Pizza-Hoodies und Schlabber-Latex: Basler Designer machen Mode zum Genuss

Jungdesigner sein ist kein Zuckerschlecken. Anaïs Marti und Ugo Pecoraio vom Basler Label Collective Swallow ist das Wurst. Sie wollen in der Modewelt Fuss fassen und finden die nötige Inspiration beim Essen.

Die Inspiration kommt von Stoffen, Beobachtungen aus dem Alltag und vor allem: Essen. Ugo Pecoraio und Anaïs Marti in ihrem Atelier im Kleinbasel.

Eigentlich war es ein Höhepunkt in der bisher kurzen Karriere von Anaïs Marti und Ugo Pecoraio. Die beiden Designer konnten ihre Mode in Paris im Dach-Showroom ausstellen. Was für ein Schritt für ihr Label Collective Swallow! Und dann wurde ihr teuerstes Ausstellungsstück gestohlen.

Zwei Monate später lehnt sich Marti über ihre Werkbank und streicht einen dunkelblauen Paillettenstoff glatt. Darüber hat sie ein halbtransparentes Schnittmuster festgesteckt. Sie schneidert noch einmal das Kleid, das ihr gestohlen wurde. Immerhin war es ein Paradestück der laufenden Kollektion.

Keine Kollektion ohne Essen

Die ist allerdings schon fast Geschichte. Marti und Pecoraio arbeiten bereits an der Zukunft – an der Kollektion für die warmen und heissen Tage 2019. Noch hängen davon keine Kleidungsstücke im Atelier. Aber Stoff fürs Hirn hat Marti bereits in rauen Mengen an die Wand gepinnt: Modefotos, Schnappschüsse aus Magazinen und verschiedene Detailaufnahmen sollen Assoziationen wecken und die beiden Designer inspirieren. Auch Bilder von Essen.

Im Prinzip dreht sich ihre ganze Arbeit ums Essen. Es ist der rote Faden ihrer Linie. Jede bisherige Kollektion griff das Thema auf. Jüngstes Beispiel: Fiktive Pizzerien werben mit ihrem Logo auf den Sweatshirts und Hoodies der jüngsten Kreation.

Was hat es damit auf sich? Pecoraio erklärt: «Beim Essen geht es ja um mehr als nur das Lebensmittel an sich: Wie schmeckt es, wie viele Zutaten wurden zusammengemischt, wie fühlt es sich im Gaumen an, welches Muster hat das Tischtuch im Restaurant? All das sind Komponenten, die wir durch unsere Mode interpretieren wollen.»

Leckeres Essen auf lockerer Kleidung: Pizza-Hoodie.

Marti und Pecoraio arbeiten seit drei Jahren zusammen. Sie, die gelernte Damenschneiderin, und er, der eigentlich immer Grafiker werden wollte, den Job dann aber irgendwann «zu zweidimensional» fand. Beide hatten Modedesign in Basel studiert, so lernten sie sich kennen. Und auch ihr Label Collective Swallow ist nicht irgendwo entstanden, sondern am Morgestraich.

Zwei Partner, eine Linie

Vom Basler Morgestraich aus ging es nach Berlin zum Projektstart. Mittlerweile lebt Marti wieder hier, sie arbeitet in einem Atelier im Kleinbasel und nebenbei als Freelance-Designerin. Träume brauchen Geld. Und noch wirft das Kollektiv keinen Gewinn ab, es braucht Freunde, die helfen, Überstunden, Wochenendeinsätze. Pecoraio ist in Berlin geblieben. Er hält sich mit einem Job in einer PR-Agentur über Wasser und pendelt für Collective Swallow zwischen den Städten hin und her.

Die Kleider von Collective Swallow legen Wert auf Volumen, auch die Latex-Hose ist nicht eng anliegend.

Pecoraio und Marti sind ein ungleiches Geschäftspaar: Er, zurückgegeltes schwarzes Haar, drüber zu jeder Jahreszeit fast immer eine schwarze Kappe, dann das Sweatshirt hochgekrempelt, ebenfalls schwarz, auf den Unterarmen kleine Tattoos, eine Tätowierung streckt die Zunge raus, und wenn Pecoraio spricht, kommt alles in Bewegung, während der Fuss im Takt der Worte mitwippt.

Sie hingegen, Marti, sitzt ruhig auf ihrem Stuhl. Sie macht Pausen, bevor sie spricht. Vielleicht liegts an ihrem Berndeutsch. Ihr Shirt leuchtet weiss und gelb. Kleine Gemeinsamkeit: Auch Marti trägt ein paar feine Tätowierungen auf den Armen, und auch bei ihr streckt eine davon die Zunge heraus. Das ist aber Zufall.

Wenn die beiden schliesslich über ihre gemeinsamen Kleider sprechen, dann wirds technisch. Sehr technisch. Schier unmöglich, die Kollektion nur anhand der Beschreibungen vors geistige Auge zu bekommen, wenn man kein Bild sieht. Marti sagt zum Beispiel: «Wir arbeiten mit dem Volumen der einzelnen Stoffarten.» Das bedeutet dann: Es geht vor allem um die Beschaffenheit des Stoffs. Oder konkret: In der ersten Kollektion trugen die Models weite Roben aus Latex, jetzt ist es eine breit geschnittene Manchesterjacke oder eine flatternde Hose aus transparentem Material.

Jetzt fliessen die Sätze bei Marti, wenn sie von ihren Entdeckungen auf den Stoffmessen erzählt, von ihrem Faible für Glitzer, das man der Kollektion aber gar nicht ansehe, oder von all den Möglichkeiten, die noch nicht ausgeschöpft sind. «Es macht so Spass, alles anzufassen! Wenn ich einen Baumwollstoff in der Hand halte, der crispy, weich und glatt zugleich ist, bin ich in meiner Welt», sagt sie. Und ihre blau geschminkten Wimpern knallen dabei mit ihren orange lackierten Fingernägeln um die Wette.

Im dritten Jahr ihrer Zusammenarbeit können Marti und Pecoraio endlich auch ihre eigenen Kleider anziehen. «Am Anfang gab es nur die Prototypen. Wenn die Grösse stimmte, konnten wir sie auch anziehen, sonst halt nicht», erzählt Pecoraio. Die Stoffe sind teuer, das Budget schmal. Als die beiden ihr Werk einer breiteren Öffentlichkeit zeigen konnten, war Improvisation gefragt. «Wir haben Sweatshirts von H&M gekauft und unsere Grafiken darauf gedruckt, um etwas ‹Eigenes› tragen zu können.»

Heute kann Pecoraio darüber lachen. Er trägt den Pulli noch immer. «Es ist mein Lieblingspulli. Auch wenn die Farbqualität nicht toll ist. Die bei uns ist besser.» Dieses Jahr erhielten die beiden ein Fördergeld von der Berner Design-Stiftung. Damit können sie es sich leisten, ihre Prototypen in verschiedenen Grössen herstellen zu lassen. Ab und zu kaufen sich die Designer jetzt auch Kleider ihres eigenen Labels. «Es ist ein tolles Gefühl, die eigene Kollektion zu tragen», so Marti.

Auch sonst sieht es gut aus für die beiden: Ab September können sie ihre Kleider in zwei Basler Läden verkaufen. Das nächste grosse Ziel ist, dass die beiden Designer räumlich wieder näher zusammenrücken. Ob in Basel, Berlin oder Mailand spielt dabei keine grosse Rolle. «Hauptsache, wir können unser Baby weiterbringen», sagt Marti.

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