Amber Eve tanzt dich scharf – und das ist toll

Poledancerin Amber Eve tanzt aufreizend an einer Stange. Mit schmuddelig hat das aber gar nichts zu tun. Ganz im Gegenteil.

(Bild: Nils Fisch)

Poledancerin Amber Eve tanzt aufreizend an einer Stange. Mit schmuddelig hat das aber gar nichts zu tun. Ganz im Gegenteil.

Wer Amber Eve zum ersten Mal tanzen sieht, der hat zwei Möglichkeiten, zu reagieren: wegschauen oder nicht wegschauen können. Das hat viel damit zu tun, wie Amber Eve tanzt. Oder besser gesagt, woran: an einer bis zu drei Meter hohen Stahlstange. Und tanzen ist als Beschreibung vielleicht auch zu einfach: Sie wirbelt, klammert und schlängelt sich an der Stange entlang, als wäre es ihr Geliebter, oder vielleicht sogar ihr Körper, eine Verlängerung ihrer Glieder. 

Das klingt jetzt alles etwas abstrakt, dafür, dass Poledance eine so sinnliche Disziplin ist. Und zugegeben: Es ist nicht einfach, zu beschreiben, was Amber Eve oder Eva, wie diese Frau in Wahrheit heisst, hier tut. Weil die Worte fehlen, weil man viel zu wenig darüber redet, und auch weil man – vielleicht gerade deswegen – eine gewisse Scheu vor der Beschreibung dieser Art von Tanz empfindet: Wie schreibe ich über etwas, was in nullkommanichts als pornografisch empfunden wird? 

Stripperin? Nicht ganz

Die Annäherung geschieht wie immer in der Begegnung. Amber Eve ist eine zierliche junge Frau, helle Haut, rote Haare. Sie sitzt im «Rostigen Anker», vor sich ein Glas Schorle, ihr Blick ist konzentriert, sie wählt ihre Worte aus, aber so, dass es nicht auffällt. Die 27-Jährige kennt diese Herausforderung: Du tanzt Stange? Bist du Stripperin? Sie lacht. Natürlich strippt sie auch ab und zu bei ihren Auftritten. Aber was sie tut hat nichts zu tun mit der Sorte Striptease, wo der Tanz nur als Vorspiel für den Gang aufs Zimmer dient.

Und trotzdem hält sich die Vorstellung hartnäckig. Menschen würden oft sofort was Schmuddliges mit Pole Dancing assoziieren, sagt Eva. Dabei gehe es ihr gar nicht darum – ganz im Gegenteil: «Mir geht es um Sinnlichkeit, um Ausdruck. Weibliche Sinnlichkeit ist was Schönes und ich find das toll, wenn jemand seine Sinnlichkeit geniessen und zum Ausdruck bringen kann.»

Natürlich gibt es auch Pole Dancing in Bordellen, aber da zieht die gebürtige Bayerin ihre Grenzen, das kommt für sie nicht infrage. Es geht nicht darum, jemanden ins Bett zu kriegen, sondern ums subtile, humorvolle Anmachen, um die Vorstellung. Indem es nicht weiter als bis zum Bühnenrand geht, geht es eben ganz weit.

Klar ist das auch sexuell, ohne Frage, aber wo liegt dabei das Problem? Man kann sich doch dazu bekennen, dass man das toll findet. Besonders junge Männer hätten in dieser Hinsicht so ihre Probleme, meint Eva. «Die trauen sich gar nicht, sich einzugestehen, dass sie so was ganz cool finden. Ich glaub, das hat was mit Respekt zu tun: Man denkt, man würde die Frau nicht respektieren, wenn man sie beim Tanzen betrachtet und das auch noch sexy findet. Dabei ist das Quatsch.» Die meisten Frauen, die sie bei ihrer Arbeit kennengelernt habe, seien starke, toughe Frauen, die Spass am Job haben und genau wüssten, was sie wollten.

Für den Kick ins kalte Wasser gesprungen

Wie die Frauen im kleinen Stripclub in Neuseeland, wo Eva zum ersten Mal mit einer Stange in Kontakt kam. Sie war 25, tanzte seit 15 Jahren Ballett und war alleine am Reisen. «Für viele Menschen ist das der totale Kick – da sind sie in einem neuen Land, einer neuen Kultur, arbeiten vielleicht ein bisschen und finden das super cool. Aber für mich reichte das einfach nicht.» Sie brauchte was anderes, mehr Challenge. Bei einem Skype-Gespräch meinte ein guter Freund von ihr, sie solle doch im Stripclub arbeiten gehen. Er meinte eigentlich an der Bar, aber Eva dachte sofort ans Tanzen. Und kriegte es nicht mehr aus dem Kopf. 

