Basel feiert den wichtigsten Schweizer Historiker

Am 25. Mai würde Jacob Burckhardt 200 Jahre alt. Und weil dieser Name nicht mehr allen geläufig ist, startet das Departement Geschichte der Uni Basel eine Offensive. 

«Desktop»: Jacob Burckhardt im virtuellen Raum.

Seit ein paar Tagen hängen in Basel Plakate mit seltsamen Sprüchen eines gewissen Jacob Burckhardt. «Im Grunde sind wir ja überall in der Fremde, und die wahre Heimath ist aus wirklich Irdischem und aus Geistigem und Fernen wundersam gemischt», heisst es da zum Beispiel. Und darunter sind Kommentare junger Menschen zu finden, die nicht immer zu verstehen scheinen, was der alte Mann damit sagen möchte.

Wer ist nun dieser Jacob Burckhardt (1818–1897)? Jetzt haben wir doch erst einen Johann Ludwig Burckhardt gefeiert, der als Scheich Ibrahim Berühmtheit erlangt hatte. Zwei Vertreter des Basler Daigs, was man an der Schreibweise des Namens mit dem charakteristischen ckdt erkennt. Aber darüber hinaus?

Der Kopf auf der Tausender-Note

Bildungsbürger mögen über diese Frage den Kopf schütteln, aber die breite Bevölkerung? Als Konterfei der noch gültigen Tausend-Franken-Note beweist, dass die Person einen bedeutenden Status in der Schweizer Geschichte haben muss. Aber wer trägt schon Tausender-Noten mit sich herum.

Dass Burckhardt als wichtigster Schweizer Historiker und Geisteswissenschaftler des 19. Jahrhunderts gilt, dass er als Begründer der Kulturgeschichte gehandelt wird, wissen wohl nicht ganz so viele. Auch nicht, dass sein vor 160 Jahren geschriebenes Werk «Die Cultur der Renaissance in Italien» noch immer zu den Standardwerken der Geschichtswissenschaften und der Kunstgeschichte gehört.

Dies möchte eine Gruppierung um das Departement Geschichte der Universität Basel ändern. Gelegenheit dazu bietet der 200. Geburtstag Burckhardts, der dieses Jahr begangen wird: mit seriöser Wissenschaft, aber auch mit Veranstaltungen und Aktionen, die ein breiteres Publikum ansprechen sollen.

Virtuelle Reise durch den Burckhardtschen Kosmos

So lockt unter anderem eine virtuelle Reise durch Burckhardts Kosmos. Im Historischen Museum Basel kann man sich an einen der zwei Nachbauten von Burckhardts Schreibtisch setzen, eine Datenbrille aufsetzen und in eine faszinierende dreidimensionale Bilderwelt eintauchen. Und hoffentlich auch wieder mal auftauchen, um sich auch noch den danebenstehenden Originalschreibtisch anzuschauen, der zur Sammlung des Museums gehört. Zumindest hofft das Museumsdirektor Marc Fehlmann, wie er an der Medienpräsentation im Schiff der Barfüsserkirche sagte. Am Freitag, 4. Mai, ist Vernissage in der Barfüsserkirche.

Dazu kommen viele, sehr viele weitere Aktionen und Veranstaltungen. Rund um seinen eigentlichen Geburtstag am 25. Mai findet eine internationale Tagung statt. Am 8. Mai sprechen der Autor Lucas Bärfuss und die Kunsthistorikerin Bice Curiger an einem Podium im Foyer des Theaters Basel über die «Aktualität des Historischen». Im Staatsarchiv sind Originalschriften zu sehen, in der Unibibliothek und der Bibliothek des Kunsthistorischen Seminars werden Teile seiner immensen Fotosammlung gezeigt, die Burckhardt für seine Vorlesungen brauchte. Und in der Kaserne Basel wird im Juni unter anderem «Das Jacob Burckhardt Katzenstück» von Marcel Schwald zu sehen sein.

Und noch einiges mehr.

Geschichtsprofessor Lucas Burkart ist Initiant der breiten Aktions- und Veranstaltungsreihe.

Lucas Burkart, Professor für Geschichte des Spätmittelalters und der italienischen Renaissance an der Universität Basel, ist einer der Initianten des ausgedehnten Geburtstagsreigens. «Wir wollen Jacob Burckhardt nicht zum neuen Stadtheiligen erheben, sein Leben und Werk aber trotzdem über den Kreis der universitären Wissenschaften hinaus den Menschen näherbringen», sagt er. Deshalb habe er von Beginn weg Partner ausserhalb der Uni mit in die Programmgestaltung einbezogen.

