Bachmanns «Tell»: Berauschendes Spektakel auf engstem Raum

Frenetischer Applaus für den früheren Basler Schauspielchef Stefan Bachmann: Zusammen mit einem fulminant aufspielenden Ensemble fegt er Schillers «Tell» im berauschenden Jamben-Stakkato über die Bühne.

Die Familie Tell mit Waltherli (Ilario Raschér), Vater Tell (Bruno Cathomas) und Hedwig (Justus Maier).

(Bild: Simon Hallström)

Frenetischer Applaus für den früheren Basler Schauspielchef Stefan Bachmann: Zusammen mit einem fulminant aufspielenden Ensemble fegt er Schillers «Tell» im berauschenden Jamben-Stakkato über die Bühne.

Langsam öffnet sich der schwere eiserne Vorhang und gibt den Blick frei auf die Bühne, die eigentlich gar keine ist, sondern eine portalfüllende Holzwand. Gerade mal anderthalb Meter Boden bleiben bis zur Rampe. In die Wand eingeschnitten ein Kreuz, in dessen Querstrebe aufrechtes Stehen nicht möglich ist.

Auf dem Programm steht «Wilhelm Tell» von Friedrich von Schiller. Dieses pathosgeschwängerte Eidgenossen- und Revolutionsdrama, von einem Deutschen geschrieben und in der Schweiz zum Nationalepos erkoren.

Wer dieses Stück auf den Spielplan setzt, muss in Zeiten, in denen der antieuropäische Reduitgedanke Überhand nimmt, genau wissen, was er damit sagen möchte. Man kann das Ganze ironisieren, wie dies Frank Castorf 1991 in Basel getan hatte. Oder man feiert ein opulentes Stück Schweizer Geschichte, das in erster Linie Legende ist, wie dies auf diversen Freilichtbühnen geschieht.

Oder man geht ganz anders an die eigentlich ausgesprochen spannende Geschichte heran, wie dies Stefan Bachmann nun mit seiner Inszenierung in Basel getan hat.

Vom Sprachrhythmus getragen

Zu Beginn hört man das leise Ticken einer Uhr, die nicht nur die letzten Stunden der Tyrannei durch die Habsburger zählt, sondern auch den Rhythmus des Geschehens vorgibt. Vor allem den Rhythmus der Sprache, die Schiller in den dramatischen Versduktus fünfhebiger Jamben gegossen hat.

Es geschieht, was man kaum erwartet hat: Die Schauspieler lassen sich in ihrem Sprechen vom Ticken der Uhr tragen, das – gesteuert von DJ Singoh Nketia alias DJ Flink – in einen musikalischen Beat übergeht. Das Volk der Hirten rappt Schiller-Verse, fast zwei Stunden lang. Die grossen Emotionen steigen nicht aus dem Bauch herauf, sondern werden durch das Stakkato des Versrhythmus‘ nach aussen gehämmert.

Da erscheinen sie alle Schlag auf Schlag, die berühmten Blankverse aus dem «Tell»: «Die Axt im Haus erspart den Zimmermann», wie Tell einmal sagt. «Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern», wie die Urschweizer aus Uri, Schwyz und Unterwalden schwören. Oder: «Und frei erklär ich alle meine Knechte», als sich der adlige Ulrich von Rudenz (Simon Kirsch) vom Freiheitsdrang des gemeinen Volkes mitreissen lässt.

Ein hypnotischer Sog

Es ist faszinierend, wie diese ungewöhnliche Herangehensweise funktioniert. Der Sprachrhythmus zieht das Publikum in einen hypnotischen Sog, vom Geschehen hinter der Bühnenrampe werden die Zuschauer geradezu umlullt.

Die enge Bühne (Olaf Altmann) lässt dem neunköpfigen Ensemble wenig Bewegungsfreiheit. Es ist der Raum gewordene Rahmen für das, was der tyrannische Reichsvogt Gessler (ein diabolischer Thiemo Strutzenberger im Kostüm eines Sheriffs von Küssnacht) mit den Worten ausdrückt:

«Ich hab den Hut nicht aufgesteckt zu Altdorf
Des Scherzes wegen, oder um die Herzen
Des Volks zu prüfen, diese kenn ich längst.
Ich hab ihn aufgesteckt, dass sie den Nacken
Mir lernen beugen, den sie aufrecht tragen.»

Alpiner Western

Dieses Volk ist eine düstere Bande von bärtigen Hirten, gekleidet in wüste Fetzen von Stepphosen und Fellwesten (Kostüme: Jana Findenklee und Joki Tewes). Manchmal erinnern sie – wohl in Anlehnung an die Beschreibung des Literaturwissenschaftlers Peter von Matt, der «Tell» einst mit einem alpinen Western verglich – an Indianer.

Die herausragende Figur ist Werner Stauffacher (Robert Dölle), der seine Mitstreiter Fürst, Rösselmann, Melchtal, Baumgarten und Winkelried (Wolfgang Pregler, Thomas Reisinger, Max Rothbart und Justus Maier) zum Aufstand führt. Nicht aufrecht stehend, denn dafür ist auf dieser Bühne kein Platz, sondern sitzend und kauernd treffen sie sich zum Rütlischwur.



Der Apfelschuss.

Der Apfelschuss. (Bild: Simon Hallström)

An eine Indianerszenerie erinnert auch der berühmte Apfelschuss. Tells Knabe Walther (Ilario Raschér) wird zuoberst auf einem Menschenturm gestellt – ein Bild, das an einen Marterpfahl erinnert.

Nur dieser Tell passt nicht recht in die Indianergesellschaft. Er ist und bleibt auch in dieser Inszenierung ein Aussenseiter: «Der Stärkste ist am mächtigsten allein.» Bruno Cathomas ist ein Wuchtbrocken von Mensch. Schwer nach diesem Auftritt nicht an Cathomas zu denken, wenn einem der «Tell» durch den Kopf schwirrt.

Fulminant aufspielendes Ensemble

Es ist das fulminant aufspielende Ensemble, das die Inszenierung zum Ereignis werden lässt. Übrigens werden auch die Frauenfiguren von Männern gespielt – ohne dass peinliche oder überdreht belustigende Momente entstehen: Tells Gattin Hedwig von Justus Maier, Stauffachers Gattin Getrud von Wolfgang Prengler und Berta von Bruneck von Nicola Matroberardino, der auch noch in der Rolle des eigentlich schon fast mumifizierten Freiherrn von Attinghausen zu sehen ist.

Das Premerenpublikum bedachte das Ensemble und die künstlerische Leitung nach knapp zwei Stunden Spieldauer mit frenetischem Applaus. Ein einsamer Buh-Rufer im Zuschauerraum gab rasch auf.
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Theater Basel: «Wilhelm Tell» von Friedrich von Schiller. Koprodukltion mit dem Schauspiel Köln auf der Grossen Bühne. Die nächsten Vorstellungen: 27. Februar, 5. März und ab 19. März.

 

 

 

Konversation

  1. „Wer dieses Stück auf den Spielplan setzt, muss in Zeiten, in denen der antieuropäische Reduitgedanke Überhand nimmt, genau wissen, was er damit sagen möchte“.

    Und deshalb steht diese Frage im Raum: Was hat uns Bachmann damit gesagt?

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