Basels Kulturschaffende sollen Unternehmer werden

Das neue Basler Kulturleitbild nimmt die Veranstalter in die Pflicht: Basels Kulturchef Philippe Bischof zieht die Schraube an und fordert mehr «betriebswirtschaftliches Denken» von subventionierten Betrieben.

Philipp Bischof, Kulturbeauftragter der Stadt Basel (Bild: Michael Würtenberg)

Das neue Basler Kulturleitbild nimmt die Veranstalter in die Pflicht: Basels Kulturchef Philippe Bischof zieht die Schraube an und fordert mehr «betriebswirtschaftliches Denken» von subventionierten Betrieben.

Das neue Basler Kulturleitbild, das die Kulturförderpolitik bis 2017 bestimmen wird, ist kein grosser Wurf. Minutiös werden die einzelnen Sparten analysiert und gewürdigt. Überraschende Visionen und mutige Schwerpunktsetzungen fehlen – stattdessen ist in dem in hölzerner akademischer Sprache verfassten Konzept viel von «Qualitätsmanagement»,  «Beobachtungs- und Steuerungssystemen»,  «Controlling- und Potenzialgesprächen» die Rede.

Konkret wird das Konzept nur bei den neuen Kriterien für die Mittelverteilung: Die Regierung verlangt künftig «mehr betriebswirtschaftliches Denken» von den Subventionsempfängern. In Controlling- und Potenzialgesprächen sollen die Leistungsvereinbarungen stärker überprüft werden.

Herr Bischof, was bringt das Kulturleitbild 2012?

Philippe Bischof: Es bringt zunächst eine Bestandesaufnahme über die Vielfalt und die Qualität der kulturellen Angebote. Es gibt Antworten auf Fragen wie «Welche Kultur haben wir hier in Basel?» und «Worüber verhandeln wir eigentlich?»

Aber das wissen die Leute doch schon.

Aber nur teilweise. Und vor allem war das eine Forderung aus der Vernehmlassung, die wir ernst genommen haben. Selbst verwaltungsintern wissen manche Leute nicht genau, wofür wir alles zuständig sind. Einige waren etwa überrascht, dass der Kunstkredit Teil der Abteilung Kultur ist. Wir haben insgesamt versucht, eine ehrliche Bestandesaufnahme zu machen und Akzente zu setzen: Schwerpunktmässig bei den Museen und bei den Orchestern, wo sehr viele Themen anstehen, aber auch bei der Jugendkultur und der freien Szene. Und wichtig ist uns auch die Entwicklung der Publikumsstruktur. Wir wollen wissen, wer welche Veranstaltungen besucht und für wen die Angebote sind – und wir wollen unsere Förderpolitik auch danach ausrichten.

Wird es also ungemütlicher für die Subventionsempfänger?

Ich hoffe nicht ungemütlicher, aber es wird vielleicht etwas anstrengender werden. Denn wir machen ein klares Agenda-Setting: bei den Museen, bei den Orchestern, bei der Vermittlung. Es wird künftig nicht reichen, wenn ein Subventionsempfänger – zum Beispiel in Fragen der Kulturvermittlung oder beim Einbezug der Migrationsbevölkerung – sagt, wir werden mal schauen. Wir erwarten da eine aktive Auseinandersetzung.

Heisst das, dass die Abteilung Kultur vermehrt aktiv ins Kulturgeschehen eingreifen wird?

Nein, eingreifen dürfen wir schon aus gesetzlichen Gründen nicht. Wir wollen aber die Diskussion über Themen steuern, ohne in die Inhalte einzugreifen, und klare Aufträge mit den Subventionen verknüpfen. Bei den Museen heisst das zum Beispiel, dass ein Museumskonzept erarbeitet wird, das sich auch an Publikumsbedürfnissen orientieren muss. Gegenseitige Bezüge zwischen den Institutionen dürfen nicht nach dem Zufälligkeitsprinzip funktionieren. Die Museen sollen ihre Arbeit dort koordinieren, wo es Möglichkeiten gibt. Wichtig ist mir auch, dass gesellschaftliche und kulturelle Alltagsfragen in die Museumsarbeit und die anderer Institutionen einfliessen.

