Als Black Tiger den Mundart-Rap erfand

Vor einem Vierteljahrhundert erhielt Black Tiger in einem Tonstudio die Chance zu beweisen, dass man auch im Basler Dialekt rappen kann. Sein Manifest pro Graffiti wurde zum Take für die Ewigkeit. Jetzt feiert er mit vielen Weggefährten sein grosses Bühnenjubiläum in der Kaserne.

Basler Old School-Original: Black Tiger lieferte vor 25 Jahren ein flammendes Plädoyer für Graffiti.

Vor einem Vierteljahrhundert erhielt Black Tiger in einem Tonstudio die Chance zu beweisen, dass man auch im Basler Dialekt rappen kann. Sein Manifest pro Graffiti wurde zum Take für die Ewigkeit. Jetzt feiert er mit vielen Weggefährten sein grosses Bühnenjubiläum in der Kaserne.

Wir schreiben das Jahr 1992. Nachdem 100 Vinyl-Platten von «Fresh Stuff 1» im Nu vergriffen waren, schiebt der Ostschweizer Musikproduzent Pascal De Sapio einen zweiten Sampler mit Schweizer Rap nach. Diesmal auf CD und in grösserer Auflage. Darauf zu hören sind Stücke der bekanntesten Hip-Hopper im Lande, E.K.R. aus Zürich und Sens Unik aus Lausanne. Der Auftakt auf «Fresh Stuff 2» stammt jedoch aus der dritten Hip-Hop-Metropole der Schweiz. Basel.

Y bin e Schprayer, und y schpray‘ won y will
Das isch e Basler Rap, drum loos‘ zue und sig schtill
D’Polizei will mi schtoppe, dass schaffe die nie
Wenn die mi schtresse wänn, hänn sie nur drmit Mieh
Dir saget ych vrschmier‘ alles und sig e Vandal
Doch y vrzier‘ nur Betonwänd, wo gruusig sin und kahl
Ych trag‘ nur zur Vrschönerig vom Schtadtbild bi
Graffiti isch e Kunscht, Kunscht isch alles für mi

Der diese Zeilen dichtete heisst Urs Baur alias Black Tiger. Die Crew P-27 hat ihm einen Gastauftritt gewährt. Black Tiger will seinen Part nicht wie in der Szene üblich auf Englisch rappen, sondern rasselt sein Manifest pro Graffiti auf Mundart runter – in einem einzigen Take. «Das klang so ungewohnt wie Metal auf Esperanto», erinnerte sich Skelt! von P-27. «Aber der Groove war zweifelsfrei da.»

Das bestätigt sich nach Veröffentlichung von «Fresh Stuff 2»: Die Verse werden in Jugendzentren und auf Schulhöfen zitiert, «Murder By Dialect» verhilft dem Mundart-Rap zum Durchbruch.

Ych hass‘ dr graui Alldaag, vo däm han y gnueg
Y will nümm schtill sy, y gib‘ nie meh Rueh
Es git Lütt, die saagen ych sig e Typ ohny Niveau
Doch die wärde mi nie vrschtoh
In den Auge vo dr Polizei bin ych kriminell
Zue dene sag‘ ych nur eins: Go to hell!
Löhnd mi in Rueh und schtööret mi nid
Wenn ych am Bahnhof schpray, sunnscht fänd‘ ych das shit

Dass Black Tiger ausgerechnet das Sprayer-Dasein beschreibt, hat einen guten Grund: Wie fast alle Basler Rapper hat auch er zuerst Skizzen gezeichnet, ehe er Reime schmiedete. «Ich wollte die Stadt farbig machen», erinnert sich Black Tiger im Buch «POP Basel». «Mein Motto lautete: Mach den Beton zu deinem Freund, mach daraus eine bunte Welt.»

Das wiederum war manchen Menschen ein Dorn im Auge. Eines Nachts in den späten 80ern, als Black Tiger mit Freunden entlang der Bahngeleise sprayte, fielen Pistolenschüsse. «Wir hatten tierisch Angst und rannten davon.» Die Verfolgung der Sprayer dokumentierte er daraufhin in seinem Text zu «Murder By Dialect».

