswegen nur schwer beurteilen.

«Thérèse» (1938): Der Künstler hatte sie zwei Jahre zuvor als Elfjährige kennengerlernt und danch wiederholt gemalt.

Es ist wohl nicht die Aufmerksamkeit, welche die Fondation Beyeler gesucht hat, auch wenn ihr der «Spiegel» das kürzlich unterstellt hat. Auf plumpe Sensationslust zu setzen hat das in den letzten Jahren stets seriös arbeitende Museum schlicht nicht nötig.

Aber gewiss, der Künstler, den das Beyeler Museum nach Riehen holte und der gern lasziv posierende Mädchen malte, bringt zwangsläufig viel Aufsehen mit sich. Die Ausstellung zeigt eine Retrospektive des Schaffens von Balthus (1908 – 2001). Als Autodidakt schuf er insgesamt 350 Werke, die allesamt aus dem Kunstkanon der Moderne fallen.

Zu sehen ist in der aktuellen Ausstellung rund ein Zehntel davon. Mal erinnern sie an den frühen Impressionismus, mal an Surrealismus. Doch mit Stilbezeichnungen lässt sich das oftmals seltsam und geheimnisvoll wirkende Werk nicht fassen.

Ein schwieriger Blick

So betrachtet ist Baltus Werk interessant. Und es ist folgerichtig, dass die Fondation Beyeler, die der Moderne verpflichtet ist, das Schaffen dieses Ausnahmekünstlers zeigt. Als «einen der letzten grossen Meister der Kunst des 20. Jahrhunderts» preist das Museum den Maler an, «der zugleich zu den singulärsten und kontroversesten Künstler der Moderne zählt».

Das Wort «kontrovers» dominiert die Diskussion um die Person und das Werk von Balthus allerdings dermassen, dass eine unvoreingenommene Betrachtung und Beurteilung des Schaffens fast unmöglich ist. Denn es sind jene Porträts von Mädchen in aufreizenden Posen, die das Schaffen des Künstlers beherrschen, besonders diejenigen von Thérèse. 1936 hat er sie als Elfjährige kennengelernt, bis 1939 blieb sie sein bevozugtes Modell.

Balthus selber sprach von der empathischen Darstellung kindlicher Ungezwungenheit. Für sehr viele Betrachter von damals bis heute spricht aus den Bildern ein voyeuristisch-pädophiler Blick, der ziemlich direkt zwischen die meist geöffneten Schenkel des verträumten und viel zu selbstbewusst wirkenden Mädchens führt.

«Le Roi des chats» (1935). Der Künstler als eitler Geck in einem Selbstporträt.

Im Zuge der #MeToo-Bewegung fokussierte sich dieser Blick vor allem auf ein Bild, das in der Fondation Bayeler ebenfalls zu sehen ist: «Thérèse rêvant» von 1938 (die Fondation stellt kein Pressebild dieses Werks zur Verfügung). Es zeigt das Mädchen, das sich mit über dem Kopf verschränkten Armen auf einer Chaiselongue zurücklehnt. Ein Bein hat sie auf dem Stuhl abgestellt, dadurch rutscht ihr Rock zurück und der Blick auf die weisse Unterhose zwischen ihren Beinen wird frei.

Gemalt ist das Bild toll, komponiert auch. Es gehört zur Sammlung des Metropolitan Museum of Art in New York. Und hat dort eine heftige Kontroverse ausgelöst. In einer Online-Petition forderten 11’000 Unterzeichner das Museum auf, das Bild abzuhängen oder zumindest mit einer erläuternden Legende zu versehen. Das Museum ging nicht auf diese Aufforderung ein, was wiederum von anderen als Plädoyer für die Freiheit der Kunst gelobt wurde.

Machtposition ausgenützt?

Darf man dieses Bild nun noch zeigen? Ja, zumal als erwiesen gilt, dass der Künstler sich nie an diesem Mädchen vergangen hat. Und Jein, weil Balthus hier doch einen Schritt zu weit gegangen ist. In einem lesenswerten Text in der «Zeit» schreibt die New Yorker Kunsthistorikerin:

«Eine mächtige Person (in diesem Fall ein bekannter Künstler, der wohlhabend und ein Mann ist) verwendet ihre Privilegien dazu, Menschen auszunutzen, die keine Kontrolle darüber haben, wie sie porträtiert werden oder was mit ihrem Körper geschieht.»

Unter dem Strich ist es dennoch richtig, dass das Bild neben weiteren Darstellungen von Thérèse in der Ausstellung in Riehen zu sehen ist. Ohne die Mädchenbildnisse wäre eine Retrospektive von Balthus‘ Schaffen schlicht verlogen. Auf einen Warnhinweis verzichtet das Museum, im Saaltext aber wird auf die Kontroverse hingewiesen.

