Ade Antiquitäten, willkommen Kunst – der Petershof schreibt seine Geschichte fort

Ein altes Haus vollgestopft mit Antiquitäten – das hat Michèle Glasstetter geerbt. Dann hat sie Kurator Roger Giger kennengelernt. Und aus dem Petershof ein Universum voller Kunst und Kuriositäten geschaffen.

(Bild: Yaël Debelle)

Ein altes Haus vollgestopft mit Antiquitäten – das hat Michèle Glasstetter geerbt. Dann hat sie Kurator Roger Giger kennengelernt. Und aus dem Petershof ein Universum voller Kunst und Kuriositäten geschaffen.

Als der Vater noch lebte, durfte Michèle Glasstetter nichts anrühren. «Nicht einmal den Teppich mit den Hundehaaren durfte ich aus dem Schaufenster entfernen.» Glasstetter ist mit Relikten der Vergangenheit aufgewachsen.

Der «Bappe» war Antiquitätenhändler, hatte das Geschäft am Petersgraben 19 schon von seinem Bappe geerbt. Er sei ein Sammler gewesen, der seine Möbel und Nippsachen nicht loslassen konnte, sagt die 59-Jährige. «Seine Preise waren eher abschreckend.» Damit ihm bloss niemand etwas wegnehme. Veränderung duldete er nicht.

Und dann starb er 2011 und Michèle Glasstetter musste verändern. Musste räumen und entrümpeln, musste verkaufen und loslassen. Drei Stockwerke voller antiker Objekte. Heute, fünf Jahre nach dem Tod, atmet das 150-jährige Haus.

Michèle Glasstetter erbte ein geschichtsträchtiges Haus. Sie musste räumen und entrümpeln, musste verkaufen und loslassen. Nun träumt sie von einer ganz neuen Welt im alten Haus. (Bild: Yaël Debelle)

Die Liquidation ist zwar noch immer im Gang – aber die Tochter hat dem alten Geschäftshaus neues Leben eingehaucht: Seit Anfang Oktober bespielen 14 zeitgenössische Künstler die Lagerräume mit ihren Gemälden, Skulpturen und Lichtinstallationen. «Sie sind am Puls des Lebens», sagt Glasstetter, «mitten in ihrer Schaffenskraft.» Aus dem verstaubten Haus haben sie ein Wunderland voller Poesie kreiert.

Eigentlich forscht Glasstetter über Regenwürmer und Tausendfüssler. Sie ist studierte Biologin, lehrt und forscht an der Universität Basel. Doch die Baslerin hat Geschichte geerbt, und das verpflichtet. Neben dem Geschäft hat der Bappe ihr auch die Liegenschaft hinter dem Laden vermacht.

Hier hatte der Universitätsmitgründer Ritter Hans von Flachslanden im 15. Jahrhundert gewohnt. Heute leben 18 Mieter in den vier Häusern, die sich um einen idyllischen Innenhof gruppieren. Glasstetter verwaltet den Flachsländer Hof für die Erbengemeinschaft und hat an der Uni nur noch ein kleines Pensum.




Alte Gemäuer, neue Kunst. (Bild: Yaël Debelle)

Im Estrich, wo sie als Kind zwischen staubigen Antiquitäten spielte, hängt nun ein schwerer, verwitterter Holzpflock an einem Drahtseil. Seine Spitze leuchtet hell. Wenn man dem Pflock einen Schubs gibt, malt er Licht auf eine weisse Platte mit fluoreszierender Farbe.

«Pendel» heisst die Installation von Lichtkünstler Hansruedi Leonhard Schlegel. Er ist einer von 14 lokalen und internationalen Künstlern, die Kurator Roger Giger für die Ausstellung ausgewählt hat.

Schlegels sonderbare Objekte verbrüdern sich mit der Mystik des Hauses. Ein Plastikbecher schwebt in der Luft und giesst Farbe in einen zweiten Becher. Aus einer alten Saftpresse voller Glühbirnen fliesst gelbe Flüssigkeit, «Birnensaft».