Als dann von einem Stripclub in der Nähe ein Inserat geschaltet wurde, machte sie Nägel mit Köpfen und ging vorbei. «Ich bin damals voll ins kalte Wasser gesprungen», meint sie lachend. Zwei Gläser Rotwein später stand sie auf der Bühne und improvisierte. Mit Erfolg: Man stellte sie an für die zwei Monate, die sie noch im Land war.

Zurück in Basel kam dann das Loch: Hier gibt es kaum eine Szene, keine Clubs, zumindest keine wie jenen «Gentleman’s Club» in Neuseeland. Pole Dancing wird hier vor allem als Sport praktiziert, was auch super sei, aber halt nicht dem entspreche, was sie machen wolle. Ihr geht es nicht darum, möglichst viele verrückte Tricks drauf zu haben, sondern eine Verbindung zum Publikum aufzubauen, ihm ein Körpergefühl zu vermitteln, das es so vielleicht nicht kennt. Oder sich nicht zu kennen getraut.

Womit wir wieder beim alten Problem wären: Bei einem Auftritt im Sud, wo regelmässig Burlesque-Veranstaltungen stattfinden, suchte Amber Eve den Augenkontakt zum Publikum – was nicht so recht klappen wollte. «Das war richtig schade. Als wäre es ein Vergehen, so was toll zu finden.» Sind die Basler vielleicht einfach prüde? «Ich glaube, es ist eine Frage der Gewohnheit. Wer sich dieser Art von Ausdruck öffnet, der wird auch besser damit umgehen können.» Und wie bringt man die Menschen dazu, sich nicht bei jeder Stange sofort an den Strich erinnert zu fühlen? 

Wenn der Funke überspringt

Eine berechtigte Frage, dessen ist sich auch Eva bewusst, wenn sie in die Rolle der Amber Eve schlüpft. Wer sie aber einmal gesehen hat, der merkt, was sie mit Ausdruck weiblicher Sinnlichkeit meint: Jede ihrer Bewegungen geschieht natürlich und unaufgeregt, sie arbeitet eben nicht nur eine Choreografie runter, sondern schafft eine Verbindung, eine Form von Kommunikation. Sie sagt: «Wenn du dich wohl fühlst in dem, was du machst, kannst du die komischsten Verrenkungen machen und der Funke springt trotzdem über.» 

Für diesen Funken arbeitet Amber Eve hart: Wenn sie kann, trainiert sie jeden Tag mindestens eine Stunde, dabei filmt sie sich, um einen Zuschauerblick zu haben. Zusätzlich sucht sie sich Musik aus, erstellt Choreografien dazu und näht sich ihre Kostüme. Nebenbei führt sie mit zwei Freunden ein Café und macht eine Ausbildung zur Bewegungspädagogin.

Ganz schön viel für das wenige Stangentanzen, könnte man da als Skeptiker denken. Könnte man. Darauf hat Eva die perfekte Antwort – in Form eines Posts auf ihrem Instagram-Account:

 

Wisdom on a #madmonday ? #monday #wisdom #knowitall #arentweallsinners #touristenderliebe

A post shared by Amber Eve (@gingerdancing) onMar 20, 2017 at 2:52pm PDT

«Wer sich nicht einlässt, ist ein Tourist der Liebe. Ein Feigling.» Und wenn die Liebe tatsächlich so was wie ein Ort ist, dann ist das Pole Dancing Evas Heimat. Und dem Skeptiker bleibt nur eine Reaktion: Schau hin!


Am 8. April tritt Amber Eve beim «Cabaret Bizarre» im Grand Café Sud auf.




(Bild: Nils Fisch)

Konversation

  1. Dieser Artikel ist ja geschrieben wie eine Annäherung des Blaukreuzmagazins an die Freuden des Alkoholgenusses.

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  2. Naomi ist meines Wissens ein weiblicher Name.
    Nils war wohl nur der Photograph.

    Was man da so als Mann immer im Kopf hat…..

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