Schaut man sich im Leitbild die einzelnen Arbeitsfelder respektive Kultursparten an, dann wird das Ganze sehr oberflächlich: Es fehlt an Visionen, an überraschenden Ideen, die Neues ermöglichen könnten. Hat Ihnen hier der Mut gefehlt?

Das Leitbild ist kein Ankündigungspapier. Wer das erwartet hat, wird enttäuscht – diese Kritik kann ich nachvollziehen. Aber wir wollten uns nach dem Leitungswechsel nochmals einen Überblick über alle Bereiche verschaffen; und auf keinen Fall wollten wir Visionen in die Welt setzen, die wir dann aus Budgetgründen nicht umsetzen können. Zudem ist das Leitbild nicht der Ort für den Entwurf konkreter Projekte – schliesslich könnten diese alle beim Regierungsrat oder spätestens im Grossen Rat durchfallen, sobald sie budgetrelevant werden. Wir setzen lieber schrittweise um.

Lesen Sie das ganze Interview in der TagesWoche vom Freitag, 20.4.

Konversation

  1. Der korrekte Titel für das diskutierte Dokument wäre «Leitbild für die kantonale Kulturförderung des Kantons Basel-Stadt». Der Titel «Kulturleitbild» ist nicht nur falsch, er weisst auch gleich auf die Schwächen des Konzepts hin: Die nicht-subventionierte Kultur wird darin ungenügend berücksichtigt. Wie soll beurteilt werden, wofür wie viel Subvention Sinn macht, wenn nicht auch berücksichtigt wird, was ohne Subvention möglich ist?

    Danke Empfehlen (0 )
  2. Leider wird hierzulande meistens betriebswirtschaftliches Handeln gleichgesetzt mit Einschränkung der künstlerischen Freiheit. In Deutschland kann man schon lange beobachten, dass kleine und grosse Kulturveranstalter nicht zwingend zu Kommerzschuppen werden müssen, wenn sie mit Kulturmarketing arbeiten.
    Philippe Bischofs Kulturleitbild enthält zwar nicht die Wegweiser, die ein Leitbild enthalten sollte. Doch seine Funktion ist schlau durchdacht: Als Auslegeordnung des Kulturbestandes ist das Leitbild die Basis, auf der die Veranstalter nun ihre Massstäbe und ihre konkreten Ziele definieren können. Dieser Prozess wird bei einigen Veranstaltern Leerläufe aufdecken und Potenzial sichtbar machen. Was ist dagegen einzuwenden? Wir können uns doch auch die Erfahrungen in anderen Ländern anschauen und uns von guten Ideen anregen lassen. Wie Kulturveranstalter Erfolg haben können, indem sie verantwortungsvoll wirtschaften und ein potentielles Publikum prägnanter ansprechen, zeigt mit zahlreichen Beispielen „Kulturmarketing“ von Armin Klein (ISBN 3-423-50848-5).

    Herrat Schedler

    Danke Empfehlen (0 )
  3. Ich habe Mühe mit dem Begriff „Kulturschaffender“
    Alles was im Kulturbetrieb zur Administration gehört, ist schon nicht mehr Kulturschaffend sondern erwerbstätig und muss bezahlt werden.
    Der bildende Künstler ist ebenfalls Kulturschaffender, arbeitet voll auf dem eigenen Risiko und ist immer schon Unternehmer. Bevor z.B. die Regionale ausgelobt wird, muss der Kulturschaffende etwas herstellen, mit dem er sich bewerben kann um in der Kunsthalle hängen zu dürfen, falls er ausgewählt wird.
    Sie werden sich jetzt fragen, wo die Kausalität zum Bericht besteht!
    Die Grundkosten der Häuser sind ja bekannt, dies sind Fixkosten, welche sowieso gedeckt sein müssen.
    Denkbar wäre doch, dass man eine Produktion plant, die variablen Kosten klar offenlegt und das Geld dafür zusätzlich beantragt. Eine Fachkommission prüft den Antrag und ein Ökonom oder Controller (egal wie man es jetzt nennen will) begleitet diese Produktion und überwacht die Kosten. Vielleicht hört sich das ein wenig „bünzli“ an und die Kreativen schreien „SO KANN ICH NICHT ARBEITEN“ aber jeder bildende Künstler muss sich, bevor er ein Werk umsetzt auch überlegen, wie hoch die Kosten werden.