Die Fondation geht also erst einmal zurückhaltend an die Debatte heran. Aber sie scheut sie nicht. Im Gegenteil: Die Fondation bietet auf ihrer Website und in der Ausstellung mit einer Kommentarwand Diskussionsplattformen an. In der Ausstellung stehen extra Auskunftspersonen zur Verfügung. Damit beschreitet das Museum einen seriösen und klugen Weg.

Seltsame Strassenszenen

Und so wichtig die Mädchenbildnisse in Baltus‘ Schaffen sind, hat er doch auch andere Werke geschaffen, die eine spannende neue Facette der Moderne offenbaren. So unter anderem zwei Strassenszenen («La Rue» von 1933 und «Passage du Commerce Saint-André»), die eine seltsame und geimnisvolle Atmosphäre ausstrahlen, die an Dystopie grenzt. Menschen, Passanten, die sich wie Puppen in einem Spiel am Rande der Entmenschlichung befinden.

«Passage du Commerce Saint-André» (1952–1954).

Es gibt den Kunstkosmos eines merkwürdigen Menschen zu entdecken, Bilder, die für einmal wirklich zum Nachdenken anregen – mögen die Gedanken nun mehr oder weniger positiv sein. Schon das alleine lohnt einen Besuch der Ausstellung.

Fondation Beyeler: «Balthus». Bis 1. Januar 2019.

Konversation

  1. By the way:

    Basel und Beyeler können sich glücklich schätzen, dass Balthus‘ „Guitar Lesson“ (seit 41 Jahren nicht mehr gezeigt, im Privatbesitz der Stavros-Niarchos-Erben) nicht für die Ausstellung zur Verfügung stand.

    Und interessant, dass Dominique Spirgi in seinem Artikel nicht auf die Existenz dieses Werkes eingeht…

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  2. D. Spirgi schreibt in TaWo:

    „Und Jein, weil Balthus hier doch einen Schritt zu weit gegangen ist. In einem lesenswerten Text in der «Zeit» schreibt die New Yorker Kunsthistorikerin…“

    Die New Yorker Kunsthistorikerin Julia Pelta Feldmann, ein Mensch, der Zensur befürwortet, wenn diese Zensur nur von der „richtigen“ Seite aus geschieht.

    „Wie kann so eine „Graswurzelzensur“ aussehen? Eine Antwort liefert Blacks Brief. Durch die Linse des unkonventionellen Verständnisses von Meinungsfreiheit betrachtet, das Svenonius und Stark artikulieren, unterscheidet sich Blacks Aufruf zur „Zensur“ grundsätzlich von den Machenschaften von Medienkonglomeraten, repressiven Regierungen und reichen Mäzenen. Er ist ein Plädoyer für die Umverteilung von Redefreiheit und eine Mahnung, dass der Mord an Emmett Till keine Sache der Vergangenheit ist, sondern bis in unsere Gegenwart hineinreicht.“ (1)

    Das ist doch nichts anderes als ein Verrat an den Idealen der Aufklärung, nichts anders als ein weitere Aufforderung, hinein ins dunkelste Mittelalter zu taumeln.

    Das einzig „lesenswerte“ an Feldmanns Texten ist ihre Selbstoffenbarung, ihr Bekenntnis zur Vernichtung von Freiheit. Der wesnetliche Unterschied zur islamistischen Forderung, Mohammed-Karikaturen zu verbieten, liegt in der intellektuellen Verschwurbelung ihres Anliegens.

    (1) https://www.deutschlandfunk.de/ueber-kunst-zensur-und-zerstoerung-das-bild-muss-weg.1184.de.html?dram:article_id=394153

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  3. Meine Nachbarin – und die hat weiss-Gott schon verdammt viel erlebt in ihrem Leben – meinte letztens im Stegenhaus zu mir:

    „Herr Zedermann, die „Schweinereien“ finden doch in den Köpfen derer ab, die sich empören – dort, und sonst nirgends.

    Wer auf der Leinwand eine „Schweinerei“ zu entdecken glaubt, der möge doch bitte in eine psychologische Beratung gehen.

    Und das eigentliche Widerwärtige ist doch, dass die „Empörten“ meinen, in die Köpfe jener schauen zu können, denen sie dann einen wie immer gearteten Lustgewinn unterstellen.“

    Was hätte ich entgegnen wollen? So freue mich über den TaWo-Hinweis und gehe mit Freude in die Ausstellung – nachzuspüren, was in den Köpfen der „Empörten“ so statt zu finden mag…

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