Basler Lyrikpreis an Klaus Merz verliehen

Das internationale Lyrikfestival im Basler Literaturhaus bot an diesem Wochenende nebst zahlreichen Performances auch eine Preisverleihung: Klaus Merz konnte den mit 10’000 Franken dotierten Basler Lyrikpreis entgegennehmen. 

Gefragter Preisträger: Klaus Merz erhielt den Basler Lyrikpreis 2012. (Bild: Cedric Christopher Merkli)

Das internationale Lyrikfestival bot an diesem Wochenende nebst zahlreichen Performances auch eine Preisverleihung: Der Aargauer Klaus Merz konnte den mit 10’000 Franken dotierten Basler Lyrikpreis entgegennehmen. 

Mit Klaus Merz hat ein Dichter den Basler Lyrikpreis verliehen bekommen, den zu loben selbst einer Laureatin wie Kathy Zarnegin schlaflose Nächte bereiten kann: Vielgestalt ist Merz‘ seit den 60er-Jahren entstandenes Werk und die inzwischen über 20, wenngleich schmalen Bände, die Gedichte, Erzählungen und mit «Jakob schläft» eigentlich auch einen Roman enthalten, bieten Konzentriertes. Entsprechend gilt der durch die Lyrikgruppe Basel verliehene und durch Unterstützung der Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige (GGG) mit 10’000 Franken dotierte Preis einem «Meister der Verdichtung».

Luzider Zugang

Launig hat Catherine Reinau, die Verantwortlichen für das Ressort Kulturförderung der GGG die Begrüssung gestaltet. Sie skizziert, wie die GGG seit ihrer Gründung 1777 die Dichter nicht direkt, sondern eher über die bibliotheksbesuchenden Leser ernährt habe – der Lektüre und damit dem «unnatürlichen und sogar gefährlichen Lesebedürfnis» der Stadtbewohner eine «vernünftige Richtung» gebend.

Weit weniger apodiktisch als diese Weisung des 18. Jahrhunderts, sondern persönlich und überaus luzid fällt der Lektüre-Zugang durch den Kosmos von Klaus Merz’ lyrischem Werk durch die Dichterin, Wissenschaftlerin und Psychoanalytikerin Kathy Zarnegin aus. Zarnegin fragt zum einen nach der Existenz des lyrischen Ich, also jener Instanz, die sich im Gedicht als «Ich» äussert. Zum anderen beobachtet sie, wie Merz’ Gedichte um Wahrgenommenes kreisen.

Seelischer Innenraum

Indem Zarnegin die beiden Betrachtungslinien aneinander koppelt, gelingt es ihr, zugleich inhaltliche wie formale Entwicklungslinien und Konstanten in Merz‘ lyrischem Schaffen aufzuzeigen. Und so führt Zarnegin vor, wie das beschriebene Wahrgenommene in dem frühen Gedichtzyklus, der programmatisch mit «Mit gesammelter Blindheit» (1967) betitelt ist, vornehmlich einem seelischen Innenraum eines «Ich» entstammt. Später rutscht dieses «Ich» «zwischen die Zeilen» und schafft so einen durch das Auge erfassten Aussenraum – ein Aussen, das sich einem Dichter wie Merz aufdrängt, Gedicht zu werden. Womit dieses Gedicht wiederum nicht nur Ereignis, sondern vielmehr «Eräugnis» werde.

Und so heisst es schon 1978 in «Kurzwaren»:

Poesie

Gedichte
auf Kronblätter notiert
eingestanzt in die Innenseiten
rosiger Zahnprotesen

Gedichte
geäzt in die glatten Wände
metallener Hubräume
enggestochene Tätowierungen
im Schambereich schöner Frauen.

Gedichte
feingezuckert auf der dünnen Oblate
in Brot eingebacken
auch werktags.

Gedichte
in Spiegelschrift lesbar
im Schönheitssalon
im Schleier der schwangeren Braut.

Gedichte
eingebrannt in die Unterseite
eigelber Fußgängerstreifen
zu entziffern auf Brückenpfeilern
bei Niederwasser.

Gedichte
im Gefieder der verbliebenen Vögel
unterm abgefahrenen Schwanz
streunender Katzen.

Gedichte
wo man sie nicht erwartet. 

Gedichte
auf Unterwanderung unterwegs
man kann sich nicht schützen.

Erinnerung an Kachelofen

So kommt zum Schluss der 66-jährige Laureat zu Wort: Zunächst mit einer Gedicht-Geschichte von einem Kachelofen-Gedicht, das seit Jahren entsteht und von dem noch nicht klar ist, ob es je als untadeliges Gedicht dastehen könne. «Entzündet» habe es sich an einer Erinnerung, die sich Merz kalten Wintertags aufdrängte, einer Erinnerung an einen warmen Kachelofen in einem Gasthof, an dem man «mit warmem Rücken zur Kunst Bier getrunken habe». Ob dieser Kachofen tatsächlich noch steht, scheint unsicher – der Gasthof ist einer Spaghetti-Factory gewichen. Beschreibt der Dichter aber den Ofen, Kachel für Kachel mit Bemalung, so erscheint er gleichsam als Ofensetzer – «Entwerter und Verwerter von der Kunst, in die unser Leben eingebrannt ist.»

Mit Applaus bedanken sich die Anwesenden für das Bild. Der preisgekrönte Dichter aus dem Aargau dankt der Lyrikgruppe Basel, ist bewegt, von Artgenossen ausgezeichnet worden zu sein – und geht zu einer sympathisch unprätentiösen und bewegenden Lesung einer Reihe von Gedichten aus älterer und jüngster Zeit über.

 

 

 

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