    Danke Empfehlen (0 )
  4. Kultur hat ihren Ursprung doch genau dort, wo die Höhlenmenschen endlich Zeit fanden, mal nicht betriebswirtschaftlich zu denken (sprich jagen, sammeln und dem Konkurrenten eins über die Rübe ziehen). Über den Publikumsgeschmack wird man sich wohl auch nicht allzu viele Gedanken gemacht haben. Subventionen gab’s vielleicht in Form von Naturalien, völlig unbürokratisch und Leitbildfrei.

    Danke Empfehlen (0 )
  5. Auch wenn ich, aus Altergründen, ihre Auftritte nicht besuchen würde, aber doch, ich kann mir eine „staatliche rockband und ein staatlicher elektro-liveact“ vorstellen. Sehr gut sogar. Und ja, es müsste sie geben, die offizielle „Basler Rockband“. Genau so wie das “ Sinfonieorchester Basel“, die „Basel sinfonietta“, das „Neue Orchester Basel“, das „Akademische Orchester Basel“, das „Collegium Musicum Basel“, das „Kammerorchester Basel“, und was es sonst noch so alles an staatlich teil- oder ganz subventionierten „Kapellen“ gibt. Allein schon aus Gründen eines „ganzheitlichen Angebotes“.

    Noch ein paar Worte zu dem von Basels Kulturchef Philippe Bischof geforderten «betriebswirtschaftlichen Denken». Neu ist dieser Anspruch ja nicht und Herr Bischof hat’s auch nicht erfunden. Denn er galt schon, wie auch zuvor und danach, als Markus Breitner in den 60ziger Jahren Direktor des Städtebundtheaters Biel-Solothurn war. Eine Spielstätte an der so bekannte Personen wie etwa Armin Jordan, damals noch „Kapellmeister“, Jenny Rausnitz, Alfred Lohner, Erwin Kohlund, Franz Johann Danz, und und, entweder frisch nach der Ausbildung dort wirkten, oder als Schauspieler, als Schauspielerin, als Regisseur, als Regisseurin, als Sänger oder Sängerin tätig waren.

    Markus Breitner also, der eines Tages sich mehr oder weniger theatralisch die Haare raufend durch das Haus lief und jedem von seinem Ärger erzählte, weil ihm irgendein staatlich besoldeter Buchhalter von staatlichen Sparplänen erzählt hatte. Ach ja, und dann ging es noch um einen möglichst „publikumsfördernden Spielplan.“ „Wenn ich das erfüllen müsste, nur spielen zu dürfen was dem Publikum gefällt, dann könnten wir die ganze Saison über Abend für Abend bloss noch den Zigeunerbaron geben. Vor- und wieder rückwärts.“ Die Rebellion gegen die „Revolution“ gab es also schon damals.

    Danke Empfehlen (0 )
  6. Solche Kommentare mussten ja kommen. Sie sind aber so unüberlegt wie offensichtlich. Populär-, Jugend- und Undergroundkultur ist ja gerade deswegen weniger förderungsbedürftig als die sogenannte Hochkultur weil sie eben populär, jugendlich und underground ist. Die zugegebenermassen sehr aufwändige Hochkultur (Orchester, Oper, Theater) kann hingegen ohne massive staatliche Förderung nicht auf hohem Niveau funktionieren. Dass es in einer Stadt wie Basel beides braucht, versteht sich wohl von selbst.
    Wenn aber Anlässe der populäreren Kultur aufgrund vollkommen übertriebener Lärmbedenken aktiv ausgebremst werden (Floss, Buvette auf Münsterplatz u.a.), dann stört mich das natürlich auch.

    Danke Empfehlen (0 )
  7. Man könnt sogar weiter gehn: Stellen Sie sich vor, Kultur-Förder Politik würde im Sinne der Bürgerinnen und Bürger gemacht! Das wär eine Revolution! Dazwischen würde natürlich noch eine Diskussion stattfinden, über die ganz gescheite Ober-Kultur, und die etwas beschränkteren BürgerInnen…

    Danke Empfehlen (0 )
  8. stellen sie sich einmal vor es gäbe statt drei subventionierte klassische orchester nur noch eines, dafür eine staatliche rockband und ein staatlicher elektro-liveact…

    Danke Empfehlen (0 )
Alle Kommentare anzeigen (8)

Nächster Artikel