Kunst trifft Antiquität: Im Petershof entsteht ein neues Universum. (Bild: Yaël Debelle)

Roger Giger wollte eigentlich nur einem Kollegen helfen, einen Schrank aus Glasstetters Laden zu schleppen. «Doch als ich das Haus betrat, fiel mir die Kinnlade runter.» Das historische Gebäude habe ihn sofort in den Bann gezogen, sagt der Allschwiler Hausmann und Kunstliebhaber, der früher mal Marketingfachmann war.

Nun bilden die beiden ein Duo und wollen aus dem einst abgewirtschafteten Petershof ein Kulturdenkmal machen. «Ich habe die Räume, er kennt die Künstler», sagt Glasstetter. Die aktuelle Ausstellung läuft noch bis zum Ende der Herbstmesse, die nächste ist bereits geplant.

Die Kunst soll Kundschaft in den Laden bringen. «Wir müssen das Kässeli füllen, damit wir sanft renovieren können», sagt der 51-jährige Giger. Die Ausstellungen seien eine Zwischennutzung, betont Glasstetter. Noch reicht die Infrastruktur des Hauses nicht für mehr, es gibt keine Toiletten und Kälte dringt durch die Ritzen und die dünnen Fensterscheiben.




Keine Spotlights, keine weissen Wände – der Stimmung ist dies nur zuträglich. (Bild: Yaël Debelle)

Die Künstler spielen mit dem ungehobelten Charme der Räume. Zwei mannshohe Zündhölzer von Künstler Thomas Hofstetter schauen einander aus verkohlten Köpfen an, schuldbewusst. Als ob sie einst die Decke angezündet hätten, die vom Russ der Öfen und Gaslampen geschwärzt ist. Und die abstrakten Acrylgemälde von Irène Spörri enden nicht am Bildrand, die Patina der Wände malt sie scheinbar weiter.

«Wir sind keine Galerie. Weisse Wände gibt es hier nicht», sagt Glasstetter. Auch keine Spotlights. Und so bleibt das schwarze Schaukelpferd von Hofstetter im Halbdunkel, als hätten es spielende Kinder vor Jahrzehnten hier vergessen.

Hufe donnern auf das Pflaster, die eisernen Räder quietschen. «Ich höre die Rösser noch», sagt Glasstetter, «in meinem inneren Ohr.» Sie schreitet über die Gasse, durch die einst Pferde die Lastwagen mit Kachelöfen ins Hofinnere zogen.

Wenn Glasstetter den Petershof betritt, sind sie wieder da. «Es ist jedes Mal eine Zeitreise», sagt sie. Seit diesem Herbst ist es auch eine zeitgenössische Reise.

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«Kunst im Petershof», Petersgraben 19, Basel. Die Ausstellung dauert noch bis am 15. November und ist jeweils am Freitag und Samstag von 11 bis 18 Uhr geöffnet, während der Herbstmesse täglich von 11 bis 20 Uhr.

Konversation

  1. ich habe ich mich immer aufgeregt, ab dieser ruine
    und den irren preisen.
    jetzt wird gejubelt, aber solche häuser sind rar, wie wohnraum.
    nur gewisse leute können sich ein hobby leisten , dank eigentum.

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  2. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich diese Geschichte freut!! Als ehemalige Studentin am Nadelberg/Petersgraben hege ich seit über 20 Jahren eine tiefe und leider etwas unerfüllte Liebe zu dieser Liegenschaft – zweifellos bin ich hiermit auch nicht die Einzige… das alte Schaufenster hatte zweifellos seinen Reiz: man konnte mit sich selber wetten, ob man die alle paar Monate eintretenden minimen Veränderungen bemerkte, und ach, diesen unglaublich schönen Jugendstilweingläsern (6 Stück, 1300.-), die man ein paar Jahre lang bewundern konnte, trauere ich jetzt noch etwas hinterher… aber man wünschte sich doch, dass die Liegenschaft mit etwas mehr Leben erfüllt würde, wenn man schon nicht selber drin wohnen und die Räume eigenhändig renovieren konnte. Nun freue ich mich auf die nächsten 20 Jahre und wünsche Frau Glasstetter viel Glück!

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