Es erscheint vorbildlich, wie die Universität hier vom Elfenbeinturm heruntersteigt und durch Kooperationen mit Museen und Veranstaltungsorten wie der Kaserne Basel andere Herangehens- und Sichtweisen zulässt. Aber natürlich kniet sich auch die Wissenschaft gehörig in das Thema hinein. Seit vielen Jahren schon arbeiten Geschichts- und Kulturwissenschaftler an einer kritischen Gesamtausgabe von Jacob Burckhardts Werk. Sie ist auf 28 Bände angelegt – sehr viel Lesestoff also.

Hier eine Übersicht über die vielen Veranstaltungen und Aktionen zu Jacob Burckhardt.

Konversation

  1. Grundsätzlich: Ich begrüsse die Anstrengungen der Uni, Burckhardt wieder präsenter zu machen.

    Burckhardts Erkenntnisse (und ihr Nutzen für den Ideen-Reichtum der Menschheit) wären ohne dessen individuelle Existenz nicht möglich. (Der Gotthard-Tunnel wäre dagegen auch ohne die Existenz des Individuums Antonio Pace, ungelernter Arbeiter aus Genova, möglich.)

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  2. Achtung!
    Es gibt noch andere Geschichte(n):
    – „Frauengeschichte(n)“, Limmat-Verlag l986.
    – Die noch nicht geschriebene Geschichte der tatsächlichen Erbauer vieler Dinge in der Schweiz (Tunnels, Strassen, Hochhäuser, Brücken…), die eigentlich sogar ein Denkmal verdient hätten.
    (Nein, nicht die Architekten und Ingenieure, sondern die, die die Verschalungen genagelt haben, den Beton verdichteten, die Armierung legten, im Dreck standen im Bauloch, bei Lärm die Autobahn neben den fahrenden Autos teeren und all das machen, was den meisten etwas zu dreckig ist.)
    – Die Geschichte der verkauften/verdingten Kinder.
    – Die Geschichte der organisierten Ungerechtigkeit.
    – … und die reale ungeschönte Geschichte.

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    1. Ach, ach, Herr Cesna, diese Meinungsäusserung ist nun doch etwas vorgestrig. All die von ihnen aufgezählten Geschichte(n) werden seit Jahrzehnten intensivst aufgearbeitet, längst auch von der akademischen Geschichtswissenschaft. Sie standen in den 90er Jahren, als ich Geschichte studierte, sogar dermassen im Vordergrund, dass man um die gute alte Geistesgeschichte und um die Politikgeschichte fürchten musste.

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    2. Wirklich?
      Die Geschichtsbiographie eines Herrn B. vom vornehmeren Zürichseeufer dürfte immer noch mindestens dreimal so dick sein, wie die von so manchem Tunnelbauer am Gotthard oder am Lötschberg-Basistunnel.
      …falls es Letztere einmal geben wird.

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    3. @ Cesna:

      Und nicht zu vergessen: All die Frauen und Gays und Lesben und Trans-Menschen, denen das Patriarchat es damals verwehrte, im Gotthard-Stollen mit zuschuften!

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    4. z. B. auch diese von einem gewissen B. Brecht:

      Wer baute das siebentorige Theben?
      In den Büchern stehen die Namen von Königen.
      Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
      Und das mehrmals zerstörte Babylon

      Wer baute es so viele Male auf?
      In welchen Häusern des goldstrahlenden Limas wohnten die Bauleute?
      Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war die Maurer?
      Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?

      Über wen triumphierten die Cäsaren?
      Hatte das vielbesungene Byzanz nur Paläste für seine Bewohner?
      Selbst in dem sagenhaften Atlantis brüllten in der Nacht, wo das Meer es verschlang
      Die Ersaufenden nach ihren Sklaven.

      Der junge Alexander eroberte Indien.
      Er allein?
      Cäsar schlug die Gallier.
      Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

      Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte untergegangen war. Weinte sonst niemand?
      Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg.
      Wer siegte außer ihm?
      Jede Seite ein Sieg.

      Wer kochte den Siegesschmaus?
      Alle zehn Jahre ein großer Mann.
      Wer bezahlte die Spesen?
      So viele Berichte. So viele Fragen.

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