Bulleschtress und Bürgerwehr
Lütt mit Hünd, bewaffnet mit Gwehr
Dummi Type, die mache mi vrruggt
Die sölle mi in Rueh loh susch schlohn‘ y zrugg
Die wänn mi manipuliere, fruschtriere
Damit ych nümme due Wänd vrschmiire
D’Polizei will mi schtoppe und ins Gfängnis kheie
Damit ych ändlig uffhör‘, alles z’vrschpraye
Nur kai Angscht, ych wird nie uffhöre
Denn ych bi au aine vo dene Vrschwörer
Aine wo d’Schtadt e chli farbiger macht
Graui Wänd loht vrsuffen in dr Farbepracht
Im Farbemeer, das isch nid schwer
S’einzige, wo schtört, isch d’Bürgerwehr
Die sött me abschaffe, wie d’Armee
In e Kischte vrpagge und ab drmit in See

Wer damals auf die Sprayer schoss, blieb unklar. «Die Polizei war es nicht, wir vermuten es war ein Nachtwärter oder eine Privatperson. Wir wussten damals, dass sich Leute zusammengeschlossen hatten zu einer Bürgerwehr, die gegen die Graffiti-Szene vorgehen wollten», erinnert er sich. «Wir fürchteten diese Patrouillen und hassten sie gleichzeitig. Uns ging es ja nicht um Zerstörung oder Vandalismus, zumindest mir nicht, sondern um Kreativität. Hätte es amtlich bewilligte Graffiti-Wände gegeben, hätte ich dort gesprayt.»

Tempi Passati: Nicht nur gibt es heute amtlich bewilligte Graffiti-Flächen, Hip-Hop wird auch amtlich gefördert. So erhielt auch Black Tiger für sein kreatives Schaffen mehrfach Unterstützungsgelder. Verdientermassen, ist er doch längst eine wichtige Integrationsfigur, hat mehrere Generationen Hip-Hopper zusammengeführt – und zwar aus allen Schichten, allen Kreisen. Man erinnere sich nur an sein letztes Monsterprojekt: 1 City 1 Song

Am 30. Oktober feiert Black Tiger in der Kaserne ein grosses Fest: 25 Jahre Bühnenjubiläum. Mit dabei sind zahlreiche alte Freunde: MC Rony, Shape, Poet, Luana, Skelt!, um nur einige zu nennen. Es würde uns sehr erstaunen, wenn man dann «Murder By Dialect» nicht wieder mal hören würde. Basel, dä Räp isch für dy!

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Black Tiger, 25 Jahre Bühnenjubiläum: Samstag, 29. Oktober, 21.30 Uhr. Kaserne, Basel. 

Konversation

    1. Was solls da zu erklären geben ? Ein Weisser nennt sich Black Tiger, kupfert einen Musikstil ab, der v.a. von Schwarzen entwickelt wurde, und niemand kümmerts.

      Aber wehe, ein Weisser malt sich Schwarz an, ob nun alte Tradition wie in Holland oder nur dämlich wie im Fernsehen – was für ein Aufschrei !

      Und nein ich werde auch in Zukunft keine „Schaumküsse“ essen…

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    2. Lieber @M. Seiler.. Amtlich bestätigt: Sie haben KEINE Ahnung. Mindestens 50% der Gene von B.T. sind afrikanisch. Reichts? Muss man sich schwarz anmalen um bei Ihnen als black durchzugehen? Wer ist da rassist?

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  1. Zu ergänzen ist aber, als es die ersten legalen Spraywände gab, diese verschmäht wurden. Vielen Sprayern hat der Kick gefehlt. Man muss auch ganz klar unterscheiden zwischen kunstvollen, kreativen Sprayereien auf kahlen Betonwänden und primitiven, sinnbefreiten Tags. Diese sind ja oft auch als Sachbeschädigung zu taxieren, da sie auf nicht so einfach zu reinigenden Untergründen oder gar historischen Bauten angebracht werden. P-26 – hit de Road Tschägg …

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